19. Februar 2013

NATO-Schreibtischfronten Wie man Leservertrauen zerschießt

Was Sie schon immer über die Kriegslügenpresse wussten und deshalb eigentlich gar nicht mehr fragen mussten

Oder rätseln Sie etwa immer noch, warum der Mainstream jeden, der von den offiziellen Kriegsbegründungen und Darstellungen der Hintergründe abweicht, in schöner Regelmäßigkeit sofort als „Verschwörungstheoretiker“ zu diffamieren und ins Lächerliche zu ziehen versucht? Sie möchten wissen, warum man bei der „Welt“ alleine im letzten Monat keine Gelegenheit ausließ, auf diesem Begriff etwas verkrampft herumzureiten und in gefühlt jeden zweiten Artikel, selbst in Kontexte, in denen das gar keinen Sinn ergab, einen kleinen Absatz oder Nebensatz quetschte, nur um Verschwörungsbashing frönen zu können? Sie kratzen sich immer noch am Hinterkopf, weil die „Zeit“ Guido Westerwelle nach seiner rebellischen Verlautbarung, der Krieg in Libyen sei ein zweifelhaftes Vergnügen, an dem Deutschland sich doch lieber nicht beteiligen solle, aufs Heftigste attackierte, ja in Grund und Boden schrieb?

Sie sind konsterniert wegen des merkwürdigen Verhaltens der Leitmedien, das den Eindruck erweckt, es gebe kein Leben nach ihnen, es existiere nichts außerhalb der Zeitungsspalten der Meinungsführer? Sie haben eine dunkle Ahnung, es könne doch nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn pikante Hintergrundinformationen zu militärischen Auseinandersetzungen mit einer Beharrlichkeit verschwiegen werden, die an pathologisches Verhalten erinnert? Sie lasen regelmäßig Kommentare auf der Ersten Seite der „FAZ“ zur Lage in Afghanistan, Libyen, Syrien oder Mali, die Sie zum Schluss führten, es entweder mit geballter Inkompetenz oder mit zwangsneurotischer Täuschungsabsicht zu tun zu haben? Sie glauben, im hiesigen journalistischen Background-Chor der Frontsänger des dauerkriegerischen Megadeath einen Propagandarefrain ausgemacht zu haben? Sie finden, die Verlogenheit sei nicht mehr auszuhalten, der Gestank nicht mehr zu ertragen?

Dann können Sie sich über ein wenig Luftverbesserung freuen. Denn nun kam endlich heraus, was eh längst jedem denkenden Menschen klar war, der hin und wieder seinen eigenen Kopf ge-braucht, statt ihn von ARD und ZDF oder hurramilitaristischen Printpriestern der NATO-Kirche des einzig Guten und Rechten als Toilette für informationelle Notdurft miss-brauchen zu lassen: Natürlich ist da etwas ganz gehörig faul. Wobei fairerweise zunächst mal zu fragen wäre – was auch Uwe Krüger, Urheber der von den „Deutschen Wirtschafts-Nachrichten“ am 16. Februar vorgestellten „Netzwerkanalyse“, einer Studie über die Einbindung deutscher „Top-Journalisten“ unter anderem in US- und NATO-Strukturen, einräumt –, zu welchen Anteilen es sich nun wirklich um Vorsatz handeln mag oder einfach um etwas, das man als „wohlmeinende Meinungssteuerung“ bezeichnen könnte, die im sicher nicht boshaften, aber zumindest naiven Glauben erfolgt, das „Richtige“ zu tun.

„Vier leitende Journalisten der ‚Süddeutschen Zeitung‘, der ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitung‘, der ‚Welt‘ und der ‚Zeit‘ seien darüber hinaus ‚stark in US- und NATO-affinen Strukturen eingebunden‘, lautet die wichtigste Erkenntnis aus Krügers Studie. Auffällig erscheint Krüger, dass keiner der vier Journalisten dazu bereit war, zu diesem Fakt Stellung zu beziehen“, heißt es im Artikel der „DWN“. Es handelt sich also, welch ein prächtiger Zufall, um genau diejenigen Blätter, die regelmäßig durch extrem einseitige Berichterstattung, überdeutlich propagandistisch gefärbte (beispielsweise die US-Außenpolitik glorizifierende, Russland und China hingegen wüst dämonisierende), kriegstreiberische Artikel auffielen, durch Verdrehen und Verzerren von Tatsachen oder gar Umlügen geschichtlicher Zusammenhänge (in der „FAZ“ wurde al-Qaida ganz ernsthaft zu einer Folge des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan erklärt, obwohl es sich erwiesenermaßen um eine CIA-Schöpfung handelt, die bereits vor dem Krieg aufgebaut, finanziert und ausgerüstet wurde).

Ich habe die Frage, ob es sich um ein Versehen handelt, für mich persönlich negativ beantwortet. Zumindest mit Blick auf die Chefetage geht es doch um leitende Journalisten. Aus einem einfachen Grund: Niemand soll mir erzählen, Top-Gun-Schreiber seien absolut nicht in der Lage, sich selbständig zu informieren. Niemand soll mir weismachen, sie gingen nicht regelmäßig online, sie wüßten rein gar nichts über die zahlreichen alternativen Interpretationen, Situationsanalysen und Einschätzungen seriöser, renommierter Beobachter und Kommentatoren des geopolitischen Geschehens, anerkannter Historiker oder derjenigen vom außenpolitischen Kurs ihrer Nation frustrierten Beamten in US-Politik und -Militär mit jahrzehntelanger, in den Nachrichten- und Geheimdiensten oder im Pentagon erworbenen Berufserfahrung, die in Gesprächen mit rebellischen, nicht vom Imperium autorisierten Journalisten zu ganz anderen Schlüssen über die Kriegseinsätze seit 2001 kommen als man deutschen Lesern und Zuschauern unentwegt serviert. Und dabei als „Whistleblower“ oft ihre Stellung riskieren. Interviews, die hierzulande übrigens nie gezeigt beziehungsweise abgedruckt werden. Man muss sie im Internet suchen, was die Hofberichterstatter natürlich immens freut: Ach, das Internet, lauter krude Verschwörungstheoretiker und Idioten, die sich die Welt zurechtbiegen. Fragt sich nur, wer solchen Durchhalteparolen eigentlich noch glaubt.

Gerade führende Journalisten sollten den Kerntugenden ihres Berufsstandes folgen, wenn sie nicht jeden Rest ihrer ohnehin schon schwer beschädigten Glaubwürdigkeit, jeden Rest an Vertrauen der Öffentlichkeit endgültig verspielen wollen. Es ist nicht ihre Aufgabe, Lobbyarbeit für Rüstungskonzerne zu betreiben, militärisch-industriellen Gottkomplexen zu schmeicheln und  sich zu geostrategischen Interessenvertretern bankrotter Supermächte zu degradieren, die alles kleinhauen , was ihren Zielen im Wege steht. Das Berufsethos des Journalismus lautet nicht, drucktintige Beihilfe zu Kriegsverbrechen und Massenmord zu leisten. Allein im Irak starben bis heute mehr als eine Million Menschen. Das Land fiel in ein humanitär befreites Chaos. Tausende von US-Soldaten kehrten als psychische Wracks heim, ihre Familien fielen auseinander, viele von ihnen begingen Selbstmord.

Eigentlich ist die stählerne Ignoranz, mit der hierzulande leichtfertig über diese Leichenberge hinweggeschrieben und die Kriegstrommel regelmäßig lustig gerührt wurde (und wahrscheinlich auch weiterhin gerührt werden wird), ein Skandal; man könnte es schon als menschenverachtend, unethisch, indiskutabel und vor allem verantwortungslos bezeichnen, letzteres vor allem hinsichtlich der möglichen Konsequenzen sich immer weiter ausbreitender Brandherde. Eigentlich. Denn das alles ist kein Problem, solange unser Land mit viel größeren Bedrohungen zu kämpfen hat – zum Beispiel einem ausgefüllten Dirndl.

Link

„Deutsche Wirtschafts-Nachrichten“: „Studie: Deutsche Top-Journalisten sind in US- und NATO-Strukturen eingebunden“


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