19. Juni 2012

EM 2012 Kauft Freude nicht bei Deutschen!

Im Fieberwahn naht Turnvater Jahn

Da freuen sich manche Menschen mal ein bisschen über Fußballspiele und bekunden Sympathie für ihre Mannschaft via Fähnchen und Wimpel, Schals und Mützchen, T-Shirts und andere Accessoires, schon soll es ihnen madig gemacht werden. Im „Tagesspiegel“ nagte eine kleine Schreibmaus im hobbypolitologischen und amateursozialpsychologischen Tonfall der Note 4 minus („gerade noch ausreichend“) am vermeintlich reaktionären, chauvinistischen Verhalten und piepste etwas von einem „Rückschritt“. Pathetischer Titel des Artikels, der sich anfühlte wie eine Beule an der Stirn: „Werdet fahnenflüchtig!“. Die Rotfaschisten und -straßenarmisten der Antifa werden auch schon mal handgreiflich, wenn es darum geht, den Deutschen den harmlosen Spaß am Spiel gründlich auszutreiben: Autoantennen werden abgeknickt, Fahnen heruntergerissen oder Fans, die sich entsprechend kleiden, um trikolorierte Modestücke erleichtert. Die GJ (Grüne Jugend) veröffentlichte auf ihrer Homepage einen Text, der zwar viele große Binnen-Is, aber umso weniger große Binnenhirne enthält.

„Die Trennung zwischen guten PatriotInnen und schmuddeligen NationalistInnen gibt es nicht; der positive Bezug zum eigenen ‚Vaterland‘ bedeutet immer auch die Abwertung von Anderen, weil sie zum Beispiel AusländerInnen sind oder homosexuell“. Patriotismus gleich Homophobie. Das ist neu. Ein allzu positiver Bezug zur eigenen Ideologie wiederum kann übrigens auch die Abwertung von Menschen bedeuten, weil sie zum Beispiel eine bestimmte Einkommensgrenze überschreiten, eine Villa, Yacht oder großes Privatvermögen besitzen. Weiter geht´s: „Das widerspricht zwar den gefühlten Erlebnissen und erst recht den Wünschen der meisten Beteiligten, lässt sich aber empirisch nachweisen: Der Bielefelder Soziologe Heitmeyer hat vor und nach der WM in Deutschland im Jahre 2006 Menschen befragt und festgestellt, dass Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit während der WM angestiegen waren“. Liebe Warner- und MahnerInnen der GJ: Aus eigener universitärer Erfahrung weiß ich ganz empirisch, aus welcher politischen Richtung viele Soziologen kommen und vor allem, wie diese politische Ausrichtung so manches Umfrage- und Studienergebnis tangierte. Man muss nur die „richtigen“ Fragen stellen, um bestimmte Antworten zu erhalten, auch das ist hinlänglich bekannt. Wer das, was heute überwiegend unter „Soziologie“ firmiert, in einem Atemzug mit Empirismus nennt, müsste konsequenterweise auch Dieter Bohlen zum Bannerträger der e-musikalischen Avantgarde küren.

Das patriotische Unwesen widerspricht zwar den „gefühlten Erlebnissen“ und den Wünschen der meisten Beteiligten, lässt sich andererseits aber „empirisch“ belegen. Und so stellt die GJ in ihrem geschichtsphilosophischen Fieberwahn einen Zusammenhang zwischen „Party-Patriotismus“, Rassismus, Homophobie, Turnvater Jahn, zwei Weltkriegen und dem Holocaust her. Jetzt fehlt eigentlich nur noch Fukushima. Merke: Die Erlebnisse sind nur gefühlt; fromme Wünsche zählen aber nicht, sondern nur die tiefe Menschenkenntnis der GJ. Sie weiß eben besser, wie es in den Köpfen tickt.

Man möchte also wieder einmal den Eindruck erwecken, das Reichstagsgebäude stünde kurz davor, von braun gekleideten, glühenden Nationalisten überrannt zu werden. Und als nächstes fallen sie unter ohrenbetäubendem Getröte der Vuvuzelas wahrscheinlich über Polen und die Niederlande her! Also Blasiertheit as usual bei den Windmühlenkämpfern der einzig wahren Weltanschauung, die selbst dann, wenn ein Regenbogen zufällig mal schwarz-rot-gülden schillern sollte, Petrus vermutlich sofort zum Nazi erklären und ihn dezidiert darum bitten würden, das Maul zu halten, da sie sonst zurückschlügen. Denn nach 1968 wird zurückgeschossen, damit das klar ist, rechtspopulistischer Wetterimperialist! Man darf eben keine Gelegenheit verstreichen lassen, frei nach dem berühmten Werbeslogan für einen Schokoriegel mit ganzen Erdnüssen: Wenn‘s mal wieder länger dauert, schnapp‘ dir‘n Rechtsextremisten.

Was die grünen Hysteriker dabei übersehen: Von gefährlich erstarktem Deutschnationalismus kann bei Fußballspielen kaum die Rede sein, da sich schon lange nicht mehr ausschließlich blond-blauäugige HansInnen, sondern auch ManuelInnen, AhmedInnen, MaheshInnen, HungInnen, KrzysztofInnen, JulesInnen, LászlóInnen, AsubontengInnen und viele andere Fußballbegeisterte unterschiedlichster kultureller Herkunft unter einer Deutschlandfahne gemeinsam freuen – die Nationalfarben haben in den allermeisten Fällen symbolischen Charakter höchstens noch im Sinne eines durch geschicktes Teamplay errungenen sportlichen Erfolges, nicht hurrapatriotischer, rigider nationaler Abgrenzung oder militanter Herrenrassenkreuzzüge nach arischem Reinheitsgebot.

„Alle Jahre wieder wirft man uns vor, den Menschen den Spaß am Fußball zu nehmen. Wenn jemand sich den Spaß durch unseren Aufkleber nehmen lässt, wird es schon einen sehr guten Grund geben, denn dann schwingt mit dem vermeintlich unverkrampften Fahnenschwenken noch etwas ganz anderes mit. Es muss uns erlaubt sein, nicht patriotisch sein zu wollen und es muss erlaubt sein, das kund zu tun“.

Ja, natürlich habt ihr das Recht, die Folgen unseres Bildungssystems öffentlich Kun-Tzu Tun. Es ist aber auch mein gutes Recht, Leuten, die eine Verbindung zwischen der Ermordung von Millionen von Menschen und Wimpelchen an Autos herstellen und deshalb von ihren Mitmenschen völlig zurecht als durchgeknallte Spaßbremsen betrachtet werden, die noch im kleinsten Deutschlandfähnchen einen Wegweiser nach Dachau sehen wollen, ihre Umwelt mit Sprachabfällen wie „SteuergeldverschwenderInnen“ oder „SchwachmatInnen“ verschmutzen, eine bedrückende Nähe zu einem vergangenheitsfixierten Todeskult zu attestieren.

Links

„Der Tagesspiegel“: Werdet fahnenflüchtig!

Grüne Jugend


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