18. Mai 2012

Occupy-Bewegung Die 99 und die 1

Nur freie Marktwirtschaft zwingt die Reichen, zu dienen statt zu herrschen

„Wir sind die 99 Prozent!“ Dieser Slogan der „Occupy Wall Street“-Demonstranten wurde als das einprägsamste Zitat des vergangenen Jahres bezeichnet. Jene, die sich hinter diesem Ausruf sammeln, machen dies aus Opposition gegen die schurkischen ein Prozent.

Eine Handvoll dieser Protestler weiß, dass die Zugehörigkeit zu dem einen Prozent bedeutet, ein reicher Empfänger staatlicher Bailout-Gelder oder anderer Formen von Unternehmenssubventionen zu sein. Aber für die ökonomischen Gleichmacher in deren Reihen bedeutet es einfach, dass jemand zu reich ist. Sie sagen, das reichste ein Prozent des Landes bekommt mehr als seinen gerechten Anteil am Wohlstand der Gesellschaft, auf Kosten der 99 Prozent.

Was auch immer man über die aktuelle Misere der 99 Prozent denken mag: Im Verlauf fast der ganzen Geschichte existierte die große Mehrheit der Bevölkerung unter wesentlich schlimmeren Umständen. In vorkapitalistischen Zeiten war das durchschnittliche Mitglied der ökonomischen 99 Prozent, sofern es genug Glück hatte die Kindheit zu überleben, zu einem Leben aus Knochenarbeit und Armut verurteilt, ständig am Rande von Hunger, Krankheit und Tod.

Die einzigen Individuen, die kein so erbärmliches Leben führten, waren in der Vergangenheit die des „einen Prozents“. Dieses ökonomische eine Prozent war nahezu identisch mit dem Staat. Dieser bestand aus den französischen Königen, den englischen Lords, den römischen Senatoren, den ägyptischen Wesiren und den sumerischen Tempelpriestern. Die Mitglieder dieser Elite lebten in olympischem Prunk: Diener, die auf Abruf zur Verfügung standen, soviel Essen wie sie sich nur wünschen konnten, geräumige Häuser, eine Fülle von Schmuck und eine unglaubliche Menge an Freizeit.

Und natürlich ging dieser Lebensstil zu Lasten der Massen. Es waren die 99 Prozent, die das Brot buken, das die Mäuler des einen Prozents stopfte, die die Bäume fällten, um dessen Villen zu errichten und die die Edelmetalle und -steine abbauten, um dessen Leiber zu schmücken.

Alles was die „Occupy Wall Street“-Demonstranten heute über die 99 Prozent und das eine Prozent behaupten, war damals völlig zutreffend. Das Vermögen der Gesellschaft war ein Kuchen in gewissermaßen feststehender Größe. Je größer das Kuchenstück war, dass das eine Prozent für sich selbst nahm, desto weniger blieb für die 99 Prozent übrig. Jedes bisschen Luxus, das das eine Prozent genoss, stammte aus Ressourcen, die so manches Mitglied der 99 Prozent weniger elend hätten machen können.

Warum haben die 99 Prozent der Vergangenheit es geduldet, dass das eine Prozent über sie herrschte? Warum haben sie sich nicht erhoben und ihre Herren gestürzt? Waren sie lediglich von den gepanzerten Fäusten und glänzenden Säbeln eingeschüchtert?

Nein, wie David Hume feststellte, da „jene die regiert werden“ immer „jene die regieren“ zahlenmäßig erheblich übertreffen, kann die Macht eines Regimes niemals auf brutaler Stärke allein beruhen. Die regierten Vielen müssen glauben, dass sie aus der Macht der regierenden Wenigen irgendwie einen Vorteil ziehen.

Vielleicht haben die Tempelpriester die Menschen davon überzeugt, dass die Götter zornig werden, wenn den Regierenden nicht Gehorsam geleistet wird: Dass der Regen nicht kommen und das Getreide nicht wachsen würde. Oder vielleicht glaubt die  Bevölkerung, dass die Regierenden für den Frieden und die Ordnung der Gesellschaft verantwortlich sind.

Die 99 Prozent dulden das regierende ein Prozent nicht nur, sie setzt es auf ihre erhabenen Podeste. Die 99 Prozent geben dem einen Prozent ihre Macht.

Wie Ludwig von Mises verdeutlichte, erwächst wahre Macht, die er „ideologische Macht“ nannte, immer aus der Unterstützung in der öffentlichen Meinung. Sollte sich die öffentliche Meinung irgendwann gegen ein Regime wenden, sind dessen Tage gezählt.

Mises ging sogar noch weiter und argumentierte, dass die öffentliche Meinung nicht nur bestimmt wer die Führungsposition innehat, sondern auch die generelle Ausprägung der Rechtsordnung, oder wie er es ausdrückte, „ob es Freiheit oder Zwang gibt“.

Letztendlich ist die einzige Tyrannei, die dauerhaft sein kann, eine tyrannische öffentliche Meinung.

„Der Kampf für die Freiheit ist letztendlich nicht der Widerstand gegenüber Autokraten oder Oligarchen, sondern Widerstand gegenüber der Willkürherrschaft der öffentlichen Meinung“, schrieb Mises.

Wenn die 99 Prozent unterdrückt werden, sind sie, mit Hilfe der repressiven öffentlichen Meinung, auch letztlich ihre eigenen Unterdrücker.

Damit also ist die politische Situation der alten Ordnung – und was das betrifft aller Ordnungen – erklärt. Was ist mit der ökonomischen Situation? Warum wird der „ökonomische Kuchen“ selten größer?

Man könnte meinen, dass die Menschen beim Produzieren von Dingen im Laufe der Zeit immer effizienter werden und sich der Lebensstandard dadurch verbessert. Doch jahrtausendelang hat sich die Lage kaum gebessert.

Die Wurzeln dieses wirtschaftlichen Zustands können in der oben beschriebenen politischen Ordnung gefunden werden.

Nochmal: Während fast der ganzen Geschichte der Zivilisation hat das regierende eine Prozent sich eine riesige Portion von dem genommen, was die 99 Prozent produzierten. Und sobald irgendeine Privatperson jemals genug beachtlichen Reichtum angesammelt hatte, wurde ihm auch dieses von irgendeinem Potentaten weggeschnappt. Aus diesem Grund war das Vergraben von Schätzen so sehr in Mode, wann immer die Fürsten besonders habgierig waren.

Aufgrund dermaßen ungezügelter Beschlagnahme durch die Regierung gab es nie genug Anreiz zu großangelegter Kapitalakkumulation. Ohne großangelegte Kapitalakkumulation kann es keine Massenproduktion geben. Und ohne Massenproduktion kann es keine bedeutenden Verbesserungen im Leben der Massen geben.

Und deshalb fristeten die 99 Prozent im Verlauf  fast der ganzen Geschichte ein dermaßen armseliges Dasein. 

Dann passierte im 18. und 19. Jahrhundert etwas revolutionäres. Eine Gruppe Philosophen begann sehr sorgfältig über Eigentum, Handel, Preise und Produktion nachzudenken. Diese Philosophen wurden „Ökonomen“ genannt.

Durch Untersuchung der ökonomischen Gesetze, die sie entdeckten, folgerten die Ökonomen, dass die Gesellschaft viel produktiver ist, wenn das Privateigentum konsequenter respektiert wird. „Laissez faire et laissez passer,“ sagten die Ökonomen. Lasst die Menschen so viel ihres Eigentums so komplett wie möglich kontrollieren, und jeder wird wohlhabender sein.

Diese ökonomischen Philosophen, Personen wie Richard Cantillon, Adam Smith und J. B. Say waren Theoretiker. Sie schrieben brillante, manchmal auch schwülstige Bücher, die eine Änderung in den Ansichten der Kommunikatoren auslösten: Der Individuen, die F. A. Hayek „Händler von Ideen aus zweiter Hand“ nannte.

Dies schloss professionelle Kommunikatoren ein: Autoren wie Richard Cobden und Redner wie John Bright. Diese Autoren und Redner schrieben Pamphlete und hielten Reden, die die Ansichten vieler nachdenklicher, wenn auch nicht so redegewandter Einzelpersonen veränderten, die man Amateur-Kommunikatoren nennen könnte. Und diese nachdenkliche Schicht führte wiederum ihre nicht so nachdenklichen Artgenossen (die man im modernen Sprachgebrauch „Herdenmenschen“ nennen könnte) dazu, ihre Meinungen im Hinblick auf öffentliche Angelegenheiten zu ändern.

Im Verlauf dieses Prozesses verschob sich die öffentliche Meinung in Richtung der Überzeugung, dass der Staat so eingeschränkt wie möglich sein sollte und Eigentumsrechte so unantastbar wie möglich sein sollten: In die Richtung einer Doktrin, die „Liberalismus“ genannt wurde.

Nochmal: Die Art, wie die Gesellschaft organisiert ist, hängt letztlich von der öffentlichen Meinung ab. Da  die öffentliche Meinung sich änderte, änderte sich auch die Politik. Privates Kapital wurde besser geschützt. Handelsbeschränkungen wurden aufgehoben. Marktzutrittsbeschränkungen wurden abgeschafft. Privateigentum stand unangefochten an höchster Stelle wie nie zuvor.

Und es geschahen, im Ergebnis, Wunder. Wie nie zuvor in der Geschichte wurden die produktiven Energien der Menschheit entfesselt. Gegenstände, die einst für das elitäre eine Prozent reserviert waren, wurden bald für die 99 Prozent in Massen produziert. Annehmlichkeiten, die es früher gar nicht gab, wurden entwickelt, zuerst für kleine Märkte, aber schließlich für den Massenmarkt.

Die Produktion der notwendigsten Güter stieg steil an. Die Bevölkerung in den vom Liberalismus beeinflussten Teilen der Welt  explodierte. Am Rande der Gesellschaft befindliche Menschen, die andernfalls gestorben wären, fanden ein Auskommen. Menschen, deren Lebensumstände andernfalls fast katastrophal gewesen wären, fanden Sicherheit. Und jene, die andernfalls in stumpfsinniger Plackerei gefangen geblieben wären, waren in der Lage, ein annehmliches und kultiviertes Leben zu führen. 

In der neuen Ordnung gab es noch immer die 99 Prozent und das eine Prozent. Aber die 99 Prozent dieser Periode lebten besser als das eine Prozent vorangegangener Zeiten. Und der Königsweg zum Aufstieg zu dem einen Prozent bestand darin, ein erfolgreicher kapitalistischer Unternehmer zu werden: Sich zu bemühen, den 99 Prozent – der Masse der Konsumenten – besser zu dienen als die Konkurrenten.

In der alten Ordnung hätten die Möchtegern-Einprozenter, um im Leben voranzukommen, ihre Schläue und Ambitionen dazu verwendet, Eroberer, Herrscher und Regierungsbeamte zu werden und in diesen Rollen die Massen auszubeuten. In der neuen Ordnung, die Mises die „Konsumentensouveränität“ des Marktes nannte, wurden deren Fähigkeiten dahin gelenkt, die Massen souveräner Konsumenten zu versorgen.

Die Herren wurden zu Dienern: Zu wohlhabenden Dienern, aber dennoch Dienern.

Die liberale ideologische Revolution hatte eine Industrielle Revolution hervorgebracht. Und was Mises das „Zeitalter des Liberalismus“ nannte, dauerte von 1815 bis 1914: Ein goldenes Jahrhundert, in dem die Menschheit das erste Mal eine Ahnung davon bekam, zu was sie wirklich fähig ist.

Tragischerweise wurde die Epoche des Liberalismus durch eine ideologische Konterrevolution beendet: Eine Welle etatistischen Denkens, die für sämtliche Nöte des 20. Jahrhunderts, sowie unsere aktuelle ökonomische und geopolitische Krise verantwortlich ist.

Heute unterdrücken sich die 99 Prozent unter der Knechtschaft schlechter Ideen erneut. Dank des katastrophalen Zustands der öffentlichen Meinung wird die Ebene des einen Prozents wieder nicht mit kapitalistischen Unternehmern gefüllt, die den 99 Prozent dienen, sondern mit dem Staat und seinen Kumpanen, die die 99 Prozent ausbeuten und verarmen lassen. Und die Umverteilungsmaßnahmen, die die selbsternannten 99 Prozent lautstark fordern, würden diesen Trend nur beschleunigen.

Wenn unsere Zivilisation gerettet werden soll – falls sich also die Strömung der öffentlichen Meinung jemals wieder ändert – wird dies Dank der soliden Ideen geschehen, die von Theoretikern wie Mises und den Gelehrten, die in seiner Tradition arbeiten, formuliert wurden. Aber dies kann nur geschehen, wenn diese Ideen erfolgreich durch eine neue Generation von Kommunikatoren verbreitet werden.

Deshalb sind das Mises Institute und Mises.org so entscheidend. Und das ist auch der Grund, weshalb die Amateur-Kommunikatoren unserer Generation – die die Botschaft der Freiheit durch Facebook-Mitteilungen, YouTube-Videos und dergleichen verbreiten – ebenfalls ungeheuer wichtig sind.

Wie Mises schrieb: „Das Aufblühen einer menschlichen Gesellschaft hängt von zwei Faktoren ab: Der  intellektuellen Kraft außerordentlicher Menschen, solide Theorien über Gesellschaft und Wirtschaft zu entwickeln und der Fähigkeit dieser oder anderer Menschen, diese Ideologien der Mehrheit schmackhaft zu machen.“

Mögen solide Ideen den Sieg davon tragen und möge die menschliche Gesellschaft wieder aufblühen.

Information:

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 11.5.2012 auf der Webseite mises.org unter dem Titel „The 99 and the 1“ veröffentlicht. Übersetzung für ef-online von Robert Grözinger.  


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Daniel James Sanchez

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