04. April 2012

Politik Die Herrschaft der Diplom-Dilettanten

In der Wirtschaft hätten sie kaum Chancen

„Die völlige Abwesenheit von Wissen ist kein Hindernis auf dem Weg nach oben, sondern Voraussetzung für einen erfolgreichen Aufstieg“. Mit diesem Satz fasst der Publizist Henryk M. Broder die zentrale These des Buches „Die Stunde der Dilettanten“ zusammen. Der Beruf des Dilettanten toppe „alle anderen Professionen der Postmoderne“. „Man kann ihn nicht erlernen, es gibt keinen Studiengang, der mit einer Urkunde als Diplom-Dilettant endet. Dennoch kann man oder frau als Dilettantin reich und berühmt werden, in Politik, Kultur und Wirtschaft Karriere machen. Ahnungslosigkeit, die völlige Abwesenheit von Wissen und der totale Mangel an Kompetenz sind keine Hindernisse auf dem Weg nach oben, sondern Voraussetzung für einen raschen und erfolgreichen Aufstieg“, schreibt Broder über das Werk des Kulturgeschichtlers und freien Autors Thomas Rietzschel, der beim Schreiben seines witzigen und klugen Buches sicher an Figuren wie Thomas Gottschalk, Dieter Bohlen oder Karl-Theodor zu Guttenberg gedacht hat.

„Wer sich in Deutschland mit Fragen der Finanz- und Wirtschaftspolitik beschäftigt, darf eins nicht haben: Fachkenntnis“, bestätigt der Wirtschafts- und Personalexperte Michael Zondler vom Beratungsunternehmen centomo. Die Bundesregierung in Berlin sei ein gutes Beispiel für diese Beobachtung, die in ihrer Verallgemeinerung natürlich etwas ungerecht sei. „Wir haben zur Zeit de facto keine Wirtschaftspolitik, weil wir keinen Wirtschaftsminister haben. Da doktert ein ehemaliger Stabsarzt der Bundeswehr in seinem Ressort herum, während ihm auf dem Operationstisch sein im Wachkoma liegender Patient FDP verstirbt. Dr. Philipp Rösler ist Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, doch Akzente setzt er hier nicht. Es ist ja schön, dass Rösler den Büttenredner gibt und die Kanzlerin mit einem Frosch vergleicht. Wir wollen auch nicht abstreiten, dass er sich mit der Herz-Thorax-Gefäßchirurgie auskennt, schließlich hat er seine Doktorarbeit über dieses Thema geschrieben (wobei dies bei manchen Politikern auch nichts mehr heißt…). Doch ein Ludwig Erhard wird aus diesem Ritter von der traurigen Gestalt nicht mehr. Da fehlt nicht nur die Zigarre“, so Zondler.

Doch ist der FDP-Parteichef nicht ein schlechtes Beispiel, weil er zur Zeit von den Medien durch den Kakao gezogen wird und ein beliebtes „Opfer“ für Politikerschelte ist? Medial besser kommt beispielsweise die  „Super-Nanny“ Ursula von der Leyen rüber. Doch setzt sie in ihrem Amt als Ministerin für Arbeit und Soziales Schwerpunkte? Gibt sie Anstöße, damit der Arbeitsmarkt brummt? Auch sie ist Ärztin, Mutter einer ungezählten Kinderschar und Tochter eines prominenten CDU-Politikers. Doch reicht das? In ihrem Ressort hat sie bisher meist dann für Aufsehen gesorgt, wenn sie sich mit ihrer Kollegin Dr. Kristina Schröder – das ist die, welche vor allem durch die Geburt ihres ersten Kindes in die Schlagzeilen kam – gezankt hat. Doch Deutschland hat andere Sorgen als einen Zickenkrieg um die Frauenquote. Die eine (Schröder) fabuliert über Großelternzeiten, die andere (von der Leyen) macht sich Gedanken über eine Kombirente. „Dabei sollte auch Frau von der Leyen verstehen, dass unser Arbeitsmarkt nur dann überlebensfähig ist, wenn wir den Wahnsinn des Eintritts des Rentenalters per Stechuhr ganz über Bord werfen, die Leute besser qualifizieren und Fachkräfte aus dem Ausland ins Land locken. Die demografische Bombe tickt, doch in Berlin bleibt man im Dämmerschlaf und denkt über mögliche Koalitionsmodelle nach“, kritisiert Zondler.

Doch es gibt nicht nur Mediziner im Kabinett und eine Physikerin im Kanzleramt, auch die Juristen mischen kräftig mit. Einige „Schwergewichte“ wie Norbert Röttgen, Wolfgang Schäuble, Guido Westerwelle und andere kommen aus der Juristerei. Dort hat man vielleicht spitzfindige Winkelzüge gelernt, doch zum kraftvollen Gestalten reicht’s dann doch nicht. Schäuble ist ein Etatist, der den Sparkommissar spielen kann, weil die Wirtschaft – ohne „Verschulden“ der Politik – rund läuft. Ansonsten fehlt ihm jegliche Phantasie dafür, wie man Steuerpolitik für Leistungsträger (vom Facharbeiter bis zum Selbstständigen) machen kann. Und Röttgen, der eigentlich vollauf mit der Energiewende beschäftigt sein müsste, beglückt die Medien mit seinem Zickzack-Kurs in NRW. Geht „Muttis Klügster“ nun nach Düsseldorf, auch wenn seine Partei bei der Wahl am 13. Mai verlieren sollte? Die Wähler haben Anspruch auf einen tatkräftigen Politiker, dessen Kopf nicht vornehmlich damit beschäftigt ist, von welchem Bahnhof aus der Sonderzug in Richtung Kanzleramt abfährt. Sonst heißt es am Ende wie in dem alten Schlager: Wärst du doch in Düsseldorf geblieben, schöner Playboy, du wirst nie ein Cowboy sein…

Blender haben Hochkonjunktur

In der Wirtschaft hätten alle diese Politiker kaum Chancen, höchstens wegen ihrer exzellenten Kontakte, meint Zondler, der generelle Politikerschelte jedoch für überzogen hält. Es gebe insbesondere in den Kommunen und den Ländern viele fleißige Politiker, die zwar nicht im Fernsehen aufträten, dafür aber ihre Akten studierten, beim Mittelstand im Wahlkreis vorbeischauten und sich um die Sorgen und Nöte der Bürger kümmerten. Doch gerade in den harten Kernbereichen Finanzen, Wirtschaft, Forschung, Bildung, Technologie et cetera brauchen wir laut Zondler auf oberster politischer Ebene „mehr Fachidioten im besten Wortsinne“. Leute, die etwas von ihrem Aufgabengebiet verstehen. Dafür dürfen sie dann ruhig etwas schlechter bei der eigenen Karriereplanung sein.

„Wulff, zu Guttenberg, Rösler: Die Stunde der Dilettanten hat geschlagen. Blender haben Hochkonjunktur – vor allem in der Politik“, so Rietzschel. Immer dann, wenn er sich mit der Macht verbinde, werde der Dilettantismus zur Bedrohung. Aus den einfältigen Versagern würden professionelle Dilettanten. „Wo sie erfolgreich sind, hat die Gesellschaft am Ende auszubaden, was sie in ihrer Selbstüberschätzung ahnungslos anrichten, gleich, ob sie als Banker die Einlagen ihrer Kunden verspielen, sich als Politiker mit einer Rechtschreibreform am Kulturgut der Sprache vergreifen oder ob sie einen Rettungsschirm nach dem anderen aufspannen, weil sie meinen, einmal gemachte Schulden ließen sich mit noch höherer Verschuldung aus der Welt schaffen.“


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