08. Juni 2012

Medien Journalistische Mitläufer

Es ist alles banaler

Der Beitrag von Lion Edler „Taktische Medienkampagnen: Kein Artikel ist, wie er scheint“ ist bemerkenswert. Er schildert fünf frappierende Fälle von gezielten Medienkampagnen. Seine Aufzählung ließe sich ohne weiteres noch verlängern. Lion Edler hat recht, wenn er schreibt, dass „durchschnittliche Linke jenseits des medial-politischen Machtapparats“ im persönlichen Gespräch in der Regel differenzierter argumentieren als ein durchschnittlicher Journalist in seinen Beiträgen. Dennoch scheint mir die Erklärung hierfür banaler als die Vermutung von Lion Edler, dahinter stecke eine breit abgestimmte Kampagne. Meiner Ansicht nach beugen sich die Journalisten tatsächlich mehr oder weniger bewusst einem Konformitätsdruck – und zwar aus persönlichen strategischen Gründen beziehungsweise aus Rücksicht auf ihre Karriere.

Journalisten geht es dabei wie den meisten von uns, die in den sozialen Netzwerken unterwegs sind. Denken Sie nicht auch lieber zweimal nach, bevor Sie zu einem politischen Thema etwas unter Ihrem echten Namen posten? Wer liest das alles oder könnte es noch Jahre später im Netz entdecken? Wen könnte ich mit meiner Meinung verschrecken? Was würden meine Kollegen oder mein Chef davon halten? Was ist, wenn ich meine Meinung in ein paar Jahren doch ändern sollte?

Diese oder ähnliche Fragen stellen sich offensichtlich viele soziale Netzwerker. Die meisten schreiben dann einfach zu kritischen Themen gar nichts öffentlich – eine Option, die sich einem Journalisten nicht bietet. Dafür machen immer mehr Menschen ihrem Unmut im Schutze der Anonymität etwa in den Kommentarspalten von Online-Zeitungen Luft. Hier bekommt Sarrazin einen immensen Zuspruch für sein Buch „Deutschland schafft sich ab“. Und auch in Umfragen steht etwa die Hälfte der Bevölkerung auf seiner Seite. Öffentlich erkennbar outen sich allerdings nur wenige als Sarrazin-Anhänger. Das gleiche kann ich in meinem Freundeskreis beobachten. In persönlichen Gesprächen sind die Meinungen zu den Sarrazin-Thesen geteilt. Bei Facebook habe ich aber fast nur kritische Einträge zu seinem Buch gefunden. Diese Sarrazin-Kritiker hielten es offensichtlich für unschädlich, ihre Meinung öffentlich zu bekunden. Die Sarrazin-Befürworter aus meinem Freundeskreis hielten es hingegen für klüger, ihre Meinung nicht unter eigenem Namen kundzutun.

Kein Wunder, dass sich auch Journalisten genau überlegen, wie sie sich bei so heiklen Fällen positionieren. Die meisten haben – im Gegensatz zu Thilo Sarrazin – noch ein langes Berufsleben vor sich. Da will man sich nicht vorschnell Möglichkeiten verbauen. Am sichersten ist es für einen Journalisten, bei kritischen Themen erst mal den „Spiegel“ die Richtung vorgeben zu lassen. Wenn man mit der Leitlinie konform geht, kann eigentlich nichts schief gehen. Ganz nach dem Motto: Wenn ich das gleiche schreibe wie alle anderen, kann ich auch für alle anderen schreiben. Man hält sich also alle Karriereoptionen offen.  

An der Richtigkeit einer Schlussfolgerung von Lion Edler ändert dies nichts: Wir Leser müssen wissen, dass hinter jeder veröffentlichten Meinung ein verdecktes Interesse steckt. Dieses verdeckte Interesse ist bei der großen Masse der journalistischen Mitläufer vermutlich jedoch so banal wie Lion Edler zunächst dachte: Eine Mischung aus Angepasstheit, Ehrgeiz, Ignoranz, Risikoscheu und Bequemlichkeit. Das schließt nicht aus, dass einige Journalisten in den besonders tonangebenden Leitmedien im Wissen ihrer Macht die von Lion Edler ausgemachten Kampagnen anstoßen. Auf versteckte Hinweise und konkrete Absprachen sind sie aber gar nicht angewiesen. Die Medienlandschaft folgt ihnen auch so blind.

Link

Lion Edler: "Taktische Medienkampagnen"


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