11. Juni 2012

Syrien Die Lüge von al-Hula

Ein Politik- und Medienskandal erster Ordnung

Am 25. Mai 2012 wurden in der syrischen Stadt al-Hula mehr als 100 Zivilisten, die meisten davon Frauen und Kinder, barbarisch ermordet. Bereits wenige Stunden nach dem Massaker tauchten die ersten Bilder im Internet auf, und die Propagandamaschinerie westlicher Massenmedien setzte sich in gewohnter Einmütigkeit in Bewegung.

Natürlich konnte nur das syrische Militär dieses Verbrechen verübt haben, so die erste Version, denn bekanntlich ist der syrische Präsident Baschar al-Assad ein skrupelloser Verbrecher, der mit Vorliebe Frauen und Kinder des eigenen Volkes abschlachten lässt. Als sich bei der Untersuchung der Opfer herausstellte, dass die wenigsten von ihnen durch schwere Waffen (Granaten, Artillerie) ums Leben gekommen waren, wurde sofort eine neue Version nachgeschoben, die regimetreue Schabiha-Milizen für die Bluttat verantwortlich machte. Dass die syrische Regierung eine Beteiligung an dem Massaker bestritt und russische Quellen die westliche Darstellung öffentlich in Zweifel zogen, änderte nichts an dem medialen Dauerfeuer gegen den „Kriegsverbrecher“ Assad. So behauptet das Springersche „Hamburger Abendblatt“ am 28.5.2012 wörtlich: „Syrische Truppen und Milizen töten in der zentralen Provinz Homs mehr als 110 Menschen, rund ein Drittel von ihnen Kinder. International ruft das Blutbad Abscheu und Empörung hervor ...“

Auch die Politik blieb nicht untätig. Bereits am 29.5.2012 wiesen zahlreiche westliche Länder, darunter auch Deutschland, als Reaktion auf das Massaker die syrischen Botschafter aus. „‚Der mörderische Wahnsinn des Regimes in Damaskus stellt eine Bedrohung für die regionale Sicherheit dar‘, teilte das französische Präsidialamt nach einem Treffen Hollandes mit dem britischen Premierminister David Cameron mit.“

Bereits zu dieser Zeit widersprachen Skeptiker unter Berufung auf ein inzwischen im Internet kursierendes Interview mit einer Augenzeugin der offiziellen Darstellung. Die abchasische Nachrichtenagentur „Anna News“ war offenbar als einzige mit einem Reporterteam direkt vor Ort gewesen und kam zu einem gänzlich anderen Fazit als die westlichen Massenmedien: „Während unserer Reise nach al-Hula in der Provinz Homs haben wir Berichte von einem knappen Dutzend Augenzeugen der Attacke auf die Stadt al-Hula vom 25. Mai 2012 aufgezeichnet und dokumentiert. Der Angriff erfolgte durch eine Einheit bewaffneter Kämpfer aus Ar Rastan, an ihr waren mehr als 700 Bewaffnete beteiligt. Sie brachten die Stadt unter ihre Kontrolle und begannen mit einer Säuberungsaktion gegen regierungstreue Familien, einschließlich alter Menschen, Frauen und Kinder...“

Die sehr ausführliche Aussage der Augenzeugin, die einige der mutmaßlichen Täter sogar namentlich identifizieren konnte, wurde von den westlichen Massenmedien komplett ignoriert. Sunnitische Terroristen als Täter? Das konnte nur eine Propagandalüge des Assad-Regimes und seiner Unterstützer in Russland und China sein...

Erst am 8. Juni 2012 fand endlich die Wahrheit, wenn auch mitten in einem Artikel über ein neues, selbstverständlich von „regimetreuen Milizen“ verübtes Massaker den Weg in wenigstens eine größere bundesdeutsche Zeitung („FAZ“). Hier der Wortlaut der Meldung, die allem widerspricht, was Regierung und Massenmedien den Bürgern dieses Landes bislang über die Bluttat von al-Hula zu suggerieren suchten:

„Syrische Oppositionelle, die aus der Region kommen, konnten in den vergangenen Tagen aufgrund glaubwürdiger Zeugenaussagen den wahrscheinlichen Tathergang in Hula rekonstruieren. Ihr Ergebnis widerspricht den Behauptungen der Rebellen, die die regimenahen Milizen Schabiha der Tat beschuldigt hatten. Sie sollen unter dem Schutz der syrischen Armee gehandelt haben. Da zuletzt Oppositionelle, die den Einsatz von Gewalt ablehnen, ermordet oder zumindest bedroht worden sind, wollen die Oppositionellen ihre Namen nicht genannt sehen.

Das Massaker von Hula hatte sich nach dem Freitagsgebet ereignet. Die Kämpfe setzten ein, als sunnitische Rebellen die drei Straßenkontrollen der syrischen Armee um Hula herum angriffen. Die Kontrollpunkte haben die Aufgabe, die alawitischen Dörfer um das überwiegend sunnitische Hula vor Anschlägen zu schützen.

Eine angegriffene Straßenkontrolle rief Einheiten der syrischen Armee zu Hilfe, die 1.500 Meter entfernt eine Kaserne unterhält und umgehend Verstärkung schickte. Bei den Kämpfen um Hula, die 90 Minuten gedauert haben sollen, wurden Dutzende von Soldaten und Rebellen getötet. Während der Kämpfe waren die drei Dörfer von Hula von der Außenwelt abgeriegelt.

Nach Angaben der Augenzeugen habe sich das Massaker in dieser Zeit ereignet. Getötet worden seien nahezu ausschließlich Familien der alawitischen und schiitischen Minderheit Hulas, dessen Bevölkerung zu mehr als neunzig Prozent Sunniten sind. So wurden mehrere Dutzend Mitglieder einer Familie abgeschlachtet, die in den vergangenen Jahren vom sunnitischen zum schiitischen Islam übergetreten sei. Getötet wurden ferner Mitglieder der alawitischen Familie Shomaliya und die Familie eines sunnitischen Parlamentsabgeordneten, weil dieser als Kollaborateur galt. Unmittelbar nach dem Massaker hätten die Täter ihre Opfer gefilmt, sie als sunnitische Opfer ausgegeben und die Videos über Internet verbreitet.“(!)

Wie aber reagiert die bundesdeutsche Presse angesichts dieser nunmehr bestätigten Ungeheuerlichkeit, dass die Regierung der Bundesrepublik aufgrund von Gerüchten und Propagandalügen den Botschafter eines Landes ausweist? Bedauert sie ihren „Irrtum“ und entschuldigt sie sich bei den Bürgern dieses Landes? Weit gefehlt. Ungeachtet der neuen Fakten wird fröhlich weitergelogen:

„Schon am 25. Mai hatte ein von regulären Truppen und Regime-Milizen in der Stadt Hula angerichtetes Blutbad mit 100 Toten, darunter ebenfalls viele Frauen und Kinder, weltweit Entsetzen ausgelöst.“

Angesichts dieser Unverfrorenheit der Schreibtisch(mit)täter in den bundesdeutschen Redaktionsstuben erübrigt sich jeder weitere Kommentar.

Links

„Hamburger Abendblatt“: Assad-Regime bestreitet Schuld an Hula-Massaker

„Stern“: Berlin weist Syriens Botschafter aus

„Anna News“: Der gewöhnliche Faschismus der zivilisierten Welt

„FAZ“: Abermals Massaker in Syrien

„Rheinische Post“: UN-Einsatz in Syrien vor dem Aus


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Autor

Siegfried Seher

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige