11. Januar 2013

Korrekte Sprache Alternative Fahrtroute anbietende Autoschneise

Oder: Afroamerikaner in Textilie

Wundern Sie sich bitte nicht, sollten Sie in naher Zukunft in einem Restaurant auf ungewohnte Formulierungen zur Beschreibung traditioneller Süßspeisen oder im Supermarkt auf unkonventionelle Kennzeichnungen beliebter Naschwaren stoßen. Es könnte beispielsweise passieren, dass Sie auf einer Speisekarte unter der Rubrik „Desserts“ auf einen „Menschen afroamerikanischer Abstammung im Kleidungsstück mit Hals- und Armöffnungen“ stoßen oder alternativ „Afroamerikaner in Textilie“. Keine Sorge: Es handelt sich dabei um die altbekannte österreichische Süßspeise „Mohr im Hemd“. Aus Gründen antirassistischer und -diskriminierender Korrektheit musste der kurze, griffige Name für die aus Schokolade, Brotbröseln, Ei, Mandeln, Zucker und Rotwein komponierte Leckerei geändert werden.

Auch den „Mohrenkopf“ wird es nicht mehr geben. Als ich vor kurzem im Einzelhandel danach fragte, drohte man mir mit einer Anzeige wegen Volksverhetzung: „Sie implizieren also, man solle einem Schwarzen den Kopf abschlagen!?“. Dasselbe gilt natürlich auch für den „Negerkuss“. Sollten Sie darauf Lust verspüren, fragen Sie lieber: „Verzeihen Sie, wo finde ich denn die oralen Zärtlichkeitsbekundungen eines Mannes dunkler Hautfarbe?“ Auch heterosexuelle Männer brauchen sich vor dieser Frage nicht zu scheuen, steht ihnen doch bei einer vom Verkaufspersonal daraufhin eventuell unterstellten Homosexualität der Rechtsweg offen.

Aus Kinderbüchern wird das „Negerlein“ ebenso verschwinden wie übrigens auch die „Umgehungsstraße“ aus dem alltäglichen Sprachgebrauch. Julia Samtkrampf-Kehldotter, Vorsitzende der neugegründeten „Gesellschaft zur Sensibilisierung und Humanisierung der Umgangssprache“ mokierte sich über die ihrer Ansicht nach im Wort „Umgehungsstraße“ angedeutete Herabsetzung von Lokalitäten, die sich später, so die engagierte Sprachrechtlerin, in den Köpfen verselbständigen und zu einer, wie sie sagt, „Denkkultur der Selektion, einer sprachlichen Eugenik“ führen könne, die sich „nicht nur auf Straßen beschränkt“. Weiter: „Dass Kinder ihre Mami oder ihren Papi fragen müssen, warum denn dieses oder jenes ‚umgangen‘ werden müsse, darf in einer aufgeklärten, reifen und sozial gerechten Gesellschaft einfach nicht sein“, so die 24-jährige Studentin der Germanistik, Politologie und Cafeteriaristik an der Wladimir-Uljanow-Hochschule. „Adorno sagte einmal, Auschwitz fange da an, wo einer im Schlachthaus steht und sagt, es handele sich doch nur um Tiere. Ich gehe weiter und sage sprachpsychologisch tiefenschärfer: Das gezielte Aussortieren anderer Menschen in den Köpfen, die Selektion nach fragwürdigen Kriterien, das Diskriminieren beginnt dort, wo jemand sagt, es müsse doch nur etwas ‚umgangen‘ werden“, fährt die temperamentvolle, zierliche Brünette mit den jeansblauen Augen fort. „Umgehen“, so Kehldotter, „bedeutet immer auch: vermeiden, ausklammern, nicht sehen wollen, aus Blick und Bewusstsein verdrängen, ausschließen, vergessen. Eine Gesellschaft, die ihre Kleinsten solchem Sprachgebrauch aussetzt, darf sich über die Konsequenzen nicht wundern.“

Sie mahnt deshalb an, man solle lieber von „alternative Routen anbietenden Autoschneisen“ oder „von mir aus ‚Alternativstraßen‘“ sprechen. „Denn ‚alternativ‘ deutet lediglich das Vorhandensein einer oder mehrerer Wahlmöglichkeiten an. Es ist ein entscheidungsfindungsprozessual weicheres, egalitäres Wort.“ Dieser Wortgebrauch sei „aus humanistischer Perspektive alternativlos“.

Auch José Manuel Barroso und Herman Van Rompuy begrüßten den Vorstoß der 24-Jährigen. „Wörter wie ‚umgehen‘ in allen Büchern des Kontinents durch ‚Alternativen suchen‘ zu ersetzen sowie die Literatur des Kontinents umfassend von fragwürdigen Sprachelementen zu säubern“, so die beiden Positivdenker der EU, „könnte für die Lösung der Arbeitslosenproblematik von entscheidender Bedeutung sein“.

Großes Gott.


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