15. Oktober 2012

Preiskultur Die größten Gewinner des Jahres 2012

Europa ging leer aus

Regisseur Michael Bay wird erwartungsgemäß den diesjährigen „Fellini-Preis“ für seine „Transformers“-Trilogie einheimsen. Begründung der Jury: Bay habe durch sein Schaffen die formalen Grenzen und inhaltlichen Möglichkeiten des avantgardistischen Kunstfilms nicht nur stark erweitert, sondern förmlich neu definiert. Nach dem „Eisenstein-Award“ und der „Kubrick-Medaille“ darf sich der begnadete Filmemacher nun also über eine dritte hochkarätige Auszeichnung freuen, die ihm zweifellos einen Platz in der Filmgeschichte als einer der innovativsten und größten intellektuellen Regisseure der Gegenwart sichern wird. Die Laudatio wird Alan Smithee halten.

Daniela Katzenberger und Kim Kardashian sind die diesjährigen Gewinner des „Emma“-Wettbewerbs für mehr weibliche Autarkie und Dominanz im Medienbetrieb. Beide hätten bewiesen, so Festrednerin Alice Schwarzer, dass Frauen sich eben nicht zwangsläufig für ein überwiegend von Weiblichkeitsklischees und überkommenen Geschlechterrollenbildern dominiertes System prostituieren müssen, um erfolgreich zu sein. Unschätzbar wertvoll für die weibliche Emanzipation sei ihr unermüdlicher Einsatz in Print, Funk und TV gewesen, so Schwarzer; die Auszeichnung ist mit 10.000 Euro dotiert sowie einem Stipendium der David-Hasselhoff-Stiftung, deren Forschungsschwerpunkt auf der Entwicklung feministischer Strandbekleidung liegt.

Adolf Hitler, Josef Stalin, Winston Churchill sowie Franklin D. Roosevelt werden posthum mit dem „Hegel-Zepter“ des „Instituts für negativdialektische Weltgestaltung und nachhaltige Friedenssicherung“ geehrt. Durch geschicktes politisches Taktieren, militärisch ausgeklügelte Strategien, psychologisch hochentwickelte Methoden der Massensteuerung und -kontrolle sowie finanz- und wirtschaftspolitische Planungsmeisterschaft hätten sie eine historisch einmalige Leistung zur Sicherung des internationalen Friedens insofern erbracht, durch Förderung atavistischer Spannungspotentiale den Menschen diese umso bewusster zu machen und somit langfristig abzubauen. Institutsgründer Jekyll F. Resurf: „Erst im Kugel- und Bombenhagel werden aus Menschen nachdenkliche Wesen. Ein gesteigertes Maß an Selbstreflexion, an tieferer Einsicht in die dunklen Abgründe und blinden Flecken, die toten Winkel und Spukkammern, die Kellerverliese und gespenstergeplagten Dachböden der conditio humana wurde schon immer nur aus Enttäuschung geboren. Diesen Ursprung, diese Hauptantriebskraft des menschlichen Aufstiegs aus der Dunkelheit ans Licht ins Zentrum der geopolitischen Entwicklung des 20. Jahrhunderts gestellt zu haben, ist das große Verdienst der vier Ausgezeichneten.“

Die Entscheidung des Direktoriums ist nicht unumstritten; scharfe Kritik der internationalen Gemeinschaft sorgte schon im Vorfeld der Festivitäten für politische Verstimmungen. Grund: Die herausragende Rolle Syriens und des Iran als Hauptverursacher des Zweiten Weltkrieges, so der Pressesprecher der Trilateralen Kommission, sei nicht ausreichend gewürdigt worden. Der „Hamburger Wisch“ wiederum bemängelte in einem Leitartikel, die Kriterien der Preisvergabe seien zu kompliziert; statt der Weltöffentlichkeit durch ein vereinfachtes Auswahlverfahren die Unterscheidung großer welthistorischer Akteure in „gut“ und „böse“ zu erleichtern, habe er sie zu „abstrakt“ gestaltet, zu stark „problematisiert und intellektualisiert – mit dem Resultat, für die Hauptinvestoren der pazifistischen Kriege, die einfachen Steuerzahler, nicht mehr nachvollziehbar zu sein“.

Die weitaus größte Zahl an Ehrungen ergießt sich dieses Jahr jedoch über die EU. Sie erhält den „Leninorden“ für nützliche volkswirtschaftliche Idiotie, den „Goldenen Kafka“ für ihre kunstvoll enigmatische und konsequent poetisch-abstrakte Umsetzung der Literatur des deutschsprachigen Schriftstellers in reale politische sowie bürokratische Skulpturen, den „Silbernen Röntgen“ für ihre unermüdlichen Verdienste um mehr Transparenz der Völker Europas, den „Googlehupf“ für ein „sauberes, sicheres Internet“, den goldenen „Jim Knopf“ der Augsburger Puppenkiste für bahnbrechende Fortschritte in der Entwicklung fürs Publikum möglichst unsichtbarer Marionettenfäden, die „Mielke-Plakette“ für ihre erstaunlichen Leistungen auf dem Gebiet möglichst gleichgeschalteter massenmedialer Agitation und Propaganda sowie drei Oscars – in den Kategorien „Bestes Drehbuch“, „Beste Maske“ und „Bester Soundtrack“.

Der größte Verlierer des Jahres: Europa. Es ging leider leer aus. Viele Bürger protestierten und behaupteten, der Kontinent, der immerhin auch ein Produkt ihrer Arbeit sei, sei absichtlich übergangen worden. Dummerweise taten sie das tief in der Nacht, als alle Nachrichtenmacher schliefen.

Den Friedensnobelpreis erhält Manfred Spurlos aus Kassel. Er rettete eine Katze aus einem Baum.


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