25. Mai 2012

Meinungsvielfalt Ein Hoch auf den Andersdenkenden

Warum das Fehlen von Kontroversen zur geistigen Vergreisung führt

Der Wunsch ist der Vater des Gedankens. Treffender kann man eine psychologische Wahrheit kaum ausdrücken. Denn was wir denken, richtet sich oft nach dem, was wir wünschen. Unsere Sehnsüchte, Wertvorstellungen, Ideale, Sympathien und Antipathien und nicht zuletzt unsere ganz persönlichen Interessen lassen unser Denken an einer kurzen Leine laufen. Das Denken ist oft nur das Alibi, um zu dem Ergebnis zu kommen, auf das unsere Gefühle mit unwiderstehlicher Kraft hinwirken. Die Konsequenz einer logischen Denkoperation und der Betrachtung der Faktenlage können uns so zuwider sein, dass wir alles tun, um sie nicht zur Kenntnis zu nehmen. Scheinargumente, Schmähungen, Verwünschungen, kein psychologisches und rhetorisches Mittel ist platt genug, um das Eingeständnis einer Wahrheit zu vermeiden, die unserem Wünschen und Hoffen widerstrebt. Christian Morgenstern hat das dichterisch so zum Ausdruck gebracht: „Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf!“

Auch und gerade in der Moderne haben sich Spuren magischen Denkens erhalten. Wir meinen, mit unserem Wünschen und Wollen hätten wir einen direkten Einfluss auf die Welt „da draußen“. Wir meinen – ohne uns das oft einzugestehen –, wenn wir nur genug wollen und wünschen, dann würde sich die Welt in die Richtung bewegen, die wir für gut erachten. Was im Privat- und Berufsleben oft zum unerwarteten Scheitern führt, etwa durch die unverhoffte Trennung vom Partner oder das Scheitern beruflicher Projekte wegen unrealistischer Erwartungen, führt in der Politik regelmäßig zu Katastrophen von weit größerer Dimension. Fehlende Erdung, absurd optimistische Zukunftserwartungen und die Immunisierung gegen Kritik haben schon manche Krise heraufbeschworen. Eine wichtige Methode, um der Falle zu entgehen, sich den eigenen Wünschen gemäß in Best-Case- oder Worst-Case-Szenarien zu verrennen, kann darin bestehen, alle nur irgendwie möglichen Szenarien mit ihren theoretisch denkbaren Konsequenzen aufzulisten, ganz unabhängig davon, wie sehr einem diese Perspektiven auch gegen den Strich gehen mögen. Dies ist nur eine mögliche Methode, um zu verhindern, am Ende ein Opfer des eigenen Größenwahns zu werden.

Zu den schlimmsten Verwerfungen hat ein Zuviel an Hybris mehr beigetragen als ein Mangel an Intelligenz. Schlauheit ist nämlich nicht an sich ein Garant für den Weg zur Wahrheit. Den großen Ideologen von Lenin über Hitler bis Mao mangelte es nicht an IQ, sondern an der Bereitschaft, ihre Sichtweisen einer Kritik zu unterwerfen. Egomanie und Ideologie gehen oft Hand in Hand. Intelligenz in einem anderen Sinne umfasst daher nicht nur die Fähigkeit zu abstrakten intellektuellen Operationen, sondern auch die Fähigkeit, eine Distanz zu den eigenen Gefühlen, Vorlieben und Ressentiments einnehmen zu können. Es geht um Frustrationstoleranz und die Bereitschaft, auch Verletzungen des eigenen Ego zu ertragen. Intelligenz in diesem Sinne ist die Fähigkeit, den eigenen Standpunkt relativieren zu können und zwischen der vorgestellten Realität in uns und der Wirklichkeit außerhalb von uns zu unterscheiden. Das Wissen darum, dass der persönliche Geschmack nicht identisch ist mit der Wahrheit, ist notwendige Grundlage für jede Form kritischer Reflexion des eigenen Standpunkts. Es umfasst die Bereitschaft, mit der Zumutung leben zu müssen, dass die eigene Position eine unter vielen ist. Und dass die inhaltliche Position von jedem Menschenkind, unabhängig von Status und Herkunft, infragegestellt werden darf. Nicht Titel, Würden, Positionen entscheiden dann über wahr oder falsch, sondern die Kraft des Arguments. Welchen Umbruch dies bedeutete, demonstriert der Umstand, dass am Anfang dieser Entwicklung Sokrates aus dem Schierlingsbecher trinken musste. Und viele sollten ihm folgen.

Der Weg ist das Ziel. Das gilt noch mehr als für andere Lebensfragen für den Prozess der Erkenntnis. Erkenntnis besitzt man nicht, man sucht sie. Der Begriff des „offenen Diskurses“ unterstreicht diesen Umstand. Ein Boxkampf, bei dem am Anfang schon festgelegt ist, wer am Ende als Sieger daraus hervorgeht, hat keinen Reiz. Wie bei jedem Wettbewerb sind Spielregeln notwendig. Zu diesen Regeln gehört an erster Stelle der Verzicht auf den Einsatz von Macht und Gewalt zur Durchsetzung seiner Position. Dazu gehört auch die Einführung von formalen Regeln für die Argumentation wie der Begründungspflichtigkeit von Behauptungen und der Offenlegung der Daten- und Faktenbasis. Die große Leistung der Aufklärung bestand vielleicht weniger in ihrem Inhalt als in der Methode, der sie zum Durchbruch verhalf. Nicht Autorität, nicht Tradition, nicht Glaube oder Emotion sollte darüber entscheiden, was wahr und unwahr ist, sondern die Vernunft. Immanuel Kants Aufforderung „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ ist die Quintessenz dieser Entwicklung.

Trotz aller Bezugnahme auf die Aufklärung in der Bundesrepublik hat deren Geist deutlich gelitten. Die Kontroverse hat es schwer, sich gegen den Geist aus Konsens und Konvention zu behaupten. „Gesellschaftliche Gefühle“ haben nicht zuletzt befördert durch das Eindringen der Tiefenpsychologie in die Populärkultur einen enormen Stellenwert erhalten. Sie sind quasi sakrosankt geworden, wohingegen die Forderung, Gefühle zu kontrollieren, teilweise suspekt geworden ist. Tatsächlich hat in den letzten Jahrzehnten in Deutschland ein Marsch in die Gegenaufklärung stattgefunden, weg vom Rationalismus, hin zum Irrationalismus. Standpunkte werden immer öfter durch Gefühle legitimiert und nicht durch rationales Argumentieren. Eine Gesellschaft aber, die Gefühle über alles stellt, ist eine Gesellschaft, die zwangsläufig immer neue Gefühlsaufwallungen erlebt. Und irgendwann eine, in der Hysterie zum Normalzustand wird. Politik wird damit zur Kunst, auf den Wellen öffentlicher Erregung zu surfen. Ängste und Wut müssen sich nicht mehr rechtfertigen, sie stehen für sich. Oft werden Positionen mit der Begründung abgelehnt, würden dadurch verletzt, oder die Aussage sei vielleicht grundsätzlich richtig, man müsse die Ängste aber ernst nehmen. Hätte man Ängste immer ernst genommen, würden heute in Mitteleuropa noch Hexen verbrannt.

Die Bereitschaft, wenn es sein muss auch Gefühle zu verletzen, ist notwendig für die Suche nach der Wahrheit. Intellektuelle Redlichkeit beginnt genau in dem Augenblick, in dem man bereit ist, seine eigenen Gefühle zu verletzen und die Erkenntnis höher zu stellen als die liebgewordenen Wünsche. Dies gelingt niemandem vollkommen und immer. Aber allein die Akzeptanz des Ziels, dass der Erkenntnisgewinn den persönlichen Befindlichkeiten übergeordnet sein sollte, macht einen offenen Diskurs erst möglich. Erst dies verpflichtet, auf andere Meinungen nicht mit Schmähung, Empörung und Ignoranz zu reagieren, sondern mit Gegenargumenten. Erst der Zwang zur Suche nach Gegenargumenten schafft Fortschritt. Ansonsten würden wir immer und immer wieder dieselben Rechtfertigungen vorbringen und wiederkäuen, mit dem Ziel, die eigenen Gefühle zu befriedigen. Da wir Menschen unvollkommen darin sind, unsere Wünsche und Stimmungen dem Denken unterzuordnen, benötigen wir für den Erkenntnisfortschritt den Andersdenkenden. Oder besser gesagt: den Anderswünschenden.

Dieser andere sieht auf dem Auge, auf dem wir blind sind. Das kann ihn für uns wertvoll machen. Der Andersdenkende schreckt nicht davor zurück, seinen Finger in unsere Wunde zu legen. Indem wir gezwungen sind, uns mit den Schwächen unserer Argumentation auseinanderzusetzen, werden wir klüger. Unser Wunsch, dem Argument zu begegnen, setzt einen Suchprozess in Gang, um auf die Kritik eine Erwiderung hervorbringen zu können. So stoßen wir auf neue Daten und Fakten und entwickeln neue Argumentationsmuster, die wir sonst nie entdeckt hätten, weil wir nie gesucht hätten. Unser Denken wird durch den Andersdenkenden komplexer, unsere Sicht der Dinge wird erweitert und unsere Neugier beflügelt. Wir bleiben geistig in Bewegung.

Die Einschränkung von Meinungsvielfalt war deshalb zu jeder Zeit und an jedem Ort mit einem Prozess geistiger Vergreisung verbunden. Wer sich Kritik nicht mehr gefallen lassen muss oder anhören möchte, der verlernt mit anderen Argumenten umzugehen, der kennt keine Theorie mehr, sondern nur noch Doktrin, der verstrickt sich zwangsläufig immer weiter in einer Welt aus selbst gemachten Illusionen und verfällt schrittweise der Tendenz, sich permanent selbst in die Tasche zu lügen. Die argumentativ geführte Kontroverse mit dem Andersdenkenden, so sehr sein Auftreten auch manchmal – aus unserer eigenen menschlichen Schwäche heraus – als Zumutung und persönliche Kränkung empfunden werden mag, ist das Lebenselixier, das den Geist lebendig hält. Der Andersdenkende verhindert einen Zustand selbstverschuldeter Unmündigkeit.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 1. Juni erscheinenden Juni-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 123


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