10. Mai 2013

Vom Irak bis Syrien Wir spielen gern mit Schmuddelkindern

Über vermeintlich antiamerikanische Zungenschläge und andere Propaganda-Dummheiten

Manchmal stolpert man in Berichterstattung und Kommentaren zum Syrienkonflikt über dermaßen dreiste Lügen und atemberaubend geschichtsverfälschende Behauptungen, dass man trotz des traurigen „Gewöhnungseffekts“ durch unablässige Beduselung mit massenlobotomedialer NATO-Propaganda überraschenderweise doch noch mehr herausbringt als nur ein achselzuckendes „Was soll‘s?“. Daran, dass statt al-CIAda immer wieder von al-Qaida die Rede ist, hat man sich ja längst gewöhnt, kein Problem; auch an das tagtäglich wiederholte Märchen, die US-Regierung erwäge nun „erstmalig“ eine direkte, sprich offizielle Unterstützung derjenigen „Rebellenkräfte“ alias primitives Gesindel, das hin und wieder freiheitskämpferisch übers Ziel etwas hinausschießt, indem es Christen den Kopf abschraubt oder andere im Zuge der Befreiung Syriens von Baschar al-Bössad tjawohlleider nicht hundertprozentig vermeidbare Greueltaten begeht. Obwohl man diesen Abschaum schon seit geraumer Zeit dadurch inoffiziell unterstützt, ihn, pssst, über die Grenzen der Türkei oder Libyens nach Syrien einzuschleusen sowie unter anderem mittels der ehemaligen „Bengasi-Connection“ (die „Botschaft“ wurde kräftig  für Waffenschiebereien nach Syrien genutzt) mit reichlich Munition zu versorgen. Wen interessiert dieser ganze Schmuddelkram eigentlich noch. Man sollte sich vielleicht lieber nicht zu intensiv damit beschäftigen, sonst wird man nur krank.

Bevor es wieder die erwartbaren Vorwürfe zu begähnen gilt: Nein, das bedeutet nicht, Assad ein Heiratsangebot zu machen. Man sollte Machtmenschen generell skeptisch gegenüberstehen. Allerdings sollte man auch nicht den äußerst dummen Fehler machen,  Machtmensch A mit einer Presseluftpumpe zum dämonischen Levelboss von „World of Warcraft“ aufzublasen, während man Machtmensch B als Galadriel in den Elfenwald stellt. Dass die Regierung Assad (Papa als auch Sohnemann) durch ihre Politik der letzten Jahrzehnte für einen gut Teil des heimischen Widerstandes selber gesorgt hat, daran gibt es nichts zu deuteln. Ebenso wenig aber an der Tatsache, dass die Einmischung von außen durch geostrategische Schlaumützen und andere Psychopathen im nur sehr oberflächlich betrachtet „Weißen“ Haus sowie im Pentagon die Situation fleißig zu eskalieren half, fertig aus. Wer diese Fakten weiterhin zu verschweigen und seine Leser zu belügen versucht, kann das gerne tun, macht sich damit aber auf Dauer unglaubwürdig.

Auch wenn sich diverse Kinderbuch-Moralisten in ihren Mainstream-Babybrei-Töpfchen nur ungerne solche Fragen stellen: Kann mir irgendjemand endlich mal schlüssig erklären, warum ich Assad abgrundtief verachten, Obambi aber für seinen drohnengestützten, tausendfachen Zivilistenmord bejubeln sollte? Ach so, das waren ja alles Terroristen. Wird behauptet. Ohne der Öffentlichkeit dafür jemals handfeste Beweise vorzulegen. Aber die sind ja auch nicht nötig, denn Regierungen lügen nicht, amerikanische schon gar nicht. Wer etwas anderes behauptet, ist Anti-Amerikaner. Drücken wir aber nun einmal auf den Eject-Knopf, um die DVD mit einem Zusammenschnitt der besten Szenen aus John-Wayne-Filmen, „Iron Man“ sowie der „Sendung mit der Maus“ auszuwerfen und eine Scheibe mit Geschichtsdokumentationen einzulegen.

Anlass dieser kleinen Spritze historisch wertvollen Wissens ist allerdings nicht direkt der Syrien-Konflikt, auch wenn der jeder etwas genaueren Beschreibung kriegshistorischer Abläufe spottende Satz, an dem meine Blutkörperchen auf faz.net faustförmig zusammenklumpten, aus einem Kommentar zu ebendiesem stammt. Dort hieß es wortwörtlich zur zögerlichen Haltung Deutschlands in Sachen vorsätzlicher, brutaler und rücksichtloser Destabilisierung Syriens: „Er [Guido Westerwelle] und auch Frau Merkel sind in dieser Sache Opfer des Traumas von 2002, als der damalige Bundeskanzler Schröder den beiden einen sicher geglaubten Wahlsieg nahm, indem er mit antiamerikanischem Zungenschlag gegen ein militärisches ‚Abenteuer‘ im Irak polemisierte.“

Antiamerikanischer Zungenschlag. Polemisieren. „Abenteuer“. Bevor wir schnell auf die Vorgeschichte eines gewissen Saddam Hussein und die Beteiligung mehrerer US-Regierungen an schweren Kriegsverbrechen und Massenmord eingehen: Warum sollte es sich bei der Abneigung gegen einen Krieg, der auf Lügen basierte, um reine Polemik handeln? Moment bitte, ich muss nur schnell Saddams Massenvernichtungswaffen aus der Hosentasche ziehen. Komisch, ich könnte schwören, dass sie gerade noch da waren. Ich muss sie auf dem Weg zur Pressekonferenz verloren haben, oder vielleicht bin ich bestohlen worden? Ach ja, und Al-Qaida-Verbindungen gab es dort dann doch nicht. Scusi!

Nun hatte Hussein in den 80er Jahren in seinem Feldzug gegen den Iran tatsächlich WMDs, „Weapons of Mass Destruction“, eingesetzt. Aber von wem stammten diese eigentlich? Ausschließlich aus irakischen Hexenküchen, oder erhielt der Diktator eventuell Schützenhilfe aus dem Ausland? Na, dann stecken wir unsere Nase eben doch nochmal in Schweinkram, auch wenn‘s beileibe keinen Spaß macht.

Im Jahre 1959, nach einem misslungenen Attentat auf den irakischen Premierminister General Abdel-Karim Kassem, floh Saddam Hussein, Mitglied einer zum Behufe der Ermordung des Staatsoberhauptes  vom CIA zusammengewürfelten sechsköpfigen Truppe, nach Ägypten. Kassem führte ein blutrünstiges Regime, aber das interessierte die klugen Planer in Washington nicht sonderlich, da der Irak als „Strategic Asset“, als strategisch nützlicher Verbündeter im Kampf gegen die Sowjetunion angesehen wurde. (Mitte der 80-er Jahre enthüllte Miles Copeland, ein langgedienter CIA-Mitarbeiter, der amerikanische Auslandsgeheimdienst habe enge Verbindungen zu Kassems Ba‘ath-Partei unterhalten. Andere Quellen wie zum Beispiel Roger Morris aus dem National Security Council bestätigten dies.)

Mitte der 1950er Jahre trat der Irak dem „Anti-Sovjet Baghdad Pact“ bei, dem auch Pakistan, der Iran, Großbritannien sowie die Türkei angehörten. Erst als Kassem 1959 den Pakt verließ und die Ölindustrie seines Heimatlandes zu verstaatlichen trachtete (sprich: keine saftigen und leicht verdienten Petrodollars mehr für den Ölindustriekomplex unter Oberaufsicht der Rockefellers in den USA), wurde der rabiate Despot zum Problem. Zur Erinnerung: Etwas Ähnliches widerfuhr Mossadeq im Iran, auch er wurde von der CIA aus demselben Grund (Ölkonzessionen) weggeputscht.

Vor seiner Weiterreise nach Kairo wurde Hussein in einer von der CIA finanzierten Wohnung in Beirut untergebracht und einem kleinen Training unterzogen, um für seine kommende Mission fit zu werden. In Kairo eingetroffen, traf sich Hussein mehrfach in der US-Botschaft mit CIA-Agenten und Mitarbeitern  des ägyptischen Geheimdienstes, die einen erneuten Anlauf zum Sturz Kassems planten. Nach seiner Rückkehr in den Irak plazierte die CIA Hussein in einer Wohnung direkt gegenüber dem Büro Kassems im Verteidigungsministerium, um diesen auf Schritt und Tritt überwachen zu können. Wichtige Zwischennotiz: Hussein war also ein „CIA-Asset“, der mit dem US-Geheimdienst zusammenarbeitete.

Im Jahr 1963 gelang das Attentat. Als eine der ersten Nationen erkannten die USA das neue Regime im Irak umgehend an; es folgten Waffenlieferungen in großem Maßstab. Außerdem half die CIA – wiederum unter Zuarbeit Husseins – beim Zusammenstellen von Listen „aufmüpfiger“ Intellektueller und Oppositioneller, die gnadenlos verfolgt und hingerichtet wurden. In den nächsten fünf Jahren folgten zwei weitere von der CIA unterstützte Staatsstreiche der „Ba’athisten“, unter deren Herrschaft Konzerne wie Mobil (Rockefeller), Bechtel (ebenfalls Rockefeller) sowie British Petroleum ihre Arbeit in dem vorderasiatischen Staat aufnahmen.

1968 brachte ein weiterer Ba‘athisten-Coup Ahmad Hassan Al Bakr an die Macht, der seinen Cousin, Saddam Hussein, zum Chef des Sicherheitsapparats machte. 1979 putschte sich „CIA-Asset“ Hussein an die Spitze; unmittelbar darauf ließ er alle politischen Gegner liquidieren. 1980 sicherte die US-Regierung, die die Islamische Revolution im Iran als große Bedrohung ansah (vielleicht hätte man Mossadeq lieber nicht wegputschen, sondern aus den Fehlern eines ohne Rücksicht auf Verluste taktierenden geopolitischen und ressourcengierigen Interventionismus lernen sollen), dem Irak ihre volle Unterstützung zu. Waffen, Millionen von Dollar, nachrichten- beziehungsweise geheimdienstliche Hilfe und satellitengestützte Aufklärungsarbeit im Verlauf des Krieges Husseins gegen den Iran folgten. Des weiteren lieferte die Regierung unter Reagan chemische sowie biologische Kampfstoffe an die irakische Führung; darunter sollen sich auch Milzbrand- sowie Botulismus-Bakterien befunden haben.

US-Senator Donald Riegle empörte sich 1994 vor einer Untersuchungskommission des Senats über die Lieferungen biologischer Waffen in den Jahren zwischen 1985 und 1990 und gab zu Protokoll, die aus amerikanischer Herstellung stammenden Erreger seien identisch gewesen mit denjenigen, die von den „UNO-Inspekteuren bei ihrer Untersuchung des irakischen Biowaffenprogramms gefunden und vernichtet wurden“. Auch Clusterbomben sowie computergestützte Datenbanken, die vermutlich der Verfolgung Oppositioneller dienten, wurden vertickt.

Nach Amtsantritt der Regierung Reagan hielt Außenminister Alexander Haig im April 1981 während eines Aufenthalts in Riad in einem Memorandum fest, es sei in „amerikanischem Interesse gewesen, zu bestätigen, dass Präsident Carter über einen Mittelsmann, den saudischen König Fahd, den Irakern grünes Licht für den Iran-Krieg signalisierte“. Im Verlaufe der bald folgenden „Iran-Contra-Affäre“ stellte sich dann peinlicherweise heraus,  dass nicht nur Husseins Militär, sondern auch die iranischen Mullahs unter anderem aus amerikanischen Beständen Waffenlieferungen in Milliardenhöhe erhielten. Zwei Seiten gegeneinander auszuspielen und kräftig daran zu verdienen, ist übrigens ein altbewährtes Rezept des weitläufigen Familienverbundes im Geld- und Industrieadel, der einen Großteil der amerikanischen Industrielandschaft, der Hochfinanz und der Medien kontrolliert; bitte nicht vergessen, dass US-Präsidenten nur Laufburschen und plappernde Pappaufsteller zum Bejubeln sind. Möchten sie sehr viel mehr sein, sind unheimliche Begegnungen mit seltsam dreinschauenden, Cola schlürfenden jungen Männern in der Caféteria nicht ausgeschlossen.

Selbst als die Greueltaten Husseins, allen voran sein Giftgaseinsatz, in Washington bekannt waren, sicherte man ihm über diplomatische Kanäle zu, auch weiterhin an einer Kooperation interessiert zu sein. Es folgte eine Lieferung niegelnagelneuer Hubschrauber.

Brechen wir an dieser Stelle im doppelten Wortsinn ab, bevor uns der Ekel übermannt. Es steht, wie immer in solchen Fällen, jedem Leser frei, aus den mittlerweile „Declassified Documents“, dem umfangreichen Dokumentenmaterial des State Department, des Pentagon, des Weißen Hauses oder der US-Geheimdienste, das dank der unermüdlichen Arbeit mutiger investigativer US-Journalisten, Whistleblower, Senatoren beziehungsweise Kongressabgeordneter, Anwalts- oder Bürgerrechtsvereinigungen im Rahmen des „Freedom of Information Act“ glücklicherweise nicht mehr der Geheimhaltung unterliegt und in zahlreichen Publikationen on- sowie offline verfügbar ist, obigen Angaben selber nachzugehen. Und um sich über den erschütternden Blutzoll zu informieren, den die Interessen des militärisch-industriellen Komplexes unter US-Regierungen von Lyndon B. Johnson über Nixon, Carter, Reagan, Clinton, den beiden Bushtrommlern bis Obama gefordert haben und, sofern US-Bürger diesem schwerkriminellen, unethischen, menschenverachtenden und asozialen Treiben nicht endlich den Riegel vorschieben, zweifellos auch weiterhin fordern werden. Unter Barack „Hope’n’Change“ Obama beispielsweise, dem teuren Anzug mit dem netten Lächeln, wurden – abgesehen von der Weiterführung und Ausdehnung der von seinem Amtsvorgänger begonnenen geostrategischen Angriffskriege – mittels der Operation „Fast and Furious“ (es ist unter militärischen und geheimdienstlichen, kindsköpfigen Trampeltieren sehr beliebt, Missionen nach Hollywoodfilmen zu benennen, total cool) Waffen an mexikanische Drogenkartelle geliefert, mit denen dann unter anderem auch US-Grenzpolizisten erschossen wurden. Gotta love politics.

Wir erkennen also, dass Schröders Widerstand gegen den auf einer gigantischen Lüge basierenden Irakkrieg (der zu großen Teilen der überragenden personalplanerischen und interventionistischen Intelligenz mehrerer US-Regierungen und ihrer Geheimdienste zu verdanken war), wenn er in Teilen sicher auch, wie unter Politgeiern ohnehin üblich, auf Wählerstimmen schielte, gar nicht so „polemisch“ war und definitiv nicht nur von einem „antiamerikanischen“ Schnalzen begleitet. Es sei denn, man möchte glauben, ein deutscher Bundeskanzler wäre über seine Nachrichtendienste überhaupt nicht informiert gewesen über eben die Vorgeschichte, die gerade im Zeitraffer angerissen wurde.

Es wäre daher zu fragen, warum eine deutsche Regierung, Bündnispartner hin oder her, regelmäßig dabei helfen sollte, die Häufchen aufzuwischen, die eine recht fragwürdige Außen- und Geopolitik im Laufe der Jahre hinterließ. Da werden Gegenfragen wie „Macht ihr euren Dreck bitte selber weg?“ ja wohl noch erlaubt sein.

Ähnliches gilt nun auch für den Syrienkonflikt; abermals hat man sich mittels geheimer Waffenschmuggeleien und personaltechnischer Meisterschaft (wir spielen gern mit Schmuddelkindern) in die vorderste Liga der außergewöhnlichen Mäntel- und Degenmen katapultiert, da man sich ja überall einmischen muss, wo Demokratie, Freiheit und Menschenrechte auf dem Spiel stehen. Konsequenterweise hätte man also schon längst auch in China Krieg führen müssen, das Regimegegner bekanntlich auch nicht gerade in feinster Kokosmilch badet. Das Problem ist nur, dass China dicke Atomraketen in der Hose hat, vor allem aber (noch) zu den größten Gläubigern des Ponzidollar gehört, auch wenn es sich momentan im „BRICS“-Verbund und sehr zum Unwillen der westlichen Geldmonarchie darum bemüht, den Gestank verbrannten Papiers aus den Klamotten zu bekommen. Oder es in Saudi-Arabien, das man der eigenen Befreiungslogik zufolge eigentlich schon längst hätte plätten müssen, immer noch Ölvorräte und ein dicht gewirktes Netz familiärer Geschäftsinteressen gibt (unter anderem zur Bush-Familie, die in der Geschichte der USA eine maßgebliche Rolle spielt).

Immer wieder erschafft man politische Frankensteinmonster, die man naiverweise kontrollieren zu können glaubt. Und ebenso regelmäßig geht es in die Windel. Aber das soll ja so sein, schließlich geht doch nichts über eine stetige Frischfutterzufuhr für den militärisch-industriellen Komplex.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Axel B.C. Krauss

Über Axel B.C. Krauss

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige