14. Oktober 2012

Bombenterror Wie moralisch ist es, Zivilisten in Zeiten des Krieges zu töten?

Die Lehre von der Kollektivschuld stinkt

Kürzlich las ich in der „Daily Mail“ einen Bericht über das Bomber Command – welches die Einheit der Royal Air Force war, die für die Planierung großer Teile Deutschlands im Zweiten Weltkrieg verantwortlich war. Augenscheinlich sind die überlebenden Veteranen nicht dazu fähig, für das Denkmal zu zahlen, das sie dieses Jahr errichtet haben, um ihrer Leistung zu gedenken. Die Mitglieder des maßgeblichen Komitees könnten für die Deckung dieser Kosten persönlich haftbar gemacht werden.

Falls dies nicht ausreichen sollte, uns zu veranlassen, nach Finanzierung durch den Steuerzahler zu rufen, erzählt uns der Zeitungsartikel, dass „der Mut des Bomber Command durch eine einfache, traurige Statistik zusammengefasst werden kann: Fast die Hälfte hat den Krieg nicht überlebt. Keine andere Einheit kann eine derart klägliche Lebenserwartung vorweisen. Sie wären sicherer gewesen, wenn sie zu Hause gesessen und mit einer geladenen Pistole russisches Roulette gespielt hätten.“

Ich habe diese endlose Kriegspornografie satt. Mut an sich ist nicht lobenswert. Es braucht einen gewissen Mut, kleine Mädchen zu erwürgen und überhaupt keinen, das Schwein später zu hängen. Wir haben es höchstrichterlich, dass es Mut bedarf, in ein Haus einzubrechen. Ich glaube Himmler sagte etwas über den Mut seiner Einsatzgruppen in Russland – und es braucht mehr als das durchschnittliche psychische Rüstzeug, Menschen kaltblütig zu ermorden. Mut ist nicht dasselbe wie Heldentum. Die Männer des Bomber Command hätten diesem Land weniger Misskredit gebracht, wenn sie zu Hause geblieben wären und russisches Roulette gespielt hätten.

Ich betrachte das Abwerfen von hochexplosivem Material auf feindliche Zivilisten nicht als eine besonders heroische Tat – und einer meiner angeheirateten Großonkel war bei der Operation Chastise, dem Angriff auf Talsperren, dabei. Ich denke weitaus besser über einen meiner Großväter. Er meldete sich 1939 freiwillig zur Navy und war bei der Evakuierung von Dünkirchen dabei. Er galt einige Tage lang als vermisst, nachdem er seinen Platz in einem Boot einem verwundeten Soldaten überließ. Das war Heldentum. Er half bei der Versenkung der französischen Flotte und tötete einen französischen Matrosen, der versucht hatte, ein Messer in seinen Rücken zu stoßen. Ich glaube das war Heldentum und stand in der glorreichen Tradition der Seeschlachten von Trafalgar und am Nil im Krieg gegenNapoleon. Er übersäte den Atlantik mit Wasserbomben zum Leidwesen deutscher U-Bootfahrer. Er verbrachte Zeit im östlichen Mittelmeer, aber ich erfuhr niemals, was er dort tat. Er tat seine Pflicht im Konvoi nach Murmansk – was ebenfalls heldenhaft war, was auch immer Sie von unseren sowjetischen Alliierten halten mögen. Sein Schiff ist während der Landung bei Casablanca untergegangen, mit ihm noch an Bord, was einfach Pech war. Aber er verdient es, ein Held genannt zu werden. Obwohl er seinen Einsatz in einem fragwürdigen Krieg leistete, waren all diejenigen, die er tötete, uniformiert gewesen und sie hätten ihn töten können und getötet, hätte sich das Schlachtenschicksal  anders gewendet. Und Dank einiger Schlupflöcher in seinen Dienstbedingungen musste meine Großmutter den britischen Staat vor das Gericht zerren, um ihre Kriegswitwenpension zu bekommen.

Nun gibt es zwei Standardargumente gegen diese Auffassung. Die erste ist, dass die Bombenterror den deutsche Kampfgeist brach und den Krieg früh beendete. Die zweite ist, dass die Deutschen, unabhängig  davon, wie sie sich danach fühlten, es verdient hatten. Sie hatten Hitler gewählt. Sie kämpften in seinen Armeen und stellten das Personal in seinen Konzentrationslagern. Sie freuten sich darauf, die Welt zu regieren, wenn er gewonnen hätte. Oder, wenn sie nicht ihre eindeutige Unterstützung gaben, scheiterten sie darin, ihn zu stürzen.

Das erste Argument ist leicht zu widerlegen. Sofern es um eine gerechte Sache geht, ist es nicht falsch, Männer in Uniform zu töten. Es ist bedauerlich aber vielleicht nicht falsch, eine begrenzte Anzahl Zivilisten zu töten, wenn sie einem legitimen militärischen Ziel im Wege stehen, sofern der Schlag darauf – nach vernünftigem Ermessen – die Gesamtleiden des Krieges vermindern würde. Das ist eine bedingte Befürwortung dessen, was heute „Kollateralschaden“ genannt wird. Wir können dieses Prinzip nur verurteilen, wenn wir auch Krieg an sich verurteilen. Falls wir aber die Notwendigkeit von Krieg anerkennen – unter Einschränkungen, die zu umfangreich und vielleicht zu offensichtlich sind, um sie aufzulisten – müssen wir auch die Tatsache ziviler Verluste akzeptieren. Aber woran ich in diesem Falle denke ist, aus aus traditioneller Sicht, die zivile Bevölkerung einer befestigten Stadt unter Belagerung: Diese wird unter Belagerung hungern und manchmal durch verirrte Geschosse getroffen werden, die für Mauern oder Zitadellen bestimmt waren. Bezogen auf moderne Zeiten meine ich die Führer und Angestellten von Eisenbahnen, wenn ihre Gleise bombardiert werden oder etwa die französischen Zivilisten, die sich inmitten der D-Day Landungen befanden. Ich meine nicht die vorsätzliche – oder bestensfalls kaltschnäuzig fahrlässige – Missachtung des zivilien Lebens wie wir es bei unseren Invasionen von Afghanisten und Irak und Libyen gezeigt haben.

Wenn wir nun den Bombenterror gegen Deutschland betrachten, ist es absolut falsch, zivile Bevölkerungen zur Zielscheibe zu machen, um damit den Willen des Feindes zum Weiterkämpfen zu brechen. Das ist Barbarei und wird von christlichen und islamischen Theologen und Naturrechtsphilosophen verurteilt. Meistens vermeiden sogar die schadenfroheren und unangenehmeren Neokonservativen, ihre abweichende Meinung zu dieser Position  zu offensichtlich zu machen.

Der zweite Punkt verdient einige Betrachtung. Der Vorwurf, die Deutschen verdienten Bestrafung für die Unterstützung Hitlers geht von der Annahme aus, dass sie alle in einem Boot saßen. Das ist nicht wahr. Die Mehrheit der Deutschen hat Hitler nicht gewählt, auch nicht in der teilweise manipulierten Wahl vom März 1933. In der Tat: Hitler bekam ungefähr ein Drittel der möglichen deutschen Wählerstimmen. Warum diese Menschen ihn gewählt haben ist schwer zu sagen, aber möglicherweise hatte dies mit der Hoffnung zu tun, dass die Nazis weniger schrecklich als die Kommunisten sein würden, und der Tatsache, dass die „anständigen“ Parteien nicht wussten, was sie angesichts des wirtschaftlichen Zusammenbruchs zu tun hatten. Bestenfalls könnte das Drittel der erwachsenen Deutschen auf eine Änderung des Versailler Vertrages gehofft haben. Auf keinen Plakaten stand: „Wählt Hitler für einen weiteren Weltkrieg.“

Wir können annehmen, dass viele von diesem Drittel später ihre Meinung geändert haben. Vielleicht änderten viele der anderen zwei Drittel ihre Meinung ebenfalls. Aber niemand wurde nach 1933 ehrlich gefragt, was er über Hitlers Darbietung dachte. Jeder, der in der Öffentlichkeit zu laut schimpfte, lernte schnell seinen Mund zu halten. Die Konzentrationslager waren für alle offen.

Wir müssen außerdem daran denken, dass 1939 niemandem, der jünger als 28 Jahre war, jemals die Chance gegeben wurde, für oder gegen Hitler abzustimmen. Im Jahre 1945 war es niemand, der jünger als 34 war. Und viele der Kinder, die beim großen Angriff auf Hamburg verbrannten, mögen nicht einmal genau gewusst haben, wer Hitler war.

Auch wenn man von der Richtigkeit ausgeht, eine Bevölkerung für die Taten seiner Regierung verantwortlich zu machen, ist es schwierig aufzuzeigen, dass Hitler die volle Unterstützung von so etwas wie der Mehrheit der Deutschen besaß.

Und wenn er diese gehabt hätte, stinkt die Lehre einer kollektiven Verantwortung noch immer. Es war vielleicht richtig, einzelne Angestellte der Konzentrationslager zu bestrafen und andere Deutsche, die an befohlenen Greueltaten teilgenommen haben. Vielleicht wurden Umstände des Zwangs nicht genug in Betracht gezogen. Aber Unterwerfung unter gesetzliche Befehle wurde richtigerweise nicht als Einrede anerkannt. Aber generell jeden Deutschen für Hitler verantwortlich zu machen ist so unverschämt, als würde man jeden heute lebenden Juden für die Kreuzigung verantwortlich machen.

Stellen wir uns dieses denkbare Kommuniqué von Al-Qaida vor: „Die ungläubige Bevölkerung und die von ihr gewählten Politiker kannten die mögliche Antwort des Haus des Islam. Dennoch haben sie, stolzgeschwellt, ihre Bomben und ihr Söldnerheer auf unser Land losgelassen. Sie hatten ausreichend Gelegenheit, sich danach zurückzuziehen und Wiedergutmachungen zu leisten. Sie erkannten die Hoffnungslosigkeit ihrer Schutzmaßnahmen gegen unsere gerechte Rache. Dennoch, indem sie absichtlich deren Lügen glaubten, haben die Ungläubigen immer noch ihre Politiker gewählt. Welches Recht haben sie dann zu meckern, wenn unsere Brüder die Londerner U-Bahn mit Giftgas füllen?“

Die meisten Menschen würden dies Terrorismus nennen. Aber das Prinzip ist genau dasselbe, wenn man den Deutschen die Schuld für Hitler gibt und die Kampagne des Bombenterrors gegen deutsche Städte befürwortet. Oder das Prinzip könnte im hypothetischen Fall weniger absurd sein. In England und Amerika können wir uns zumindest darüber beschweren, was unsere Regierung in unserem Namen macht. Wir werden nicht in Konzentrationslager gesteckt oder in einer Polizeizelle zu Tode geschlagen, wenn wir unsere Regierenden als Mörder anprangern und danach rufen, sie aus den Ämtern zu werfen. Wir haben keinen Einfluss darauf, was unsere Regierenden machen und können dafür nicht verantwortlich gemacht werden. Aber Al-Qaida hat ein besseres Argument als unsere Verteidiger des Bomber Commands.

Um es klar zu sagen: keine Kritik unsererseits entschuldigt die herrschende Klasse Deutschlands im zweiten Weltkrieg. Aber ich denke es ist an der Zeit, die Spitzfindigkeit eines „Krieges für die Zivilisation“ aufzugeben, die zwei atomare Schutthaufen hinterlassen und den größten Teil der eurasischen Landmasse der marxistischen Tyrannei überlassen hat. Am Ende haben wir noch nicht einmal die Polen gerettet.

Informationen:

Dr. Sean Gabb ist Engländer und Direktor der United Kingdom Libertarian Alliance. Der oben stehende Artikel wurde erstmals am 4.10.2012 unter dem Titel „Bravely Bombing the Boche: On the Morality of Killing Civilians in Time of War“ auf der persönlichen Homepage des Autors veröffentlicht. Übersetzung für ef-online von Robert Grözinger.

Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Sean Gabb

Über Sean Gabb

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige