24. Juni 2013

Debatte Sterbehilfe

Todeswunsch ist psychopathologisches Symptom

Mich ödet unser Medieneinerlei zunehmend an. Ich bin daher dankbar für jede Meinung, Publikation und jeden Artikel, der die ausgetretenen Pfade des Zeitgeistes verlässt. Die Deutschen sind bekanntlich kein besonders freiheitsliebendes Volk. Zumindest ertragen sie ohne großes Murren, dass ihre Freiheitsrechte immer stärker eingeschränkt werden – ob von Berlin oder der Brüsseler Bürokratie. Nur beim Sterben sind sie auf den ersten Blick recht freiheitsbewusst worden. Ein hoher Prozentsatz der Bundesbürger ist nämlich dafür, dass der alte Zwangstod vom neuen Willenstod abgelöst wird. „Freitod“ und Sterbehilfe sind keine Tabus mehr. Der alte Spruch, dass man sich das Sterben bis zuletzt aufhebt, hat seine Gültigkeit verloren.

Höchste Zeit also für ein Plädoyer für das Leben und gegen die Kultur des Todes. Der Journalist, Autor und Verleger Andreas Krause Landt (jetzt: Andreas Lombard) hat sich jüngst damit beschäftigt, warum die Mitwirkung am Suizid verboten werden muss. Dies erscheint auf den ersten Blick paradox. Denn viele Zeitgenossen glauben, dass sie nur dann frei seien, wenn sie über ihr eigenes Leben verfügen können.

Euphemistisch spricht man vom „Freitod“, der eine Handlung letzter persönlicher Freiheit zu sein scheint, die dem Menschen nicht genommen werden dürfe. Sterbehilfe und Tötung auf Verlangen erfreuen sich eines immer größeren Zuspruchs. Dem Christen ist der Selbstmord verboten. Doch wer fühlt sich heute noch an dieses Gebot gebunden?

Viele unserer Zeitgenossen werden Schwierigkeiten mit dem haben, was Reinhold Schneider im Jahr 1947 über den Selbstmord schrieb. Er bezeichnete den „Freitod“ schlicht als „Mord“, denn im Tode „ist das Bestimmtsein, das der Freiheit widerspricht“. „Lassen wir uns nicht täuschen mit den Worten unseres Bezirks über einen Bezirk, von dem wir nichts in Erfahrung bringen! Der Entschluss zum Tod ist der Entschluss zu einer ehernen Wirklichkeit. Und ob wir nun glauben oder nicht, das Eine müssen wir uns doch sagen: Wir haben kein Recht, das Andere, zu dem wir uns entschließen, ‚Schlaf’ zu nennen. Schlafen: das heißt wieder erwachen. Wir schlafen nur auf fester Erde, auf gesichertem Grund. Hier aber heben wir den Grund auf – von nun an wird alles ungewiss, ist Unerhörtes, Unausdenkbares möglich“, so Schneider.

Das Problem der Sterbehilfe stellt sich – 66 Jahre nach Schneiders Schrift - in neuer Schärfe. Wir leben heute nach der Devise „Sei gesund und fit – oder stirb wenigstens rasch“. Die Menschen werden immer älter, die Kinder bleiben aus, die Kosten für Pflege steigen unaufhaltsam, während die Renten – politisch gewollt – immer schmaler ausfallen. Was läge da näher, als den Menschen das freiwillige Frühableben nahe zu legen, um den Sozialstaat nicht zu belasten. Beamte wären hiervon ausgenommen, denn sie erhalten ja in der Regel eine fette Pension vom Staat, d. h. von uns Steuerzahlern. Krause Landt bringt diese Gefahr auf den Punkt: „Der soziale Druck, der Solidargemeinschaft nicht länger zur Last zu fallen – natürlich um der Solidarität willen -, wird ‚dröpje for dröpje’ mit jedem einzelnen Fall bereits geleisteter Sterbehilfe wachsen. Ein Recht auf den Freitod wird in eine Pflicht zum Freitod münden“. Viele werden hier vielleicht noch den im Jahr 1998 von Karsten Vilmar geprägten Begriff vom „sozialverträglichen Frühableben“ vor Augen haben.

Krause Landt weist nach, dass der Todeswunsch klinisch gesprochen zumeist das Symptom einer schweren Depression ist. Eine solche Krankheit lässt sich heute aber gut mit Psychotherapie und Medikamenten oder auch zusätzlich mit menschlicher Fürsorge in den Griff bekommen – die Grenzüberschreitung hin zum Selbstmord ist hier nur ein scheinbarer, ein unnötiger Ausweg. Wenn dann zusätzlich Themen wie Basisrente, Pflegenotstand, Fachkräftemangel und explodierende Krankenkosten Druck ausüben, dann ist die Zeit zum Handeln da.

Bei unseren holländischen Nachbarn können wir schon beobachten, wohin es führen kann, wenn alle Grenzen beim Thema Sterbehilfe eingerissen werden. Die Angst vor den Ärzten in den Niederlanden geht mittlerweile so weit, dass Patienten, die es sich finanziell leisten können, lieber in grenznahe deutsche Krankenhäuser gehen und die anderen seit Jahren eine „Credo Card“ mit ihrem Überlebenswunsch bei sich führen – oder einen einfachen Zettel mit der Zeile „Maak mij niet dood, Dokter“.

Es steht niemanden zu, über diejenigen zu richten, die scheinbar freiwillig aus dem Leben gehen. Andererseits müssen wir wieder neu lernen, dass Krankheit, Leiden und Tod zum Leben dazugehören.

Es darf nicht sein, dass das lange bekannte Problem der demographischen Alterung gleichsam in ein Plädoyer für Sterbehilfe ausgelegt wird, weil die Krankheits- und Pflegekosten nicht beherrschbar erscheinen. Wenn ein Arzt in Zukunft an der Tötung eines Patienten beteiligt würde, dann würde er – um in den Worten des Berliner Arztes Christoph Wilhelm Hufeland vom Beginn des 19. Jahrhunderts zu sprechen – „der gefährlichste Mann im Staate“ werden.

Und auch mit der angeblichen Willensfreiheit ist es eine solche Sache, wie der Medizinethiker Axel W. Bauer ausführt: „Die meisten Personen, die eine Suizidbegleitung wünschen, leiden unter schwerer Depression, sodass der Begriff des ‚Freitodes’ hier geradezu absurd wirkt. Die Neigung zur Selbsttötung, insbesondere aber der Suizid selbst steht in deutlichen Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen. Psychisch Kranke brauchen Hilfe und keine Fahrkarte in den Tod.“


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