11. Juni 2012

Bilderberger Diesseits aller Verschwörungsthriller

Einige einfache Fragen eines besorgten Zeitinsassen

Ursprünglich wollte ich diesen Artikel ganz anders beginnen. Ich wollte beispielsweise darüber sinnieren, was Grünen-Politiker und Asinus ex systema Jürgen Trittin wohl auf der jüngsten Bilderberger-Konferenz zu suchen hatte, warum sich Bilderberger-Mitbegründer und -Urgestein Henry Kissinger mit dem Chef der deutschen Piratenpartei traf – was kann ein weltpolitischer Großadmiral und umtriebiger Strippenzieher wie Kissinger vom Leichtmatrosen Schlömer wollen? –, vor allem aber versuchte ich unter Zuhilfenahme einer Vielzahl unterschiedlichster Quellen, die angeblichen Motive und Zielsetzungen der „Transatlantiker“ abzuschätzen.

Ich bin dadurch zunächst mal zu ganz anderen, einfacheren Fragen gelangt. Um die erdrückende Masse an Gerüchten, wilden Spekulationen und Vermutungen, die Vielzahl an Theorien, die diesbezüglich derzeit im Internet kursieren, in diversen Foren, Blogs und vor allem auf Youtube – man gebe in der Suchzeile des Videoportals einmal „Bilderberger“ ein –, will ich mich hier nicht kümmern. Eben deshalb, weil sie nicht verifizierbar sind.  Je tiefer man sich in diese Materie vergräbt, desto unklarer, nebulöser und manchmal auch phantastischer wird es. Kein sonderlich zuverlässiges Ausgangsmaterial. Ich möchte mich lieber an das halten, was ich mit Hilfe meines begrenzten Schutzbefohlenenverstandes erfassen kann und was mir von der Presse an äußerst spärlichen Informationen zu diesem Thema zugebilligt wird.

So zum Beispiel von einem Artikel auf "Welt Online", der sich für mich las wie die Hochglanz-PR-Broschüre eines Luxushotels und sicher nicht nur bei mir einige bohrende Fragen hinterließ.

„An Öffentlichkeit war die Bilderberg-Konferenz damals nicht interessiert“, heißt es im Text, „und auch heute nicht, wohl aber an Wirkung. Die Aura der Elite, des Geheimnisvollen, der Vertraulichkeit ist Bedingung dafür, Leute mit großem Einfluss und wenig Zeit zusammenzuführen“. Weiter: „Es kann in allgemeinen Begriffen berichtet, aber niemals mit Namen zitiert werden – und am besten überhaupt nicht, oder nur in Andeutungen.“

Warum eigentlich? Schließlich geht es bei diesen Konferenzen laut dem Artikel aus der Feder von Matthias Kamann und Michael Stürmer doch nur um harm- und zwanglose, möglichst vorurteilsfreie, aufgeschlossene Gespräche zu aktuellen Problemen. Wieso also diese Geheimhaltung? „Das Prinzip der Vertraulichkeit begünstigt es, dass Leute miteinander reden, die in der Öffentlichkeit Schwierigkeiten damit hätten. Hier können Politiker mit Top-Journalisten die Lage erörtern und Vorbehalte abbauen. Man gibt sich aufgeklärt und konstruktiv und hört überwiegend zu.“ Ob der letzte Satz von einer Sozialkundelehrerin verfasst wurde, weiß ich nicht, stelle mir aber sofort die Frage – die der Artikel zu meiner größten Unzufriedenheit leider nicht beantwortet –, warum manche Diskutanten „Schwierigkeiten damit“ haben sollten, öffentlich miteinander zu sprechen. Denn die „konstruktiv“ diskutierten Probleme, zu denen zweifellos auch die derzeitige Schieflage Europas zählt, betreffen schließlich Millionen von Menschen. Warum diesen unentwegt etwas vorenthalten? Sind wir vielleicht zu dumm, mitzudiskutieren? Würden wir angesichts der Komplexität, Schwere und Tragweite der im transatlantischen Debattierclub lässig-jazzig besprochenen Themen aufgrund unseres beschränkten Proletarierhorizonts eventuell einen Hirninfarkt erleiden?

Der Text liefert mögliche Antworten darauf im letzten Absatz: „Die dunklen Limousinen, die Absperrung der Straßen, die Bodyguards, das zuckende Blaulicht, die Beflissenheit des Personals verstärken die Aura des Besonderen und Außeralltäglichen und wecken Erwartungen von Weltordnung, Frieden und Vernunft, die indessen keiner Wirklichkeit der rauhen, unaufgeklärten Außenwelt standhalten. Am Ende des langen Wochenendes ist die Welt weiterhin so, wie sie ist – aber vielleicht doch ein bisschen hoffnungsvoller.“

An wen sind diese Zeilen nun adressiert? Vielleicht an die Teilnehmer der Konferenz selbst, die sich über die Wirklichkeit der rauhen, unaufgeklärten „Außenwelt“ – im Gegensatz zu welcher anderen, geschmeidigeren, aufgeklärteren Innenwelt übrigens? – durch überwiegendes Zuhören ein wenig hinwegzutrösten versuchen, wohlwissend, dass sie ihm gegenüber eigentlich machtlos sind, weshalb die Welt sich trotz aller hochelitären, stark ergebnisorientierten Bemühungen von Menschen „mit großem Einfluss“ danach trotzdem nicht verändert hat?

Mehr noch: Sie ist in letzter Zeit ja in der Tat nur vielleicht oder sagen wir lieber: bedingt hoffnungsvoller, sondern eher instabiler, unberechenbarer, aggressiver und militanter geworden. Weshalb ich leider die Sinnfrage stellen muss: Warum überhaupt jahrzehntelang solche Zusammenkünfte der Machteliten organisieren – zudem unter größtem Sicherheits-, Geheimhaltungs- und sicher auch nicht unerheblichem Kostenaufwand – wenn sie nichts weiter zeitigen als hehre Hoffnungen, der Planet ansonsten aber doch nur im alten Trott weitereiert? Man ist doch angeblich an Wirkung interessiert? Es bliebe dann also bei teurem Palaver nicht nur ohne jedes positive, sondern sogar mit (zumindest bisher) kontinuierlich schlechterem Ergebnis. Treffen sich dort unter Umständen gar keine einflussreichen Personen, sondern Vettern von Rudi Ratlos? Ist das der Grund der Geheimhaltung? Ist es den Teilnehmern peinlich, dass sie womöglich gar nicht so viel mehr wissen oder kompetenter sind als ihre unaufgeklärten, grob und simpel gestrickten Außen- und Hinterweltbevölkerungen? Ist das der Mythos der Bilderberger?

Man könnte das gerade auch an der aktuellen Krise der EU aufhängen: Es gab und gibt schließlich Stimmen, die sehr eloquent und fachkundig dargelegt haben, warum Europa jetzt in diesem Schlamassel steckt, und die rechtzeitig alternative, praktikable Lösungsvorschläge vorzuweisen hatten. Nun möchte man bei den Bilderbergern ja überwiegend zuhören, es geht – laut Welt Online – um das „freie Gespräch, die Frage, die Sondierung“ – warum aber war dann noch nie auch nur ein einziger der intellektuell schwergewichtigeren Euro-Kritiker dort vertreten? Gab es eventuell Vorbehalte, die sich selbst in unvoreingenommenen, barrierefreien Gesprächen zwischen Weltklasse-Journalisten, Politikern sowie Spitzenmanagern der Hochfinanz nicht abbauen ließen?

Das wäre jammerschade, denn gerade Eliten sollten dazu doch fähiger sein als der durchschnittliche Stimmbüttel. Dann ging mir mein Denkfehler auf: Es gibt ja gar keine nennenswerten Eurokritiker, sondern nur Anti-Europäer vom rechten Rand, die keiner Diskussion mit elitären Weltgestaltungsfachkräften würdig sind. Titelte doch schon die seriöse Wochenzeitung „Die Zeit“, deren ehemaliger stellvertretender Chefredakteur Matthias Naß, mittlerweile internationaler Korrespondent, bereits mehrfach Gast der Bilderberger war, in einem Artikel vom September 2011: „Lasst die Euro-Kritiker ruhig reden“ (vulgo: „... denn die sind eh alle ein bisschen belämmert“). Wie gut, dass ich darauf noch selbst gekommen bin. Ist mir jetzt fast ein bisschen peinlich. Übrigens: Als eine Leserin in der Kommentarspalte unter betreffendem Artikel darauf hinwies, dass Herr Naß Bilderberg-Teilnehmer ist, wurde ihr Kommentar umgehend gelöscht. Als sie nicht lockerließ, hat man ihren Nutzeraccount gesperrt. Geht aber in Ordnung, denn das fällt ja unter „Kampf gegen rechts“.

Oder richten sich die Worte an die Bewohner der rohen, ungeschliffenen Außenwelt, also Leute wie mich? Dann liefe es wohl darauf hinaus, dass ich wahrscheinlich nur meine irrationalen, naiven, kindlichen Sehnsüchte nach einer geordneten, vernunftbestimmten, lenorgetränkten Kuschelwelt auf die Eliten projiziere. Ich setze also schwärmerische, überzogene und völlig unrealistische Hoffnungen auf Lenkung und Kontrolle des Weltkuddelmuddels in meine Vorgesetzten? Schwelt tief im Unterbewusstsein von Knechten wie mir doch ein Wunsch nach strenger Führung?

Falls dem so ist: Wozu soll dann ein Führungspersonal gut sein, das offensichtlich nicht nur völlig unfähig ist, drängende Probleme in den Griff zu bekommen, sondern sie im letzten Jahrzehnt (und zwar auf beiden Seiten des Atlantiks) nur noch weitaus schlimmer gemacht hat? Warum fühle ich mich deshalb so unwohl? Ich glaube, ich lese diesbezüglich doch nochmal bei Alexandre Kojève nach; was die massenmedialen Groupies betrifft, bei Norbert Elias („Die höfische Gesellschaft“, ein Buch, das ich den ständig Irgendwas-mit-den-Medien-Machenden immer wieder nur wärmstens empfehlen kann); und hinsichtlich des gerade durch die unablässigen mainstreammedialen Meinungsmanipulationen und -verzerrungen verursachten verschwörungstheoretischen Wildwuchses und der zweifellos zunehmenden sub- und alternativkulturellen Paranoia – kein Wunder, dass die Menschen bei dieser Informationsversorgungslage selber zu denken anfangen und kreativ werden, ja gut, mitunter auch etwas zu phantasieren und spinnen beginnen – bei Jean Baudrillard („La transparence du mal: Essai sur les phénomènes extremes“). Vielleicht spendet mir das ja ein Quantum Trost.

Ernsthaft: Es ist noch gar nicht lange her, da wurden diejenigen, die auf die Existenz der Bilderberg-Konferenzen aufmerksam machen wollten, in gewohnter Manier von der Hauptsumpfpresse als Spinner verlacht. Es hieß gar, die Bilderberger gebe es gar nicht, es handele sich um einen Mythos. Warum aber wurde etwas über Jahrzehnte hinweg hartnäckig geleugnet und ins Reich der Legenden gerückt, das doch eh nichts bewirkt – es darf ja alles bleiben wie gewollt – und nur zu unser aller Wohl veranstaltet wird?

Zurück zum Anfang: Was also hatte Henry Kissinger mit dem Chef der Piraten zu bequatschen? Ich will es mal so ausdrücken: Sollte Angela Merkel bei einigen ihrer Positionen bleiben, besonders der strikten Ablehnung einer Vergemeinschaftung von Schulden, sollte sie ihren Kurs gegenüber Eurobonds, Fiskalunion und dem ganzen anderen, stumpfen Notoperationsbesteck fortsetzen, wofür sie im Augenblick ja in auffällig heftiger Weise von entsprechender Seite kritisiert wird, würde es mich nicht überraschen, wenn es im Vorfeld der nächsten Bundestagswahl vermehrt positive Berichte zu Rot-Grün (eventuell auch den Piraten) gäbe. Kanzler: Steinbrück, Vize: Trittin? Parallel dazu dürfte Schwarz-Gelb kräftig abgewatscht werden: Vielleicht gräbt man noch zwei, drei Plagiatsaffären aus oder legt andere dunkle Stellen in der Vergangenheit von Unions- und FDP-Politikern auf den Seziertisch der Presse. Die Personalkonstellationen können sich natürlich noch ändern, der Kurs aber scheint bereits eingeschlagen worden zu sein. So gratulierte auch die „Welt“: „Jürgen Trittin rechtfertigt sich. Dabei hätte der Grünen-Fraktionschef in diesem Fall gar keinen Grund dafür. Denn während einer USA-Reise hat Trittin am 31. Mai und 1. Juni etwas gemacht, was wichtigen deutschen Oppositionspolitikern gut ansteht, aber nur selten gelingt: Er hat an der 60. Bilderberg-Konferenz in Chantilly im US-Bundesstaat Virginia teilgenommen, einem so exklusiven wie verschwiegenen Treffen von rund 145 Politikern, Wirtschaftsführern und Journalisten aus aller Welt. Glückwunsch!“

Ich hingegen möchte lieber nicht vorschnell gratulieren und verstehe übrigens auch gar nicht, warum es ausgerechnet „Oppositionspolitikern“ gut anstehen sollte, Gast der Bilderberger gewesen zu sein. Grund: Ich weiß nicht, was genau dort diskutiert wurde und ob ich damit überhaupt einverständen wäre. Ja, ich, unbedeutende Einzelmeinung, irrelevantes Individuum vor der großen Kulisse der Weltpolitik. Und jetzt spiele ich mit Playmobil-Figuren Stalingrad nach.

Links

„Welt“: Trittin nach Bilderberg-Konferenz in Erklärungsnot

„Die Zeit“: Lasst die Euro-Kritiker ruhig reden


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