26. April 2012

Kony 2012 Propaganda für einen neuen US-Feldzug

Doch das Internet hat längst eigene Gesetze und ganz andere Vorlieben

Am 5. März 2012 explodierte der Film „Kony 2012“ auf der Internetbühne des politischen Diskurses. Der aufwendig und professionell gestaltete Streifen der amerikanischen Organisation Invisible Children wirbt für das Ziel, Joseph Kony, den Führer der ugandischen Rebellengruppe „Lord’s Resistance Army“ (LRA), zu fangen und dem Internationalen Strafgerichtshof zuzuführen. So spektakulär der Film anfangs in den Köpfen der Internetgeneration wirkte, so dramatisch war sein Niedergang.

Der Zweck von „Kony 2012“, sagt Regisseur Jason Russell gegen Ende des millionenfach von Youtube heruntergeladenen halbstündigen Films, sei, „den Diskurs unserer Kultur zu verändern“. Bisher wären Entscheidungen „nur von den Wenigen mit Macht und Geld gefällt worden.“ Diese schrieben „den Regierungen die Prioritäten und den Medien die Geschichten vor. Sie bestimmten das Leben und die Chancen ihrer Mitbürger.“ Doch jetzt, mit dem Internet, gebe es etwas, das größer sei: „Die Völker der Welt sehen einander und beschützen sich. Das System wird auf den Kopf gestellt.“ Merkwürdig nur: Nüchtern betrachtet fördert der Film die Interessen der Mächtigsten auf dieser Welt.

Am Anfang erklärt uns Russell, er wolle, dass sein vierjähriger Sohn Gavin, den er spielend im Garten zeigt, in einer besseren Welt aufwächst als er. Dann wird uns Jacob vorgestellt. Das gerettete Soldatenkind aus Uganda berichtet, wie er mit ansah, wie sein Bruder von Konys Leuten mit einer Machete ermordet wurde. Er selbst hatte keinen Lebenswillen mehr. Als Russell das vor etwa neun Jahren hörte, habe er Jacob versprochen, alles zu tun, um die „perversen Verbrechen“ Konys zu beenden. Und die sind in der Tat abscheulich: Zehntausende Kinder hat er für seine Armee entweder zum Soldatentum oder zur Sex-Sklaverei gezwungen. Oft lässt er die Gesichter jener verstümmeln, die sich ihm widersetzen, wenn er sie nicht gleich töten lässt. Jetzt aber, im Jahr 2012, sei es endlich soweit, Ernst zu machen gegen Kony: „Und wenn wir Erfolg haben, ändern wir den Verlauf der Menschheitsgeschichte“, prophezeit Russell. Das Problem bislang: Leider interveniere die Weltmacht USA nur in Konflikte, wo es um ihre nationale Sicherheit oder finanzielle Interessen geht. Russells Lösung: „Wir setzen Kony in die Weltnachrichten, indem wir die Propaganda neu definieren.“ Die Zuschauer werden aufgefordert, ihre Abgeordneten anzuschreiben: „Wenn Bürger zu Hunderttausenden anfangen, von unserer Regierung Taten zu fordern, dann ist das im Nu im nationalen Interesse.“ Dann könne keiner sagen, die Festnahme Konys interessiere keinen, und die bereits jetzt in Uganda stationierten US-Militärberater würden bleiben, bis ihre Arbeit getan sei.

Die Initiatoren vermelden zudem, Hunderttausende Plakate, Aufkleber, Schilder und Flugblätter hergestellt zu haben. Die Zuschauer werden aufgefordert, diese in der Nacht zum 20. April in ihrer Nachbarschaft zu verbreiten. Warum ausgerechnet an diesem Datum? Dazu schweigt sich der Film aus. Aber eines der Aktionsplakate bildet ein finsteres Dreigestirn ab: Kony, bin Laden und – natürlich – Hitler. Die unterschwellige Botschaft: Es gibt noch viele Hitlers, und die Weltgemeinschaft muss sie jagen und fangen, dann werden wir alle ein besseres Leben haben. Kony ist nur eine weitere Etappe.

So weit der Film. Doch sind die Motive seiner Herstellung wirklich so idealistisch, wie es den Anschein hat? Zweifel sind angebracht aufgrund der simplifizierten Darstellung der Lage in Zentralafrika, der plumpen Kriegspropaganda und der wachsenden geostrategischen Bedeutung der Region. Und einiger weiterer Merkwürdigkeiten. Der Film geht nämlich überhaupt nicht auf die politischen Hintergründe ein, die zur Formierung der LRA führten. Sie wurde 1985 zu Beginn eines Bürgerkriegs gegründet, der in Uganda bis 2006 herrschte. Dann erst wurden Kony und die LRA aus dem Land vertrieben. Sie befinden sich derzeit irgendwo in der Zentralafrikanischen Republik. Historische Ursachen für den Konflikt sind, wie üblich in der Region, willkürlich gezogene Grenzlinien der ehemaligen Kolonialherren sowie Stammesfehden. Die derzeit übliche Form des Regierungswechsels in Zentralafrika entspricht der von Europa im finstersten Mittelalter, mit dem Unterschied, dass die jeweiligen Herrscher sich um einen Anschein demokratischer Legitimität bemühen, weil der ihnen staatliche und private Entwicklungshilfegelder sichert. Der gegenwärtige, seit 26 Jahren nach einem gewaltsamen Umsturz amtierende Präsident Yoweri Museveni ist vom südwestlichen Stamm der Hima aus Ankole. Kony ist vom nördlichen Stamm der Acholi. Das Verschweigen dieser Hintergründe im Film ist typisch für eine Art von einseitiger Kommunikation mit anschließender Handlungsaufforderung, die noch vor zwei Jahrzehnten problemlos funktionierte.

Heute ist das anders. Die angeblichen Vorreiter einer schönen neuen Welt erweisen sich in dieser Hinsicht als merkwürdig vorgestrig. Und das bekamen die Filmemacher denn auch prompt zu spüren. Während die Hauptstrommedien wie gewohnt zunächst kritiklos Botschaft und Forderungen von Invisible Children nachplapperten, fielen die alternativen Medien um so gnadenloser über den Streifen her. Schon zwei Tage nach dem Start des Films postete Youtube-Nutzer „xKapound“ auf derselben Plattform das Ergebnis seiner Untersuchungen der Finanzen von Invisible Children. Ergebnis: Die angebliche Nonprofit-Organisation hat im letzten Jahr nach eigenen Angaben mehr als neun Millionen Dollar ausgegeben, aber mehr als 13 Millionen eingenommen. xKapound, der immer wieder betont, wie sehr er der Organisation glauben will, da er deren Ziel eigentlich unterstützt, zeigt sich nicht nur darüber enttäuscht. Er kritisiert auch, dass nur etwa ein Drittel der Ausgaben tatsächlich an Projekte in Zentralafrika gehen. Der Rest fließt hauptsächlich in Werbung, Merchandising und Honorare. Ungewöhnlich schweigsam für eine Wohltätigkeitsorganisation ist Invisible Children darüber, woher ihre Gelder kommen. Doch nicht nur deswegen erhielt die Kony-Initiative in unzähligen Blogs, Facebook-Seiten und Youtube-Kommentaren sehr bald sehr schlechte Presse. Schließlich sperrte Invisible Children am 12. März die Kommentarfunktion und löschte alle dortigen Zuschriften.

Selbst in Uganda hagelte es Kritik – wortwörtlich. Bei einer öffentlichen Vorführung des Films am 13. März in Lira im nördlichen Uganda wurde die Leinwand mit Steinen beworfen. Der Film zeigt eine Unzahl fröhlicher weißer Menschen, die Spaß bei ihren Aktionen haben – den Afrikanern, die unter dem Terror eines Bürgerkriegs gelitten haben, kam das wie blanker Zynismus vor. Nicht auszuschließen, dass die Häufung geballter Kritik zum Nervenzusammenbruch Russells beitrug. Am 15. März wurde der 33-jährige splitternackt auf einer Straße in San Diego von der Polizei in Gewahrsam genommen und in ein Krankenhaus eingeliefert. Nach Zeugenaussagen hatte er den Verkehr behindert und wild herumgekreischt. Ein Idealist ist an der Realität gescheitert.

Unwahrscheinlich aber, dass Naivität der einzige Antrieb für den Film war. Indizien weisen auf ganz andere Motive hin, vielleicht nicht solche der Filmemacher selbst, eventuell aber der ungenannt gebliebenen Geldgeber und -nehmer. Vieles im Film deutet darauf hin, dass sein wirklicher Zweck nicht das Auffinden Konys ist, sondern die propagandistische Vorbereitung auf eine neue Intervention der US-Militärmacht. Wie vor dem Irakkrieg wird behauptet, dass alles sehr einfach sein wird. Bis Dezember soll alles vorbei sein. Wie 1914. Es sei die Pflicht der entwickelten Länder, den Völkern der weniger entwickelten Welt ein besseres Leben zu ermöglichen. Diese moderne Begründung für Interventionen ist die politisch korrekte Übersetzung für „die Bürde des weißen Mannes“.

Welches Interesse könnten aber fremde Mächte an Zentralafrika im Allgemeinen und Uganda im Besonderen haben? Kürzlich ist in der Region sehr viel Öl entdeckt worden. Die Britische Firma Tullow Oil Plc und ihre chinesische Partnerin CNOOC haben in den letzten Jahren in Uganda eine Milliarde Dollar in die Öl- und Gaserschließung investiert und dort, wie das „Wall Street Journal“ Ende Februar berichtet, ein bis zwei Milliarden Barrel förderbares Öl gefunden. China hat in den letzten Jahren erhebliche wirtschaftliche Aktivitäten in Ostafrika entfaltet. Eine vom US-Militär geführte Aktion in der Region würde der Supermacht automatisch Zugang zu allen dortigen Ressourcen sichern. Die Atom- und seit kurzem zweitstärkste Wirtschaftsmacht China wäre in die Schranken verwiesen. Außerdem befindet sich Uganda nahe der Südgrenze der muslimischen Welt. Es gibt also abgesehen vom Öl für die USA zwei handfeste Gründe für eine strategische Platzierung in der Region: Die Furcht vor Islamisten. Und vor China. Und doch hat die US-Regierung ein Problem: Nach einem Jahrzehnt verschiedener und horrend teurer Konflikte im Nahen Osten sind die Amerikaner kriegsmüde. Neue Kriegspropaganda muss also her. Und junge Menschen erreicht man heutzutage über das Internet. Ist das der wahre Hintergrund des Films?

Wenn ja, dann haben die Initiatoren übersehen, dass die Datenautobahn keine Einbahnstraße ist. Anthony Wile vom „Daily Bell“ meint, dass die „Internet-Reformation“ historisch der Bedeutung jenes gesellschaftlichen Wandels gleichkomme, der sich aufgrund der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Metalllettern vollzogen habe. Auch damals, so Wile, mussten die herrschenden Eliten einen Rückzug antreten. Aber erst, nachdem sie versucht hätten, die Erfindung zu ihrem Vorteil zu nutzen.

Gibt es aber, nach all der Kritik am Kony-Film, nicht auch konstruktive Gegenvorschläge, wie dem Problem ewiger grauenhafter Konflikte in der Region Einhalt geboten werden könnte? Zwei Dinge könnte der Westen sofort tun: Die Einstellung aller Entwicklungshilfe und die Abschaffung von Handelsschranken. Die Entwicklungshilfe könnte nämlich durchaus der Grund für den langen Fortbestand des Bürgerkriegs in Uganda sein. Jane Bussmann schrieb am 3. April im „Guardian“, dass „Kony von dem Zeitpunkt an kein alleiniges afrikanisches Problem mehr war, als westliche Wohltätigkeitsorganisationen Museveni halfen, zwei Millionen Ugander mit Waffengewalt in Hungerlagern festzuhalten, während er nach Kony ‚suchte‘.“ Die Publizistin und Autorin eines Buches über Kony erklärt: „Diese ‚Schutzdörfer‘ waren so schlecht geschützt, dass Kony in ihnen Massaker verüben konnte. Sie hätten ohne westliche Komplizenschaft nicht existieren können. Es war Präsident Musevenis Aufgabe, Joseph Kony Einhalt zu gebieten, aber er wäre ein Idiot gewesen, Kony zu stoppen, wenn die Hälfte seines Staatshaushalts aus Entwicklungshilfe besteht und ein dicker Brocken dieser Hilfe zweckgebunden für den Kony-Schlamassel ist. Das Geld fließt weiter, trotz Musevenis zwielichtiger 26 Jahre im Amt, noch zwielichtigeren Niederschießens von Demonstranten und politischer Opposition und eines mysteriösen Versagens darin, der LRA das Handwerk zu legen.“ Sie ergänzt: „Musevenis Armee verprügelte und verbrannte örtliche religiöse Führer, die schon 2002 auf friedlichem Wege Kinder vor Kony retteten.“

Zwei afrikanische Wirtschaftswissenschaftler fordern inzwischen die ersatzlose Streichung aller Entwicklungshilfe. Die sambische Ökonomin Dambisa Moyo wirft dem Westen vor, sich mit Entwicklungshilfe ein gutes Gewissen zu kaufen. Sie lenke gezielt von der Tatsache ab, dass Handelsbarrieren den schwarzen Kontinent jährlich geschätzte 500 Milliarden Dollar kosten. Das sei „ein Zehnfaches dessen, was Afrika an Entwicklungshilfe erhält.“ Thompson Ayodele aus Nigeria pflichtet ihr bei: Allenfalls Direktinvestitionen in Infrastruktur würde er befürworten – was im übrigen chinesische Unternehmen in Ostafrika tatsächlich tun, um den Zugang zu Rohstoffen zu erleichtern. Die Europäische Union dagegen, so Ayodele, sollte ihre Agrarsubventionen abschaffen und ihren Markt für afrikanische Produkte öffnen. Das Beispiel ostasiatischer Staaten zeigt, dass damit eine deutlich friedlichere und vor allem erfolgreichere Entwicklung möglich ist.

Es gibt auch einen Politiker im Westen, der seit Jahrzehnten für die ersatzlose Streichung jeder Entwicklungshilfe und für offene Märkte streitet. Derselbe spricht sich ebenso strikt gegen jede außenpolitische Intervention aus, die nicht von der Verfassung seines Landes gedeckt ist. Er ist ein von den Hauptstrommedien meist verschwiegener, von der Jugend geliebter und vom Establishment gefürchteter republikanischer US-Präsidentschaftsbewerber. Sein Name: Paul, Ron Paul. Im Internet ist er seit Jahren der Hit. Und es sieht nicht so aus, als traue die Internetgeneration der allzu gekonnten Kopie „Kony 2012“.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 30. April erscheinenden Mai-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 122


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