07. August 2012

Menschenjagd auf Nadja Drygalla Sippenhaft gegen rechts

So macht man die Deutschen zu NPD-Wählern

Zunehmend angst und bange werden kann es einem in den letzten Jahren aufgrund der Frage, wie man in diesem Staat vielleicht schon bald mit „Rechtsabweichlern“ umgehen wird, wie eine Formulierung bei Stalin und Mao lautete. Besonders deshalb, weil auch das Ausland dazu schweigt: Eine unschuldige deutsche Sportlerin wird mit einer Vernichtungskampagne zum Verlassen des „Olympischen Dorfs“ gezwungen, vor der Weltöffentlichkeit als braun verleumdet und an den medialen Hakenkreuzpranger genagelt. Und warum? Weil ihr Freund – aber selbst das offenbar nur bis vor kurzem – für eine Partei eingetreten sein soll, die noch nicht einmal verboten ist, die aber beim Staat wegen ihrer politischen Minderheitsmeinung unerwünscht ist: die NPD. Sie selbst hatte sich indessen unmissverständlich geäußert, dass sie „diese Szene“ ablehne und nie in ihr verkehrt habe. Es nützte nichts, die Hexe wurde verbrannt. Nein, Nadja Drygalla ist nicht mit einem Juden verbandelt. Ihr „Verbrechen“ ist nicht die ethnische oder religiöse Zugehörigkeit ihres Freundes, sondern dessen angebliche politische Zugehörigkeit.

Mehrere Sportfunktionäre drängten die Sportlerin dazu, ihren Freund aus politischen Gründen fallenzulassen, die Beziehung zu beenden. „Ich selbst habe lange und oft mit Nadja gesprochen“, so Hans Sennewald, Vorsitzender des Ruderverbands in Mecklenburg-Vorpommern, „habe ihr klargemacht, dass ihre Umwelt diese Beziehung nicht akzeptieren kann“. Auch der Geschäftsführer des Landessportbundes, Torsten Haberland, äußerte sich laut „BILD“-Zeitung ganz offen: „Wir haben ihr geraten, sich einen anderen Freund zu suchen.“ Die tapfere Frau entschied sich jedoch für die Liebe statt für das Zu-Kreuze-Kriechen unter die Knute eines menschenverachtenden, „anti“-faschistischen Unrechtsregimes.

Drygalla erklärte nun im „Welt“-Interview, sie habe viele „vermeintliche Fakten gelesen, die einfach falsch sind“. Die Diskussion laufe „seit drei Tagen ohne Kommentare von mir“. Als Beispiel nennt sie im selben Interview den Vorwurf, sie sei in der rechtsextremen Szene aktiv: „Da können Sie fragen, wen sie möchten: Ich habe keinen Kontakt gehabt, noch bin ich jemals auf Demonstrationen gewesen.“

In einem Kommentar auf einer Internetseite heißt es über Drygalla: „Doch wer sich mit Juden ins Bett legt, soll sich über den entstehenden Modergeruch nicht wundern.“ Na ja, nicht ganz. Statt „Juden“ stand dort „Nazis“, aber ansonsten stand dieser Satz tatsächlich auf der Netzseite der „taz“, die ja denkt, dass sie moralisch irgendwie oberhalb der NPD anzusiedeln wäre. Aus der Tatsache, dass Drygalla aus Liebe zu ihrem Freund auch ihren Polizeidienst quittierte, weil sie auch dort in Bedrängnis geriet und sich nicht von ihrem Freund trennen wollte, schlussfolgert Erik Peter in der „taz“ zynisch: „Nun will sie uns weismachen, sie habe mit rechter Ideologie nichts zu tun. Wie heuchlerisch! Bestand ihre fünfjährige Beziehung etwa nur aus Vögeln und Schweigen?“ Zu so viel Menschenverachtung fällt einem wirklich nur noch der berühmte Satz von Max Liebermann ein, den dieser bekanntlich beim Betrachten eines Nazi-Fackelzugs 1933 geäußert haben soll: „Ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte."

Nur zur Dokumentation sei noch ein zweites Beispiel besonders perfider Menschenjagd genannt,  die die Kampagne mit sich brachte. Christian Bangel wirft der Sportlerin in der „Zeit“ kafkaesk vor: „Drygallas Bekenntnis zu olympischen Werten allein reicht nicht. Viele Rechtsextremisten tolerieren andere Ethnien durchaus. Sie halten sie nur eben nicht für gleichwertig und weisen ihnen eine untergeordnete Rolle in ihrer genetisch sortierten Welt zu.“ Weiter höhnt Bangel über das wehrlose Opfer: „Nun wurde in ihrem Fall überhaupt keine Sanktion verhängt.“ Sie habe sich vielmehr „selbst entschieden, das Olympiateam zu verlassen“. Wer so schreibt, der hätte auch in anderen historischen Situationen geschrieben, dass die vom Staat diskriminierten Minderheiten mal nicht so auf die Tränendrüse drücken sollen. Während aber in den Kommentarspalten eine überwältigende Mehrheit des Volkes einschließlich vieler Migranten und Linken voller Abscheu auf die Staatskampagne reagiert, sind die Medien wieder einmal weitgehend „gleichgeschaltet“ zu Lasten von Drygalla. Und sie zensieren wieder einmal reihenweise kritische Kommentare. Damit nicht genug des Marschs in die „DDR 2.0“. Die „BILD“-Zeitung fragt wegen Drygalla bereits: „Brauchen wir Gesinnungstests für Sportler?“

Vor einigen Wochen zeigte mir ein Kumpel eine im Internet nicht mehr auffindbare Aufzeichnung einer schon länger zurückliegenden Fernsehsendung, bei der ein paar eher praktisch begabte „Rechte“ von einer Horde   herumschreiender Talkshow-Gäste vorgeführt werden. Schon beim Eintreten der Staatsfeinde ins Fernsehstudio werden diese ausgepfiffen; im weiteren Sendungsverlauf werden sie trotz ihrer dauernden Distanzierungen von Gewalt immer wieder verdächtigt, bedrängt und persönlich angegriffen. Als mich der Kumpel später noch einmal auf die Sendung anspricht, ist er irritiert über meine Meinung: Ob ich etwa ein größeres Problem mit dem Moderator und den anderen Talkshow-Gästen hätte als mit den irren Ansichten der Rechtsradikalen? Um genau zu sein: Ja, genauso schaut es aus, aber warum ist das denn so verwunderlich? Könnte diese instinktive Rest-Grundsolidarität mit einem zweifellos äußerst kritikwürdigen politischen Lager eventuell damit zusammenhängen, dass der „Kampf gegen rechts“ – und aktuell gegen eine unschuldige Sportlerin – in konzentrierter Form all das repräsentiert, was mich an diesem System und seinen ekelhaften Schergen zum Erbrechen anwidert?

Was ist es, das mich ekelt? Da wäre zum Beispiel die Geilheit der „Anti“-Faschisten darauf, aus einer Position der unendlichen politischen und zahlenmäßigen Überlegenheit heraus sich feige und billig damit zu profilieren, ununterbrochen auf einer politisch verfolgten und an die Wand gequetschten Randgruppe herumzutrampeln – und sich dabei auch noch „unbequem“ und „kritisch“ vorzukommen. Während indessen viel gefährlichere Gruppen geschont werden. Da wäre ferner die Unsitte, andauernd in Sekundenschnelle über Menschen den Stab zu brechen, ohne dass man überhaupt die Fakten geprüft hat und ohne dass man nach der lateinischen Redewendung „Audiatur et altera pars“ beide Seiten gehört hat. Da wäre ferner die menschliche Gnadenlosigkeit, die nicht die Gesinnung eines ideologisch Verirrten auslöschen will, sondern den Menschen gleich mit zerstampfen will.

Was ist angesichts dessen so verwunderlich daran, wenn sich manche Leute zur NPD hingezogen fühlen? Wer als „Nazi“ zurecht oder auch nur aufgrund von Verleumdungen gebrandmarkt ist, der wird in diesem Staat zum Freiwild und wird unter Umständen in Kneipen nicht mehr bewirtet, von Taxis nicht mehr transportiert und um sein Recht auf Versammlungsfreiheit gebracht. Bei der Aktion „Servicewüste für Nazis“, die von der damaligen Berliner SPD-Abgeordneten Canan Bayram mitinitiiert wurde, sollten Geschäftsleute nicht mehr an „Nazis“ verkaufen. Auf die Frage der „taz“, ob dies nicht „Assoziationen“ an Zustände im Dritten Reich wecken könnte, antwortete Bayram: „Selbst wenn diese Assoziation so entstehen sollte, dann ist das ja in der Absicht gewollt. Es soll ja der Eindruck entstehen, dass die Menschen und ihre Haltung unerwünscht sind. Im Unterschied zum Dritten Reich gehen wir natürlich davon aus, dass ein Nazi seine Haltung ablegen kann.“ Nun, falls dieser Punkt der einzige Unterschied im Denken von Canan Bayram sein sollte, dann kann man ja beruhigt sein! Welche Risiken durch die Schreibtischtäter dieses Terrors in Kauf genommen werden, schrieb Felix Menzel nach dem Fall Drygalla unmissverständlich in der „Sezession“: Die „Badewannenabteilung“ (Zitat Lothar Späth über Journalisten) komme, so Menzel, „schneller, als man denken kann, und lässt solange Wasser ein, bis sich das Opfer in die Wanne hineinlegt und die Pulsadern aufschneidet.“

Freilich: An eine Partei wie die NPD, die vor dem Jüdischen Museum in Berlin mit der Aussage „Gas geben“ plakatiert, kann man als vernünftiger Mensch nicht ohne Ekel denken. Aber man muss die Verirrungen in rechtsextreme Ideologie vor dem Hintergrund der Zustände dieses Systems einordnen, ohne diese Verirrungen deshalb weniger fatal zu finden. Und das bedeutet: Bei keiner anderen Form von Extremismus finde ich es so nachvollziehbar und so leicht verzeihlich, wenn sich jemand zwischenzeitlich in diese Ideologie verirrt. Das System und die „Anti“-Faschisten werden es eines Tages vielleicht wirklich noch schaffen, die  Deutschen zu Nazis zu machen.

Es ist längst nicht der erste Fall von Sippenhaft gegen rechts, den dieses System sich leistet: Nachdem der inzwischen aus der rechtsextremen Szene ausgestiegene Andreas Molau vor Jahren seinen Wechsel zur NPD ankündigte, wurde ihm nicht nur sein Lehrauftrag an der Braunschweiger Waldorfschule entzogen, sondern es flogen auch sein achtjähriger Sohn und seine elfjährige Tochter von der Schule. Und im Jahr 2010 weigerte sich der Bürgermeister im mecklenburg-vorpommerischen Lalendorf, Reinhard Knaack (Linkspartei), eine Patenurkunde für das siebte Neugeborene einer Familie zu überreichen, da es sich bei den Eltern um Rechtsextremisten handle. In der „taz“ erschien damals ein Artikel mit der bezeichnend ekelhaften Überschrift: „Keine Urkunde fürs siebte Nazi-Kind“.

Schon damals schrieb ein Leser im Kommentarbereich der patriotisch-konservativen „Jungen Freiheit“: „Diese Leute werden es womöglich noch schaffen, dass unsereiner aus reinem Trotz und Ekel tatsächlich rechtsradikal wird.“ Es ist derselbe Leser, der nun nach der Drygalla-Kampagne wiederum im Kommentarbereich der „Jungen Freiheit“ ankündigt: „ES REICHT! Man muss sich irgendwann entscheiden, wo man hingehört und womit man nichts mehr zu tun haben will: Also werde ich in die NPD eintreten!“ Sicherlich, es ist aus der Wut heraus geschrieben und womöglich wird er es sich noch anders überlegen, aber: Nichts ist doch nachvollziehbarer als eine solche Reaktion! Indessen muss uns übrigens nicht verwundern, dass viele „Argumente“ gegen Drygalla sich jenseits jeder Logik bewegen. Denn es geht in der Drygalla-Kampagne ja vorrangig gar nicht um ehrliche Empörung – für eine solche ehrliche Empörung wäre in der Tat ein Mindestmaß an Logik notwendig. Vielmehr wird die Empörung ja überwiegend nur gespielt, während es in Wirklichkeit primär um taktische Interessen geht: Das Volk soll mit dem Hakenkreuz-Hypnosekreisel abgelenkt werden, damit für die „Euro-Rettung“ in aller Ruhe noch mehr Steuergeld aus Deutschland abgepumpt werden kann.

Ein Gutes hat das Ganze dennoch. Dass Drygalla zumindest bis jetzt eisern an ihrem Freund festhält, anstatt sich nach all dem Terror brechen zu lassen, beweist gegen alle Unkenrufe auf beeindruckende und anrührende Weise: Liebe gibt es wirklich! Und das sogar in Deutschland und sogar in diesen finsteren  Sippenhaft-Zeiten! Ob sich wohl einige Deutsche von dieser Botschaft anstecken lassen werden und versuchen werden, kleine Pflänzchen der mutigen Liebe und Barmherzigkeit gegenüber den wirklich Bedrängten zu pflanzen – gegen die umbarmherzige „anti“-faschistische Mediengewalt? Jürgen Elsässer zeigt auf der Internetseite des „COMPACT“-Magazins, dass man es wieder einmal schon am Gesicht erkennt: Drygalla habe ein „klares, ehrliches Gesicht – schaut Euch das Foto an!“ In der Tat. Und gerade deshalb wird das immer wieder publizierte Foto in den Medien wie ein Fahndungsfoto präsentiert. Denn ein „klares, ehrliches Gesicht“ ist eben bereits eine ungemeine Provokation für dieses System und seine erbärmlich schäbigen Mitläufer. Auch daher rührt der Hass auf Nadja Drygalla. Möge sie mit ihrem Freund von guten Mächten wunderbar geborgen sein, um diesen gottlosen Terror zu überstehen.

Links:

Jürgen Elsässer im „COMPACT“-Magazin: „Solidarität mit Nadja Drygalla!“

„Junge Freiheit“: „Streit um Patenschaft: Deutsche Kinderhilfe warnt vor Sippenhaft“

„taz“: „Klar, die Aktion ist provokant“, über die Aktion „Service-Wüste für Nazis“


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