27. August 2012

Höhler und die Hohlkolumne Ein Schuss im Dunkeln

Alternativlos lustige Agitprop

Jeder Aufzugsschacht muss irgendwann in der untersten Etage ankommen, sollte man meinen, noch tiefer fährt er nicht, jetzt kann ich endlich aussteigen und den Müll rausbringen. Dabei ist er doch schon längst ganz unten angekommen und fährt gar nicht mehr hoch und runter, sondern nur noch seitwärts! Es gibt also keinen Grund, angesichts der am 26. August bei „Focus“ Online erschienenen blamablen Suada gegen Frau Höhler – in etwa vergleichbar mit der tölpelhaften Verlumpung Hans-Werner Sinns vor kurzem – von einem weiteren Absacken der Niveausenke zu sprechen. Nein, die ist schon recht stabil; seitdem der Mainstream unten aufgeschlagen ist, bewegt er sich fast nur noch horizontal.

Dass man Gertrud Höhler einiges vorwerfen kann, beispielsweise einen deutlich wahrnehmbaren Geruch nach gekränkter Eitelkeit, eine naive (oder bewusste?) Romantisierung und Verklärung der Ära Kohl, die uns immerhin den Teuro beschert hat – schön und gut. Was allerdings nicht bedeutet, sie läge mit ihrer Einschätzung des Merkelithikums völlig falsch. Es gibt einen viel wichtigeren Grund, sie zu kritisieren: Höhler präsentiert in ihrem Buch nichts Neues. Es ist schlicht belanglos. Es schubbert ja nur leicht auf der Oberfläche herum. Diejenigen Vorwürfe, die Höhler zurecht erhebt, stammen aus der Bartwickelmaschine.

Pawlak in ihrer TV-Kolumne auf „Focus“ Online, die sich liest wie „Hanni und Nanni auf dem Kasernenhof“: „Die steile These: ‚Die Regierung Merkel hat den Pfad der Demokratie verlassen.‘ Also Donna Corleone? Organisiertes Verbrechen in der Hauptstadt? Das ist nicht unfair, das ist unverschämt.“

Iwo. Natürlich gibt es organisiertes Verbrechen in der Hauptstadt, aber erstens doch nun wirklich nicht erst seit Merkel, sondern seit jeher – nennt sich übrigens „Staat“ –, zweitens müsste es, wenn überhaupt, nicht „Donna Corleone“ heißen, sondern „Lady Gaga“ oder noch besser „The Girl with the Draghi Tattoo“ – okay, der war nicht ganz einfach, der wird Zeit brauchen –, drittens ist das alles weder unfair noch unverschämt, sondern wieder einmal nicht mehr als versteinerter Kaffee. Demokratie? Ich höre und lese immer wieder ganz erstaunt darüber und frage mich, unter welchem Stein im Zoologischen Garten Berlin ich sie suchen soll. Hätte man den nicht besser markieren können, um den Bürgern das Aufspüren zu erleichtern? Ist der Umstand, eine Wahl zwischen verschiedenen Methoden der Systemaffirmation zu haben, tatsächlich demokratisch?

„Aber Frau Höhler“, so pawlowt es weiter, „lässt es nicht gut sein. Bei ‚Günther Jauch‘, der das Thema ‚Machtfrau Merkel – wie tickt die Kanzlerin?‘ ausgegeben hat, versteigt sie sich dazu, Ex-Umweltminister Norbert Röttgen zum Opfer zu machen (der allenfalls und immer sich selbst zum Opfer gemacht hat), Peter Altmaier, den aktuellen Umweltminister, zum ‚Amateur‘ zu degradieren. Kinder, die ab dem zweiten Lebensjahr in eine Krippe kommen, als ‚gruppenverwahrt‘ zu stigmatisieren. Höhler spricht auch von ‚sozialistischen Schulen‘ in Deutschland“. Potztausend.

Also:  

Erstens: Politiker machen sich über kurz oder lang immer zu Opfern, nicht nur Nobbi. Liegt an ihrem Hang zur Mythomanie, der vom Volk irgendwann quittiert werden wird. In regelmäßigen Abständen, durch die gesamte Geschichte bis heute.

Zweitens: Für den Versuch, die Lufthoheit über und in Kinderköpfen zu erlangen, gibt es verschiedene Begriffe. Ja, kann man „sozialistisch“ nennen, wenn man will. Oder „kinderpornographisch“. Vielleicht auch „kommunistisch“ oder sonstwas. Entscheidend ist die Wurzel: Totalitarismus. In welchen Geschmacksrichtungen er sich anbietet, ist irrelevant.

Aber Papi, Charlie hat doch gesagt, das sei eine gute Sache, weil die Eltern soviel arbeiten müssen, dass sie sich nicht mehr um die Kinder kümmern können und das sei der Turbokapitalismus schuld. Nein, mein Kind, da liegt Charlie falsch. Die müssen sich so abrackern, weil zwei Mafiapaten – Euro Corleone und sein Komplize Vito Stato – sie ständig auf Trab halten. Hätten wir statt dieser Schwerkriminellen ein ehrliches System, müssten Mamis und Papis nicht mehr soviel arbeiten, hätten mehr Freizeit und könnten ihre Kinder auch wieder viel mehr lieb haben, statt sie in Gruppenverwahrung geben zu müssen, glaub's mir. Und jetzt fall mir nicht mehr ins Wort und kehre zum Thema zurück.

„Alles sträubt sich in mir“ – ich habe mir erlaubt, den verlogenen Pluralis majestatis Pawlaks „...in einem“ auf seinen wahren Kern zurückzuführen – „wenn man dieser Frau Höhler zuhört, die dann auch noch unangenehm von einem unangenehmen Wolfgang Herles flankiert wird [...] Ach so, wunderbar auch, dass der geschmeidige Günther Jauch diesen vermeintlich Aufmüpfigen ein grandioses Forum bietet.“

Solche Formulierungen sind weder neu noch alternativlos. Die gab's und gibt's in vielen Varianten. Lucia Schmidt beispielsweise schrieb in einem Beitrag über die negativen Folgen dauerhafter Lärmbelästigung, erschienen im „FAZ“-Feuilleton am 24. August: „Eine Bevölkerung, die über Tempo-30-Verkehrszonen noch diskutiert, Tanzverbot am Karfreitag für Freiheitsberaubung hält“ – und nun der entscheidende Teil – „fliegt, fährt und reist, wie es jedem passt, zieht aus dem Problem Lärm keine richtige gesellschaftliche Konsequenz.“

Was in solchen Texten – oberflächlich betrachtet – sozial wohlmeinend, philanthropisch und umweltbewusst oder unter welcher Tarnkappe auch immer durch die Alltagssprache nach oben quillt, trägt in Wahrheit Uniform. Jeder nimmt seine individuelle Bewegungsfreiheit in Anspruch? Das ist ja unerhört. Nur die Funktionärskaste darf in den Westen reisen. Ausnahmeregelungen gewährt das Reichsministerium für psychosozial verträgliche Bewegungsgestaltung.

Analog dazu: Wieso bietet Günther Jauch Leuten, die man nicht ausstehen kann, eigentlich ein öffentliches Forum? Wieso greift man da nicht ein? Es muss einem doch übel werden, wenn Frau Höhler, die, so Pawlak, aussieht „und argumentiert wie ein böser, alter Mann“, völlig ungehindert alles sagen darf, was einem nicht passt. Man lernt es halt nie.

Und zum Schluss wieder ein gespielter Witz, diesmal aus der Kolumne Frau Pawlaks: „Aber was ist mit dem überragenden Einsatz der Kanzlerin in der Eurokrise? Will Frau Höhler ihr jetzt auch noch das Versagen der Griechen anhängen?“

Alternativlos lustig. Und ziemlich peinlich, ja.

Link:

„Focus“: „Alternativlos peinlich“


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