27. März 2012

Österreichische Schule und Humanwissenschaften Die Einheit des Wissens

Erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält

Der Evolutionsbiologe Edward O. Wilson veröffentlichte in den neunziger Jahren ein visionäres Buch: „Die Einheit des Wissens“. Darin forderte er dazu auf, die Grenzen zwischen den Disziplinen zu überwinden, um eine einheitliche Wissenschaft vom Menschen zu schaffen. Diese sollte von der Evolutionsforschung und Genetik über die Primatologie und Ethnologie bis zur Soziologie, Geschichte und Wirtschaftswissenschaft reichen.

Dieser Ansatz einer integralen Humanwissenschaft trifft sich mit dem Forschungsprogramm der Österreichischen Schule, die das Handeln des Individuums ins Zentrum ihrer Betrachtungen rückt. Dass Ludwig von Mises sich auf Freud und die Psychoanalyse bezogen hat, zeigt die Offenheit für den Dialog mit anderen Forschungsfeldern. Friedrich August von Hayek hat sich mit Psychologie, Ideen-, Rechts- und Verfassungsgeschichte auseinandergesetzt. Er hielt eine Ökonomie, die Geschichte, Psychologie und Philosophie ignoriert, nicht nur für fruchtlos, sondern sogar für gefährlich.

Auch die Ordoliberalen der Freiburger Schule verfolgten einen integralen Ansatz, der die Wirtschaftsordnung als eine Ordnung neben anderen Ordnungen – der politischen Ordnung, der Rechtsordnung, der kulturellen Ordnung und so weiter – beschrieb.

Eine integrale Wissenschaft vom Menschen führt uns von den Gesetzen der Logik über das Handeln des Individuums, das sich als Ergebnis von Anlage, Umwelt und persönlichem Lebenslauf beschreiben lässt, über die verschiedenen Formen sozialer Organisation zu Beschreibungen von Großgesellschaften, Volkswirtschaften und historischen Epochen.

Universelle Logik und das menschliche Handeln

Die logische Ökonomie untersucht die Gesetze der universellen Logik in Bezug auf das individuelle Handeln. Menschliches Handeln geschieht immer in einem Raum, in einer Zeit, nach den Gesetzen der Kausalität und entsprechend den Regeln der Logik. Handeln erfolgt immer an einem Ort und zu einer Zeit. Eine Handlung geschieht oder sie geschieht nicht, aber sie kann nicht etwa geschehen und nicht geschehen, die Ursache einer Handlung geht einer Handlung voraus und nicht umgekehrt.

Auf jeden Fall nicht in der Dimension, in der sich die Menschen bewegen. Bei Lichtgeschwindigkeit, in anderen Dimensionen, vor oder nach dem Urknall mag die Logik versagen. Für diese Grenzbereiche der Physik mag die Gültigkeit der Logik bestreitbar sein, aber sie gilt uneingeschränkt für die soziale Welt. Auf der Ebene, die die Menschen bevölkern, gelten die Regeln von Zeit, Raum und Kausalität. Davon ausgenommen sind nur Götter, magische Wesen und Zeitreisende. Die Ökonomie fantastischer Welten mag faszinierend sein, aber sie interessiert uns an dieser Stelle nicht.

Das Individuum als konkrete Größe

Das Individuum ist die kleinste und die einzige konkrete Größe in der Sozialwissenschaft. Gesellschaft, Volk, Klasse, Nation, System, Netzwerk, Struktur und so weiter sind Ableitungen, Abstraktionen und Modelle. Diese sind ein notwendiger Teil der Sprache über die Wirklichkeit. Der einzelne Mensch ist Wirklichkeit.

Ich kann viele Menschen beim Handeln beobachten. Ich sehe einen Kaufmann in seinem Geschäft, einen Bauern auf seinem Feld, einen Politiker an seinem Redepult, einen Feldherrn in seinem Jeep, den Häuptling in seinem Zelt. Die Ökonomie, die Landwirtschaft, die Politik, das Militär, den Klan, die Gesellschaft und die Nation kann ich hingegen als solche nicht beobachten. Letztlich sind alle gesellschaftlichen Entwicklungen auf das Handeln von Individuen zurückzuführen.

Biologie und Psychologie des Individuums

Die Evolutionspsychologie oder Soziobiologie untersucht die Evolution des menschlichen Genoms und damit die biologische Prägung des menschlichen Verhaltens. Sie vergleicht unser Verhalten mit dem Verhalten anderer Arten. Natürlich ist der Vergleich mit unseren nächsten Verwandten, den Primaten, besonders aufschlussreich. So dass die Primatologie eine Schlüsselstellung besitzt.

Die nächste Stufe betrifft den Vergleich verschiedener Kulturen. Die Ethnologie, die Wissenschaft von Völkern und Kulturen, bietet das empirische Material zum Vergleich von Hunderten, ja zum Vergleich von Tausenden unterschiedlicher Zivilisationen. Aus den Gemeinsamkeiten und Unterschieden lässt sich ableiten, welches Verhalten beim Menschen mit der Kultur variiert und wo es Konstanten gibt, die wahrscheinlich biologisch bedingt sind.

Die Neurobiologie beobachtet das Gehirn des Individuums und leitet daraus ab, welche Impulse zu Handlungen führen, sie untersucht quasi die Mechanik des Denkens und Fühlens. Die Entwicklungspsychologie untersucht die verschiedenen Phasen der Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung. Die Sozialpsychologie untersucht die Interaktion von Individuen in der Gruppe, die Auswirkungen von Gruppendynamik, Konflikten und Kooperation. Das Studium dieser Wissenschaften gibt uns ein grobes Raster über die Veranlagung, Entwicklungsphasen und Verhaltensmuster der Menschen.

Die historische Biographie

Die historische Biographie, also die Beschreibung des Lebens eines einzelnen Menschen, wurde in den siebziger Jahren von der Gesellschaftsgeschichte verdrängt. Dabei ist die Gesellschaftsgeschichte nur die Geschichte einer Abstraktion, wohingegen die historische Biographie die Geschichte eines realen Wesens wiedergibt. Auch die Volkswirtschaftslehre hat das Kunststück zustande gebracht, eine Wirtschaft zu beschreiben, in der der Unternehmer – also die zentrale Figur der Marktwirtschaft – als reales, schöpferisches und kreatives Individuum überhaupt nicht mehr vorkommt.

In der Biographie eines einzelnen Menschen, ob es sich um die eines Politikers, Feldherrn, Unternehmers, Künstlers oder Religionsstifters handelt, können wir anhand von Quellen, Tagebuchaufzeichnungen, Zeitzeugenberichten, Korrespondenzen, Lebenserinnerungen und so weiter das Handeln eines Individuums quasi in „Echtzeit“ beobachten. In der Literatur nennt man das Sekundenstil. Der Forscher kann herausfinden, wann sich welche Überzeugungen einer Persönlichkeit herausgebildet haben, wie lange jemand dafür brauchte, um bestimmte Ziele zu erreichen, welche Aufwendungen er dafür unternehmen musste, welche Rückwirkungen dies auf seine sozialen Beziehungen hatte, wie unerwartete Ereignisse das Leben eines Menschen verändern und so weiter.

Durch das Studium vieler Biographien gewinnen wir einen lebhaften „Eindruck“ vom realen Handeln. Wenn wir das Leben vieler Bankiers studiert haben, „verstehen“ wir besser, was in einer Bank wirklich vor sich geht. Durch das Studium des Lebens vieler Politiker verstehen wir besser, welche Regeln im politischen Geschäft gelten. Unter Anwendung des Vorwissens aus logischen Handlungsmodellen und den Erkenntnissen der Psychologie können wir dies besser einordnen und interpretieren.

Die Organisations- und Unternehmenssoziologie

Die Erweiterung des biographischen Ansatzes ist die  Beschreibung der Entwicklung und Geschichte von Unternehmen und Organisationen. Das Individuum erreicht seine Ziele im und durch den Aufbau von Organisationen. Das Studium der Geschichte und Soziologie von Organisationen ist deshalb für eine integrale Wissenschaft vom Menschen und seinem Handeln von zentraler Bedeutung. Das Untersuchungsfeld reicht vom prähistorischen Stamm bis zum Weltkonzern und zur Verwaltung des modernen Staates.

Besondere Bedeutung für das Verständnis von Wirtschaft hat natürlich die Unternehmensgeschichte. Die Unternehmensgeschichte ist quasi die Biographie eines Unternehmens, wie die Organisationsgeschichte die Biographie einer Organisation ist. Sie beschreibt, wie eine Organisation entsteht, wie sie sich entwickelt, die Konflikte innerhalb des Unternehmens, die Erfolge und Rückschläge und so weiter.

Die Beschreibungen eines Bankhauses,  eines Rohstoffkonzerns, einer Eisenbahnlinie, einer Wohlfahrtsorganisation, einer Teilstreitkraft, eines Geheimdienstes, der Mafia et cetera und der Biographien von Menschen, die sich in diesen Organisationen bewegten und sie prägten, erlauben uns eine Nähe zum Gegenstand, der nur von der eigenen praktischen Erfahrung übertroffen wird.

Länder-, Weltökonomie und Epochen

Nun kann ich den Blick zeitlich und räumlich noch weiter ausdehnen. Wenn ich ihn über das Individuum, sein Netzwerk und die Organisationen hinweg räumlich ausdehne, dann gelange ich auf die Ebene der Länderökonomien oder Volkswirtschaften.

Die Betrachtung kann jeden x-beliebigen geographischen Raum umfassen, sei es eine Provinz, ein Land, ein Großraum oder gar die ganze Welt. Es kann auch ein bestimmter Teilbereich dieser geographischen Räume sein, wie das Verkehrswesen in Europa, die demographische Entwicklung in Indien, die Migration in Afrika oder das Bankenwesen in den USA. Ich kann den Betrachtungsraum auch zeitlich ausdehnen über die Lebensspanne eines einzelnen Individuums und einer Organisation hinaus, dann beschreibe ich eine Epoche.

Wir bewegen uns also auf drei Ebenen: Dem Individuum und seinem Lebenslauf, der Organisation und seiner Entwicklung, und dem Raum und seiner Geschichte. Die Rückkopplung an die logische Ökonomie und Psychologie hilft uns auf jeder der beschriebenen Ebenen, hinter dem Wust der Fakten Kausalbeziehungen und psychologische Muster aufzudecken, die uns helfen, das Geschehen zu verarbeiten und zu verstehen. „Verstehen“ ist diesem Zusammenhang das Schlüsselwort.

Der Forschungsprozess entlang des hermeneutischen Zirkels

So etwas wie ein gesellschaftliches Wissen gibt es nicht. Erkenntnisse sind immer in den Gehirnen von Individuen verankert. Die Einheit des Wissens wird nun dadurch hergestellt, dass sich der Mensch Erkenntnisse dieser verschiedenen Felder aneignet und in das Gesamtbild in seinem Kopf integriert und sein Verständnis von der Welt schrittweise erweitert.

Diese Aneignung von Wissen durch die wechselnde Beschäftigung mit Fragen der logischen Ökonomie, der Psychologie, Anthropologie, Geschichte und Soziologie beschreibt einen hermeneutischen Zirkel. Am Anfang steht ein gewisses Vorwissen über die Materie, mit der man sich befasst. Im Laufe unserer Beschäftigung mit der Materie, mit den von anderen formulierten Standpunkten, Schriften und Ideen, erweitert sich unser Verständnis und wir korrigieren unser Vorwissen. Unser Bild von der Wirklichkeit erreicht eine neue Stufe sowohl der Klarheit als auch der Komplexität. 

Die Einheit des Wissens als Leitfaden der Wissensaneignung

Der fortschreitende Erkenntnisprozess sollte nicht zu der Hybris führen, dass am Ende ein abgeschlossenes Modell entsteht, mit dessen Hilfe man die Gesellschaft perfekt planen kann.

Es geht vielmehr um die Befähigung des Individuums, sich selbständig und gezielt Wissen anzueignen und sein Verständnis von der Welt zu erweitern. Die kritisch-verstehende Auseinandersetzung mit der Welt befähigt das Individuum, herrschende Dogmen zu hinterfragen und Entscheidungen auf der Grundlage begrenzten, aber fundierten Wissens zu treffen.

Die Basis ist die Erkenntnis des Sokrates, dass ich weiß, dass ich nichts weiß. Das Ziel ist nicht das absolute Wissen, sondern ein Verfahren, das es erlaubt, intellektuelle Erfahrungen zu sammeln, die das Denken schulen und das Wissen erweitern. Das Ideal einer „Einheit des Wissens“, einer integralen Humanwissenschaft, bietet dafür einen wertvollen Leitfaden.

Literatur

Edward O. Wilson: Die Einheit des Wissens. Berlin 1998.


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