13. Mai 2012

Ideologie Was Kapitalismuskritik heute und Nutella gemeinsam haben

Geistige Armut im öffentlichen Diskurs

Was haben Kapitalismuskritik und Nutella gemeinsam? Antwort: den Werbeslogan. Denn nicht überall, wo Kapitalismuskritik draufsteht, ist auch welche drin. Auf diesen sicher etwas unfair errechneten gemeinsamen Nenner lässt sich das bringen, was in den letzten Jahren als Kapitalismusschelte besonders im öffentlich geführten Diskurs (der heuer in Deutschland überwiegend ein politisch-medial organisierter und leider oft auch manipulierter ist) feilgeboten wurde. Unfair ist die Assoziation deshalb, weil der weltberühmte, vom italienischen Konditor Pietro Ferrero entwickelte Brotaufstrich immerhin etwas Substanz zu bieten hat. Kakao beispielsweise, Sojalezithin, Zucker. Medialer Kapitalismustadel unserer Tage hingegen besteht größtenteils aus linksdrehenden Hirnmuskelmilchsäuren, aus grauer Redaktionsstubentheorie, die ihre Argumente aus seit 1968 mit stetig vor sich hin schimmelnden Begriffsresten gefüllten Tupperdöschen löffelt. Guten Appetit: Marxmedaillons mit Frankfurter Schulhülsenfrüchtchen neben mit geriebenem Parvenü überbackenen Öko-Kaiserkartoffeln und karamelisierten TV-Talk-Knallerbsen in lauwarmer Redundanzhollandaise. 

Manchmal besteht sie auch einfach nur aus Denkfaulheit, die es sich besonders einfach macht, indem sie, statt fachlich fundierte und konstruktive Kritik zu liefern, bequemlichkeitshalber in alte ideologische Spurrillen schwenkt. Und deshalb zu glauben beginnt, dass die Linke doch recht hatte, das bürgerlich-kapitalistische Wohlstandsversprechen nur eine Art perfides Täuschungsmanöver zur Aufrechterhaltung oder Reinstallation feudaler Machtstrukturen qua Etablierung eines massentranquilierenden, revolutionäre Spitzen abschmelzenden Grundwohlstandsniveaus sei, das gerade einmal zur Stabilisierung von Arbeitskraft und Reproduktion lange. Anders ausgedrückt: die bürgerlich-kapitalistische Weltanschauung habe – in dieser altbekannten, hauptsächlich Marxschen Sichtweise – einen bigotten, dialektisch-selbstzerstörerischen Sprung im Geschirr; Macher von Zeitungen schwenken solche weißen Wimpel intellektueller Kapitulation vor der Problematik immer wieder gerne, wenn ihnen gar nichts Besseres mehr einfällt. Aus geistiger Verlegenheit behilft man sich mit pauschalem Bürgertum-Bashing oder fährt mit dem Theorie-Einrad konzentrische Kreise um den „Spätkapitalismus“.

Wohlgemerkt: es geht um Kapitalismuskritik im medialen, journalistischen Gewand. Eigentlich müsste das Gros der schreibenden und talkenden Kapitalismuskritiker ihr hocheffizientes Datenkompressionsverfahren patentieren lassen. Da stecken Milliarden drin. Hunderte antikapitalistischer Artikel, die sich in einem einzigen Wort verdichten lassen: Marx. Als hätte es in den letzten zweihundert Jahren keine anderen erwähnenswerten Denker und analytischen Ansätze gegeben, die man für eine (dringend benötigte) breiter gefächerte, thematisch vielfältigere Auseinandersetzung heranziehen könnte.

Wobei zunächst natürlich zu klären wäre, was genau man nun unter „Kapitalismus“ verstehen will – schließlich gibt es keine eindeutige oder letztgültige Definition, sondern ein Bündel unterschiedlicher Auffassungen auf Basis diverser ökonomischer Schulen. Da fangen in zeitgenössischen Diskussionen zum Thema die Probleme schon an. Also, wovon reden die Kritiker „des“ Kapitalismus heute, wenn sie ihn angreifen? Vom sogenannten „Manchesterkapitalismus“, vom „Thatcherismus“, von einem Kapitalismus nach dem Modell einer der drei „historischen Schulen“? Der klassischen oder neoklassischen Theorie oder der Österreichischen Schule der Nationalökonomie? Vom „Neoliberalismus“ und falls ja, von welchen seiner unterschiedlichen Denkschulen beziehungsweise Vertreter? Was meinen sie, wenn sie vom Raubtier- oder Anarchokapitalismus reden, was genau stört sie am vielgescholtenen Neoliberalismus, mit welchen Argumenten begründen sie ihre Vorwürfe, welche Beweise bringen sie gegen ihn vor?  Geht es ihnen um das Privateigentum an den Produktionsmitteln, die durch den Kapitalismus angeblich bedingte gnadenlose Ökonomisierung und Rationalisierung aller menschlichen Lebensbereiche, das zweckrationale Nutzen- und Gewinnstreben, das Mantra vom „grenzenlosen“ Wachstum oder das Geldsystem im Allgemeinen? Man könnte zusammen mit Walter Eucken, dem Begründer der Freiburger Schule des Ordoliberalismus, noch allgemeiner fragen, ob Begriffe wie der des „Kapitalismus“ überhaupt noch sinnvoll seien, da sie aus spezifischen historischen Umständen erwachsen sind und zur begrifflichen „Verhärtung“ neigen, also dazu, komplexe Wirtschaftssysteme in ideologisierende und politisierende Kampfvokabeln zu zwängen und dadurch zu stark zu simplifizieren.

Am häufigsten begegnet man in jüngster Zeit dem Einwand, die aktuelle Krise mit ihrer rücksichtslosen Umverteilung volkswirtschaftlicher Substanz von „unten nach oben“, also die Umverteilung des Geldes vom Volk zu Bankenkartellen (vor allem im Zuge der „Eurorettung“), zeige doch eindeutig die große Schwäche des Kapitalismus auf. Marx habe richtig gelegen: diese nicht zu leugnende „Feudalisierung“ der Geldströme durch einige wenige, schwerreiche und mächtige Akteure sei ein Beweis für die Richtigkeit seiner Kapitalismusanalyse. Problem dabei: Erstens definieren Hochfinanz und Banken allein nicht Kapitalismus und Marktwirtschaft. Das ist eine sehr grobe Vereinfachung.

Viel schwerwiegender aber ist zweitens, dass in solchen Diskussionen meistens leider nicht die überaus wichtige Frage nach dem Zusammenhang dieses ohne jeden Zweifel skrupellosen Verhaltens mit der Existenz des staatlichen Geldmonopols gestellt wird. Einige Ökonomen, darunter auch solche der Österreichischen Schule, haben deshalb immer wieder für die Einführung wettbewerbsbasierter Martkgelder plädiert, da sie den durch Monopole zwangsläufig bedingten Machtmissbrauch zu verhindern wüssten. Der in letzter Zeit oft erhobene Vorwurf, der privatwirtschaftliche Sektor nehme der Politik die Luft zum Handeln, die Märkte erpressten die Demokratie, übersieht die geldpolitischen Ursachen der Krise – diejenigen zentralistischen, wettbewerbsfeindlichen Strukturen also, die, angefangen von der Aufhebung gedeckten Geldes über das Teilreserve-Bankensystem bis hin zur Nivellierung nationaler finanzpolitischer Handlungsspielräume durch die Installation des Einheitsrubels auf EU-technokratischer Ebene, geradezu ideale Nistplätze für menschliches Machtstreben darstellen.

Woran sich gleich das dritte Problem knüpft: die heutige Kapitalismuskritik Marxscher Provenienz argumentiert nahezu ausschließlich auf wirtschaftstheoretischer und -analytischer Ebene. Nun könnte man an Marx kritisieren, dass er erstens aus einer bestimmten historischen Situation heraus allgemeingültige Systemgesetze auf Basis einer gattungsgeschichtlich-teleologischen, deterministischen Geschichtsauffassung abzuleiten versucht habe, er also die Historizität seiner Kritik nicht genügend bedacht und sich darüber hinaus angemaßt habe, das „Endziel“ menschlicher Entwicklungsgeschichte zu kennen, zweitens, dass er Fragestellungen, deren Erörterung eigentlich in verschiedene Wissenschaftsgebiete gehört, ausschließlich durch die herrschende Wirtschaftsordnung verursacht und durch ihre „umfassende“ Analyse hinreichend beantwortet sehen wollte. Die Frage aber, warum Menschen dazu neigen, Gruppen zu bilden, die sich gegenseitig zu übervorteilen und zu beherrschen versuchen, ist keinesfalls nur mit den Mitteln der Ökonomiekritik zu beantworten, lässt sich nicht ursachenexklusiv dem „Tauschsystem“ zuschreiben (eine These, die zum Beispiel auch einer der Mitbegründer und Vordenker der „Frankfurter Schule“, Theodor W. Adorno, vertrat), sondern fällt ebenso in die Humanwissenschaften (Psychologie, Soziologie, Soziobiologie, Ethnologie, Politikwissenschaft, Geschichtswissenschaft et cetera),insbesondere in die Philosophische Anthropologie und Politische Philosophie. Es ist ein gefährlich realitätsverkürzender, illusorischer Glaube, man müsse nur für ein anderes Wirtschaftssystem sorgen, schon wären wir sämtliche, angeblich nur durch die marktwirtschaftliche beziehungsweise kapitalistische Wirtschaftsordnung verursachten Probleme los. Auch die historisch-komparative Perspektive kommt in zeitgenössischen Debatten oft zu kurz (oder wird ganz bewusst ausgeblendet, verständlicherweise vor allem von Neomarxisten): Denn erst mit Hilfe solcher empirischen Vergleiche läßt sich überhaupt feststellen, welche Systeme sich als die erfolgreicheren, im Sinne des größeren Gemeinwohls zuträglicheren erwiesen haben. In solchen Gegenüberstellungen schneiden die neuerdings wieder so eifrig beworbenen „Alternativen“ Sozialismus und Kommunismus, milde ausgedrückt, nicht sonderlich positiv ab.

Es wäre schon hilfreich, käme man in den feuilletonistischen und mattscheibenweltlichen Schnellgerichten endlich einmal vom Paraphrasieren der immergleichen Parolen ab. Die vorherrschende geistige Armut der mainstreammedialen Diskussionskultur zum Thema Kapitalismus ist das Ergebnis eines erfolgreichen Institutionen-Durchmarsches und des dadurch entstandenen Meinungsmonopols. Der Zeitgeistnebel und die in einer Endlosschleife durchgenudelten „Best Of“-Kompilationen der populärsten altlinken Thesen sind extrem ermüdend.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Axel B.C. Krauss

Über Axel B.C. Krauss

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige