03. September 2012

Diskriminierung E-Book-Verbrennung im Sonnenstaat

Gleiches Handicap für alle

Dem amerikanischen Justizministerium und der National Federation of the Blind, dem Selbsthilfeverband sehbehinderter US-Amerikaner, war das neue Angebot der öffentlichen Bibliothek von Sacramento in Kalifornien schon lange ein Dorn im Auge. Hier wurde es den Kunden ermöglicht, E-Book-Reader auszuleihen und mit nach Hause zu nehmen. Beschwerden gegen dieses neue Angebot gab es bislang von keinem Kunden, so die Aussagen der Bibliotheksmitarbeiter. Nette Offerte und gute Chance, neue Kunden zu gewinnen, könnte man also meinen. Aber weit gefehlt!

Die NFB, mit 50.000 Mitgliedern selbsternannte Stimme der Blinden in den Vereinigten Staaten, erhob Einspruch. Schließlich hätten sehbehinderte Menschen große Probleme, Texte in digitaler Form zu lesen. Diskriminierung pur also! Und da das amerikanische Justizministerium schon im Jahr 1990 den Americans with Disabilities Act erließ, zog der Verband blitzschnell vor Gericht, um das diskriminierende Angebot der Bibliothek verbieten zu lassen. Vor ein paar Tagen konnte die Bibliothek ein solches Verbot abwenden, musste sich aber dazu verpflichten, keine weiteren E-Book-Reader ohne die Option der Sprachausgabe anzuschaffen. Zum Credo der Antidiskriminierungsgesetze gehört es nämlich, dass jegliche technische Entwicklung, an der Menschen mit einer Behinderung nicht teilhaben können, verhindert oder zumindest nichtbehinderten Menschen unzugänglich gemacht werden sollte. Alles andere wäre Diskriminierung, Ausgrenzung der Behinderten, Übervorteilung der Nichtbehinderten und damit dem Rassismus gefährlich nahe. Damit die Masse Mensch absolute Konformität erhält, werden auch die kleinsten technischen Fortschritte massiv ausgebremst. Unter den Blinden darf es nicht einen Einäugigen mehr geben.

Im Falle der E-Book-Reader konnte die staatlich verordnete Analphabetisierung im letzten Augenblick noch verhindert werden. Doch es stellt sich nun die Frage, wie die öffentliche Bibliothek von Sacramento in Zukunft mit ihren gedruckten Büchern verfährt? Und müssen nun die Treppen in der Bibliothek zerstört werden, weil manche Körperbehinderte sie nicht nutzen können? Wird den Mitarbeitern das Reden im Gebäude verboten, weil stumme Kunden sie nicht ansprechen können? Mir schwant Böses.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Henning Lindhoff

Über Henning Lindhoff

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige