14. Februar 2013

Papst Rücktritt eines Mannes mit Format

Die Räuberbande frohlockt

Der Rücktritt des Papstes bewegt mich zutiefst. Wahrscheinlich, weil ich in meinem Herzen doch ein Krypto-Katholik bin. Aber vor allem deswegen, weil hier ein geistiger Gigant die Bühne verlässt.

Ich habe diesem Mann spätestens seit seiner Rede im Bundestag am 22. September 2011 allerhöchsten Respekt gezollt. Es ist ein Trauerspiel, wenn man im Kontrast zu dieser Rede auf die dumpfen,verkrampften Politiker-Visagen blickt, die immer wieder mal eingeblendet werden. Hier redet einer von Philosophie und vom Naturrecht vor einer Bande von Ignoranten, deren Innenleben auf die Verdauung beschränkt zu sein scheint. Schaudernd denke ich an das Zitat aus Oswald Spenglers Kulturphilosophie: „Dekadenz ist unumkehrbar“, was aber natürlich nicht nur auf Politiker zutrifft. Man höre sich nur mal sein Augustinus-Zitat an, in dem der Papst fragt: „Was ist der Staat denn anderes als eine Räuberbande, wenn er nicht dem Recht folgt?“ Wer glaubt, dass dieses Zitat einfach so gefallen ist, der möge es glauben. Und wer sich eine geistige und geistliche Wohltat gönnen will, der höre seine Rede nochmals auf Youtube.

Ferner bin ich der Meinung, dass dieser Rücktritt keineswegs nur aus Altersgründen geschah. Aber dies ist natürlich reine Mutmaßung.

Mir unvergessen ist auch der Gottesdienst während des Papstbesuches auf dem Freiburger Messeplatz im September 2011. Abenteuerlich war schon die Anfahrt: Ich hatte am Samstag einen Termin in Todtnauberg im Schwarzwald und mich am Sonntagmorgen um 7:00 Uhr wieder auf den Weg gemacht. Fahren durfte ich nur bis Freiburg-Lehen. Dort wurde man weiträumig auf einen Parkplatz geleitet. Weiter ging es mit der Straßenbahn zur Haltestelle Padua-Allee, von wo aus wir zusammen mit meiner Frau rund vier Kilometer zu Fuß auf der Schnellstraße zum Messegelände laufen mussten. Jede Restmüdigkeit war spätestens damit verflogen. Der Gottesdienst selbst fand bei denkbar schönstem Wetter statt. Schon um 10:00 Uhr morgens war es fast heiß.

Besonders traurig hat mich im Vorfeld dieses Besuches die Reaktion meiner Umgebung gemacht. Als echter Schwarzwälder war ich bis in jede Faser meines Körpers begeistert von einem Papst-Besuch im beschaulichen Freiburg. Außer dem SC Freiburg ist die Stadt ja kaum über ihre Grenzen hinaus bekannt. Und das ist als Fußballbegeisterter ja auch nicht immer ein Zuckerschlecken, sondern meist ein Bangen und Zittern. Die Vorstellung, den Gottesdienst nicht zu besuchen, existierte in meiner Geisteswelt schlicht nicht. Deswegen habe ich nahezu alle Freunde und Bekannten darauf angesprochen. Es waren Dutzende. Die Reaktionen auf meine Begeisterung behalte ich für mich. Am Ende bin ich mit meiner Frau allein dort hingegangen.

Zutiefst nachdenklich stimmt die Bemerkung des Papstes im Freiburger Konzerthaus. Hierzu die FAZ vom 12. Februar 2013: „Wie Johannes Paul II., der den Krieg in Polen als Zwangsarbeiter überlebte, hat Ratzinger als ein prototypischer Vertreter der ‚skeptischen Generation‘ seine Abneigung gegenüber totalitären Ideologien und einer allzu großen Nähe von Kirche und Staat nie verleugnet. Seine letzten Worte an die deutschen Katholiken, gesprochen zum Abschluss seines Deutschland-Besuchs im September 2011 im Freiburger Konzerthaus, enthielten denn auch die Aufforderung, ‚Privilegien‘ zu entsagen und sich zu ‚entweltlichen‘, auf dass das Licht des Glaubens umso heller erstrahle.“ Ja, aber wer will das hören von den verbeamteten kirchlichen „Würdenträgern“?

Irgendwie habe ich kein gutes Gefühl bei diesem Rücktritt. Ein Großer ist verloren gegangen. Und zum ersten Mal seit langer, langer Zeit wird die Kirche wieder zwei Päpste haben, den abgetretenen und den neu gewählten. Bald wird es wieder erschallen, nachdem der weiße Rauch aufgestiegen ist: „Habemus papam!“

Aber ob ein Mann solchen Formats nochmals kommt?

Link

Papst-Rede im Bundestag


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Christopher Beyer

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