17. Juni 2013

Fußball Financial Fair Play Fairytail

Bedenkzeit in der Sommerpause

Es klingt wie ein Märchen aus 1000 und einer Nacht: Ein holder Retter aus dem mehr oder weniger fernen Osten kippt selbstlos schier unendlich scheinende Reichtümer in das tiefe Loch vor dem im besten Fall noch vereinseigenen maroden Fußballtempel. In Manchester bei City, in Paris bei Saint German und nicht zuletzt fast schon archetypisch in London bei Chelsea läuft es ihnen jetzt noch wohlig fröstelnd den Rücken hinunter. Längst hängt beim Erklingen der Meisterhymne zwischen den vielen Sternen am Champions League-Himmel unbemerkt auch eine arabische Mondsichel.

Was sich so märchenhaft für die meist mit Öl-Millionen Beglückten anfühlt, ist der FIFA angeblich ein großer schmerzender Dorn im über die Gerechtigkeit im Weltfußball wachenden Auge.

Der Ablauf der Übernahme ist immer gleich: Erst verschiebt sich das Sagen nach Osten, dann wandert das Komma auf dem Vereinskonto in die selbe Richtung nach.

Doch Rettung vor den Rettern naht!

Den ersten Scheich-Club glaubt die eiserne Hand des Weltverbandes schon medienwirksam abgewatscht zu haben. Von schweren Sanktionen für den FC Malaga ist da zu hören: Ausschluss aus dem Europapokal für eine Saison! Das wird besonders die durch ausstehende Gehälter eh nicht mehr an den Verein gebundenen Spieler sehr getroffen haben.

Was war geschehen? Clubbesitzer Scheich Abdullah bin Nasser bin Abdullah al Ahmed Al-Thani hat scheinbar wieder das rechte Interesse an seinem iberischen Spielzeug verloren. Das ist nicht nur sein gutes Recht – es ist vor allem nicht überraschend. Wenn sich jemand so ziemlich jeden Wunsch erfüllen kann, was soll er dann mit einer zumeist seelenlos wirkenden und in der spanischen Presse als Rentnerband verhöhnten Fußballmannschaft, die vor dem nächsten personellen Umbruch steht? Das hatte sich der Scheich scheinbar alles schöner vorgestellt und hinterlässt in absehbarer Zeit einen finanziell angeschlagenen Club ohne Startplatz im internationalen Geschäft, der seine besten Spieler nicht halten können wird.

Schon aus reiner Chronistenpflicht richtet sich da der Blick auf den heimeligen deutschen Fußball.

Mit Erleichterung stellen wir fest, dass die Liga schon vor Jahren den 50+1-Riegel vor alle millionenschweren Machtergreifungsversuche geschoben hat. Aber ist das wirklich so?

In München, wo man in diesen Tagen sehr bemüht scheint, die Begriffe Finanzen und Fair Play in einem Satz zu vermeiden, dürften zuletzt Zweifel am viel beschworenen Alleinstellungsmerkmal des deutschen Fußballs aufgekommen sein. Die Formel 50+x hat immer noch einen guten Klang in Bayern, 50+1 ist ihnen längst ein Gräuel. Am Beispiel des TSV 1860 München wird deutlich, wie porös ein Club und sein Selbstverständnis zurückbleiben kann, wenn aus einem Investment ein Putsch wird. Wie erleichtert sie waren, die stolzen Löwen, als der Kooperationsvertrag mit Hasan Ismaik am 30. Mai 2011 unterzeichnet war. Knapp zwei Jahre Kooperation, zwei Trainer und zwei mittelprächtige Saisons später droht der Zweitligist endgültig im Chaos zu versinken. Der finanzielle Tropf, an den sich der Verein im Kampf gegen die Bedeutungslosigkeit hängte, hat sich längst um seinen Hals gewickelt. Wenig Hoffnung für die Blauen aus München, deren fußballerisches Tafelsilber Benny Lauth und Gabor Kiraly auch schon etwas angelaufen scheint und höchstens noch im fußballerische Antiquariat einzulösen sein dürfte.

Die FIFA und ihre Funktionäre taumeln dieser Entwicklung in sicherem Abstand hinterher und fordert Transparenz, bekanntermaßen eine ihrer eigenen großen Tugenden. Weder bei Chelsea oder PSG, noch bei Manchester City oder dem kommenden Giganten aus Monaco klappern sie vor Furcht mit den Goldzähnen. Der FIFA-Executive eilt nicht immer unbedingt der Ruf des großen Fußballsachverstandes voraus, doch zumindest für dieses sportpolitische Problem scheint man gewappnet. Allen voran FIFA-Präsident Sepp Blatter, meist charmant, stets bis in die letzte Faser seiner Existenz ein Eidgenosse, besinnt sich in solchen Zeiten immer auf Bewährtes: nichts.


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Autor

Thomas B. Roland

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