23. April 2012

Politischer Radikalismus und der Euro Sprung in der Kontinentalplatte

DJ Weltgeist legt einen alten Rap auf

„Frankreich: Euro-Krise stärkt unerwartet die Kommunisten“, so lautete die Schlagzeile eines Artikels der „Deutschen Mittelstands-Nachrichten“ vom 17. April. Unerwartet? Kommt die laut dem Online-Text allein in den letzten zwei Monaten stark gestiegene Zustimmung der von Jean-Luc Mélenchon geführten radikallinken Partei (von fünf auf 17 Prozent) wirklich überraschend? Keineswegs. Wobei übrigens keine Rolle spielt, ob es sich nun um „neuen“ rinken oder lechten Extremismus handelt. Dass radikale politische Strömungen gleich welcher Couleur angesichts der massiven (vor allem: hausgemachten) Probleme Europas zunehmen würden, wurde schon vor langer Zeit vorausgesagt. Allerdings verhallten solche Warnungen ungehört oder wurden als Panikmache und „Untergangsprophezeiungen“ abgewunken.

So hat auch Roland Baader in seinem letzten, in eigentümlich frei abgedruckten Interview vor seinem Tode (nachzulesen in der ef-Ausgabe Nr . 120 vom März) noch einmal darauf hingewiesen, dass in der sich zuspitzenden Schuldensituation mitsamt ihren absehbaren wirtschaftlichen und sozialen Folgen höchstwahrscheinlich diverse „Radikalinskis“ wieder hohe Zustimmungswerte einfahren würden. Das mit einem jungen Redakteur geführte Gespräch sollte ursprünglich in einer regionalen deutschen Tageszeitung veröffentlicht werden – der Chefredakteur lehnte dies jedoch mit der haarsträubenden, zwerchfellgefährdenden Begründung ab, Baaders Ansichten seien „viel zu radikal“ (sic!), so etwas könne man den Lesern „nicht zumuten“.

Nun ja, radikal waren seine Ansichten vielleicht – sofern man in positiver Hinsicht von radikalem Realismus sprechen möchte, der einem politischen Autismus und einer Realitätsleugnung diametral entgegenstand, welche die von ihr selbst erst turbobürokratisch-hyperkonstruktivistisch geschaffenen „Zwänge“ und „Verwerfungen“ der Wirklichkeit viel zu lange ignoriert und schöngekrishnat hat. Trotz aller bedrückenden Meldungen aus diversen europäischen Nachbarstaaten – astronomisch hohe, brandgefährliche Jugendarbeitslosigkeit in Spanien, Selbstmordwelle in Italien, eindringliche Warnungen zahlreicher führender Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Hochfinanz vor einem möglichen Währungskollaps und Zerfall der Eurozone – wiederholt Finanzminister Schäuble schließlich auch heute noch die Mär von der großen „Erfolgsgeschichte“ der Einheitswährung. Ich wüßte gerne, wo er seine Drogen kauft.  

Bereits in seinem 1993 erschienenen Buch „Die Euro-Katastrophe. Für Europas Vielfalt – gegen Brüssels Einfalt“ sah Baader, dem von Kritikern vorgeworfen wurde, „nicht differenziert genug“ zu denken, die derzeitigen Probleme mit beeindruckender Scharfsichtigkeit voraus – und deutete im Titel schon das ganze politische und ideengeschichtliche Dilemma unserer Zeit an. Denn das Wiedererstarken antiliberaler, freiheitsfeindlicher, radikaler politischer Tendenzen ist nicht etwa eine Antwort oder ein Reflex auf EU-Politik, sondern lediglich ein Nebenfluss, ein „Seitenarm“ eines ohnehin schon stark zentralistischen, etatistischen und längst dreivierteltotalitären geistigen Hauptstromes unserer Zeit, dessen Anschwellen nicht nur Frankreich bedroht, ja nicht nur Europa. Die Melodie ist dieselbe, die Marschrichtung die gleiche, nur die Texte scheinen unterschiedlich.

Was Philosophen wie beispielsweise der 1998 verstorbene Jean-Fraçois Lyotard wohl zur derzeitigen Entwicklung geschrieben hätten? Der Urheber des Begriffs der „Postmoderne“ stellte sich angesichts der barbarischen totalitären Exzesse der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die Frage, wie man die „Ehre des Denkens“ retten könne, da die großen „Metaerzählungen“ der Moderne sich selbst vollständig diskreditiert hätten. Ob man es nun „Metaerzählung“ nennen will, es wie Karl Raimund Popper als „historizistischen Irrglauben“ oder wie Karl Löwith als Auslieferung des Menschen an eine deterministische Geschichtsphilosophie kritisieren oder ganz einfach nur als politisch-ideologischen Irrationalismus mit quasireligiösen Zügen bezeichnen möchte – es scheint, als sei die Sehnsucht nach solchen Einheitssinn stiftenden „Überbauten“ nie wirklich überwunden worden. Sie scheint sich lediglich neue Ventile, andere Betätigungsfelder gesucht zu haben.

Sei es ein rigider Ökologismus, der zuweilen schon inquisitorisch-fanatische Züge trägt und sich auch nicht entblödet, ab und an mit kirren Vorschlägen wie „CO2-Pässen“ für Erdenbürger und ähnlichen grün überdruckten Blauscheinen aufzuwarten, sei es Genderismus, Gleichmacherei oder geistige Uniformierung in Politik und Massenmedien – die Palette reicht mittlerweile von Versuchen, die Redefreiheit von Abgeordneten einzuschränken, bis zu den leider Usus gewordenen rücksichtslosen Standgerichten selbstgerechter Pressepriester gegenüber Abweichlern vom Einheitsmeinungsbrei  aus garantiert zeitgeistkonsensuellem Anbau, sei es ein Euro-Fundamentalismus, der ungeachtet aller noch so berechtigten, von der realen Entwicklung längst bestätigten Kritik stierstur an allen negativen Folgen vorbei weiter ins rote Tuch drohender Zusammenbrüche ganzer Volkswirtschaften schnaubt – das beängstigende Hochkochen solcher antiaufklärerischer Tendenzen beschränkt sich ja nicht nur auf Wahlergebnisse beziehungsweise Zustimmungswerte für einzelne politische Parteien.


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