06. Dezember 2012

Kleiner Jahresrückblick 2012 Das Ich sieht was, was man nicht sieht

Galoppierender Kollektivismus, Zentralismus, Eurozentrismus und andere Ismen – zwölf Monate lang

Das Jahr 2012 begann in Deutschland turbulent. Oder besser, mit einer Burleske. Oder noch besser, einer „BILD“eske, denn Al Kai Da, Deutschlands meistgesuchte Boulevardfundamentalisten, spielten eine entscheidende Rolle im Mailboxgate, Vorlage einer irren Actionkomödie um Männer, Macht, Moneten, Bobbycars, Autokäufe, Hotelrechnungen, Urlaubsflüge, Tattoos und mutmaßliche Rotlichtvergangenheiten. Hätte man auch nur einen Bruchteil der für diese spektakulären Enthüllungen aufgebrachten investigativen Energien über das gesamte Jahr gleichmäßig verteilt in andere Bereiche des gesellschaftlichen, politischen und finanzwirtschaftlichen Lebens investiert, hätte man sicher ganz erstaunliche Erkenntnisdividenden erzielen können. So aber verschoss man das gesamte Pulver schon im ersten Quartal und war den Rest des Jahres zum Mitdenken zu ausgezehrt. Schade.

Nachdem man einem Teil der Bürge(r)n also tatsächlich erfolgreich verkaufen konnte, Bundespräsident Wulff sei wegen eben genannter Terroranschläge auf die Grundfesten unserer Republik mehr als drei Monate lang so hart beharkt worden, als hätte er per Knopfdruck mehrere Milliarden Menschen ausgelöscht, folgte Joachim Gauck. Der, wie manche etwas skeptischeren Beobachter des politischen Geschehens schnell vermuteten, wahrscheinlich deshalb in Bellevue landete, weil von ihm von vornherein kein nennenswerter Widerstand gegen den ESM zu erwarten war. Et voilà: Bald darauf unterzeichnete der freundlich lächelnde, dufte Typ mit dem kantigen Kinn das Volksplünderungsgesetz. Operation erfolgreich, Patient tot – ganz im Sinne der Verantwortlichen. Also nicht der Berliner Puppenkiste, die gemeinhin mit einer souveränen Bundesregierung verwechselt wird.

Kommen wir nun zu einem der beliebtesten Modewörter des Jahres 2012, dem Lieblingswort derjenigen, die es aus unerfindlichen Gründen – vielleicht einer pandemischen Nackenmuskelschwäche? – nicht mehr schaffen, ihren Kopf über den Rand eines Suppentellers zu heben. Was also heißt das eigentlich, „Verschwörungstheoretiker“? Es soll vor langer Zeit bedeutet haben, dass jemand bestimmte Faktenlagen ignoriert, um auf Basis wüster Mutmaßungen und Spekulationen einfach sein eigenes Weltbildsüppchen zu kochen. Beispiel: Ein Verschwörungstheoretiker wäre jemand, der behauptet, Honecker sei gar nicht tot, sondern habe nach einer Geschlechts- und Gesichtsoperation lediglich seinen Namen in Merkel geändert. Ein Verschwörungstheoretiker, so raschelte es im nicht mehr ganz dichten Blätterwald, soll ein Mensch sein, der es sich viel zu einfach macht. Man könnte auch sagen: alles Idioten. Solche Spinner behaupten zum Beispiel auch, man könne, falls man den Mächtigen dieser Welt etwas zu nahe kommt, in der Psychiatrie landen. Das ist nun wirklich grober Unfug und extrem simplizistisch. Schließlich weiß jeder, dass man dann nicht in der Psychiatrie landet, sondern eher auf einem Obduktionstisch. Erschrockene Friedhofsgärtner sollen schon von lauten Seufzern aus den Gräbern von Barschel oder Herrhausen berichtet haben. Die Verblichenen können das Wort „Verschwörungstheoretiker“ nämlich auch im Jenseits nicht mehr hören. Man kann das gerne belächeln. Ich hingegen kann ihnen die schweren Depressionen ob der exponentiellen Verdummung seit ihrem Gang durchs Irdische nicht verdenken.

Denn heute, nach der erfolgreichen Umwertung wohl wirklich aller Werte, ist das Gegenteil der Fall: Nicht selten liegen Verschwörungstheoretiker näher am tatsächlichen Geschehen als die vermeintlich ganz Gesunden, die „Normalen“, auch als „rational denkend“ Bezeichneten. Orwell hat sich geirrt: In Zeiten universeller Täuschung ist das Aussprechen eigener, selbständig gefasster Gedanken, die über die Breite einer Zeitungsseite hinausreichen oder den Rahmen eines Flachbildschirms zu sprengen vermögen, kein revolutionärer, sondern ein verschwörungstheoretischer Akt. Was man doch bitte vermeiden solle, mahnen manche Gralshüter der einen, reinen, absoluten, letztgültigen Wahrheit. So sind sie eben, die Zeichen der Zeit. Man kann das ja auch gerne vermeiden. Ich sträube mich lieber.

Wobei vor allem erstmal die Frage nach der Möglichkeit einer klaren Unterscheidung zwischen „normal“ und „unnormal“ zu beantworten wäre. Wer glaubt, Mollath sei irre, hat ganz eindeutig noch nie Wolfgang Schäuble über den Euro reden hören. Welch eine Konfusion! Gar nicht so einfach, als Normalo verrückt und als Verrückter normal zu bleiben. Wie definiert man jetzt also „normal“? Gibt es eine eindeutige Definition, anhand derer man unverbrüchlich festlegen könnte, was „verrückt“ ist? Ja, die gibt es. Behauptet man. Man twittert zum Beispiel den ganzen Tag Fußballergebnisse, während sich im Hintergrund obskurantistische Mechanismen an der Schale mit den Erdnussflips vorbeischleichen, Mechanismen, deren Effekt man (nicht im wortwörtlichen Verständnis) als pädophil bezeichnen könnte. Das ist normal. Glaubt man. Mir will das aber noch nicht so recht einleuchten. Einem Michel Foucault übrigens auch nicht. Der schrieb mal was über „Wahnsinn und Gesellschaft“. Recht aktuelles Buch, finde ich.

Dann aber, ganz plötzlich, regte man sich auf: Der Armutsbericht der Bundesregierung wurde nachweislich geschönt! Immerhin wurde das Beschönigen, Frisieren, Lügen und Manipulieren jetzt endlich mal einer etwas größeren Menschenmenge vorgestellt. Gestatten: Volk – Dauerbeschiss, Dauerbeschiss – Volk. Jetzt wird endlich einmal „darüber diskutiert“. Dabei gab es sowas doch schon öfter. Zum Beispiel den faszinierenden „Warenkorb-Trick“, ebenfalls 2012 kurzzeitig in die Aufmerksamkeitscharts geschnellt, mit dessen Hilfe die Inflationsrate hübschgedämpft wurde. Man nimmt einfach solche Waren auf, deren Preise – im Gegensatz zu vielen anderen – weitestgehend stabil blieben oder sogar sanken. Zum Beispiel Elektronikgüter wie Flachbildschirme, die im Laden oft mit packenden Ausschnitten aus Fußballspielen bespielt werden. Man liebt eben Überraschungen. Solche Methoden des Malens mit Zahlen sind gemeinhin auch bekannt als „Milchmädchen-Rechnung“. Ein größerer Aufschrei blieb aus. Läßt sich aber entschuldigen, schließlich war man noch vom Fußball heiser.

Kurz vor Jahresende war man schon bei dreiundvierzigtausendfünfhundert Millionen Euro für „die Griechen“ (zu diesem geistigen Schnellgericht reichen wir gerne auch ein Schälchen Tzatziki – als Bonusklischee, geht auf's Haus). Dreiundvierzigtausendfünfhundert Millionen. Okay? Soll wohl normal sein. Funktionsweise: siehe das berühmte, vielzitierte Experiment mit dem Frosch. Wirft man ihn in einen Topf mit kochendem Wasser, springt er schrill quakend ruckzuck raus. Setzt man ihn behutsam in kaltes Naß und dreht dann langsam die Temperatur hoch – beschließen, abwarten, falls die Lämmer schweigen: weitermachen – ist es zu spät. Dann gibt es kein Zurück mehr. Sagte einmal Hannibal Fluncker, Mitglied einer Kannibalensekte, deren Puls wohl auch dann nicht über 85 steigt, wenn sie dem Volk was abbeißen.

Dass es deshalb noch keinen größeren Wutausbruch gab, ist leicht zu erklären: Man war zu sehr mit Syrien-, Russland- und China-Bashing beschäftigt, als dass die Aromen heimischer Häufchen es bis zur eigenen Nase hätten schaffen können. Dann erschien glücklicherweise auch noch ein seltsames Schmäh-Video, das zu einem nicht weniger merkwürdigen Määäh-Rodeo hierzulande führte: „Islamische Welt in Aufruhr!“, und auch „die Muslime“ sollen auf die Straße gegangen sein. Das war zwar nicht ganz richtig, passte aber gut zum „Die Griechen“- oder „Die Spanier“-Schema. Von wegen Minimal Techno sei out.

Unterdessen fragte die „Bild“: „Darf man zu Raab gehen?“. Auf Schellack gepresst und rückwärts abgespielt erhält man: Du bist in Wirklichkeit gar nicht du, du bist – man! Man, das ist Sprache als Machtinstrument! Merkt man das nicht? Aber vielleicht ist es auch nur sprachanalytische und ‑philosophische Hypersensibilität meinerseits. Doch weiter im Jahrestext. Ein ranghoher Kirchenvertreter forderte eine junge Frau auf, für ihre Gefühle einem anderen Menschen gegenüber öffentlich Buße zu tun. Für solche Forderungen muss man nichts mitbringen – außer Steinen, Pferdeäpfeln und faulem Gemüse zum Draufschmeißen. Mir kam das spanisch-inquisitorisch vor.

Man torkelte auch 2012 wieder einmal um die wichtigen Probleme etwas ratlos herum und erging sich auf manchen publizistischen Chefetagen in einer ideologisch nicht mehr ganz frischen Wirtschaftsschelte, gegen die ein Glas Sekt selbst nach dreiwöchiger Stehzeit in prallstem Sonnenlicht immer noch einen höchst prickelnden und schäumenden Eindruck erwecken muss. Schuld sind ja ohnehin immer „die Märkte“. Dazu möchte ich nochmal einen meiner Lieblingsgags von Helge Schneider zitieren (aus einem länger zurückliegenden Konzert): „Da könnt ihr mal wieder sehen, was die Schwiegermutter für 'ne dumme Sau ist“. Warum nicht mal nach vorne? Stattdessen immer im Kreis herum.

Und Paranoia überall, nun gut, vielleicht nicht immer Paranoia, aber Herdentrieb, Kollektivismus und Gleichschaltung. Ups. Böses Wort. Sagt der Volksempfänger. Einer quakt‘s vor: Populismus! Nach „Verschwörungstheoretiker“ eindeutig das zweitbeliebteste Wort des Jahres, wie übrigens schon des vorangegangenen. Medienecho: Populismus! Ist das überhaupt ein Echo wert? Es hätte nicht viel gefehlt, und ein Kunde im Supermarkt hätte die Frage einer Verkäuferin, ob er eine Tüte wolle, mit einem entrüsteten „Nein danke, ist mir zu populistisch!“ beantwortet. Und nochmal quakt irgendeiner: Insinuieren. Zwei Tage später: Alle insinuieren. Das Modewort von morgen in der Sesamstraße? Mein Vorschlag: Ubiquitär. Zu erwartende Folge: Verkehrsschilder sind nicht mehr überall anzutreffen, sondern ubiquitär. Und wetten, dass Lanz in der nächsten Sendung von ubiquitärer Unterhaltung spricht? Mögliche Ursachen? Vielleicht ein Bildungssystem, in dem ein Lehrkörper vorne an der Tafel was erzählt, das man dann kollektiv in Schulhefte schreibt? Mir wird schummrig. Das Klassenzimmer verwandelt sich ganz allmählich, fast unmerklich in einen Kasernenhof. Aus der Kreide werden Kugeln, meine Schulbank wird zum Ausguck eines Schützengrabens, mein Heft verwandelt sich vor meinen Augen in ein Gewehr. Der Lehrkörper heißt nun Oberleutnant und schreit mich an, ich solle doch gefälligst diesen Hügel erstürmen. Ach du mein Schreck. Hierarchien als Strafkolonien für Ahnenflüchtlinge? Man weiß es nicht. Und mir raucht der Schädel. Das ist mal wirklich eine komplexe Materie! Also lasst mich doch in Ruhe mit dem Kindergeburtstag um euren Amero, oder wie das Ding heißt. Quatschköpfe.

Auch sehr lustig in diesem Jahr: Sarah Wagenknecht hielt eine flammende Rede gegen die hemmungslose Ausbeutung des Volkes durch gewisse Eliten in Politik und Finanzindustrie. Schon jubelte man: Hey hey, die Linke ist ja doch nicht so verkehrt. Man kann ja doch mit denen? Ist ja glatt koalitionsverdächtig? Man kann das gerne glauben. Ich kaufe es leider noch nicht. Denn wirft man einen Blick auf das restliche Programm der Linken abseits aller von schnuckeligen Frontfrauen eloquent vorgetragenen und auch durchaus richtigen Kritik, sollte man eigentlich schnell feststellen, dass es nach hinten losgeht. Eine starke Zentralbank, die unbegrenzt Staatsanleihen kauft, vulgo Gelddrucken – also genau das tut, was die Fed schon seit langer Zeit macht, mit allen bekannten Folgen nicht nur für Amerikaner, sondern die Weltwirtschaft – Verstaatlichungen, bis es Marx kommt, kurz, mehr Planwirtschaft, mehr Zentralismus? Ist man immer noch so leicht übers Ohr zu hauen? Das erinnert mich an das berühmte Diktum, wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten. Keine Sorge, ganz so schlimm ist es nun auch nicht. Man kann schon was ändern. Sofern man auch mal andere Parteien als die Ökosozialliberalen Christsozialisten wählt.

Welche Erkenntnisse gab uns das Jahr sonst noch mit auf den Weg? Na, zum Beispiel, dass alle Nichtrinken lechts sind, sogar Libertäre. Menschen, die an einer Kreuzung auch mal rechts abbiegen? Potentielle Gauleiter. Männer, die ihren Penis rechts tragen? Sowieso alle Nazis. Bräunliches Herbstlaub? Rechtsextremistische Bäume! Zumindest laut einer kleinen Hirnsplittergruppe fanatischer Geistfeinde, die erstens begabten Menschen einen Studienplatz in den Fachbereichen Politikwissenschaft oder Soziologie weggenommen haben und zweitens statt vor die Tür zu gehen und sich einen Baum zu suchen, ihr Revier auf Wikipedia markieren. Igitt. Es gilt, entartetes Gedankengut aufzuspüren und dieses in knallhart selektiv recherchierten Einträgen bloßzustellen. Es gilt, das Neusprechdiktionär zu vollenden. Wer sagt das? Man? Nein, sondern ich als Mitglied einer quengelnden „rechten Medienfront“, die „gegen Wikipedia hetzt“. Dabei hatte ich doch explizit geschrieben, dass es mir nur um eine kleine Gruppe totalitärer Retrofreaks geht, nicht um ganz Wikipedia? Irrelevant. Es kann nicht lichts sein, was nicht renks sein darf. Oder so.

Was ist nur los in Deutschland? Gibt es denn gar keine Linderung? So, wie es bisher aussieht, scheint es tatsächlich keine Fluchtmöglichkeit zu geben. Der Wahnwitz ist überall. Ubiquitär, sozusagen. Insinuiere ich jetzt einfach mal  – ganz populistisch. Beispiele: Das beste Buch aller Zeiten. Der erfolgreichste Film aller Zeiten. Der größte Regisseur aller Zeiten. Das meistverkaufte Album aller Zeiten. Der beliebteste Superstar aller Zeiten. Die alternativloseste Alternativlosigkeit aller Zeiten. Es soll unsinkbar sein, es soll nie enden. Wird es aber, ätsch. Da kann man sich auf den Kopf stellen. Darf man sowas sagen? Nein, man nicht. Die Konsequenz systemischer Dauerinzucht schon. Der menschliche Freiheitsdrang erst recht. Und das ist auch die froheste Botschaft, die größte Hoffnung, der schönste, lohnenswerteste Gedanke  für‘s neue Jahr: Man wird Freiheit nie besiegen.


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