27. August 2013

Lehrerausbildung Brich, du Sau

...oder funktioniere!

Was auf den ersten Blick als durchaus sehr vulgäre Aufforderung gemeint sein könnte, seinen Mageninhalt auf die Straße zu legen, ist vielmehr das ungeschriebene Gesetz, welches wohl in Ausbilderkreisen der deutschen Studienseminare (die bürokratische Antwort auf individuelle Lehrerausbildung) kursiert. Dabei soll es im Folgenden definitiv nicht um eine Verallgemeinerung gehen. Ich würde den meisten „Ausbildern“ noch nicht mal unterstellen, dass sie bewusst so handeln, wie sie es letztendlich tun.

Allzu oft wird über den Zustand unserer Schulen und damit auch über den der Lehrkörper debattiert. Von Prechts jüngstem „Geniestreich“ möchte ich erst gar nicht anfangen (dazu sollte sich erst mein Blutdruck wieder gesenkt haben), er zeigt aber, in welcher Weise die Bildungssau immer wieder durch die politischen Dörfer getrieben wird. Noten, ja oder nein – Frontalunterricht oder doch eher „offener Unterricht“ (was das auch immer sein soll) – Inklusion sowieso! Es sind ja alle gleich (sprach der Kulturmarxist). Dabei wird eine einfache Tatsache übergangen – wir haben Schulzwang, pardon Schulpflicht. Staatliche Behörden, angefangen beim Bildungsministerium über die Kultusministerkonferenz bis zu den Schulämtern, entscheiden, wie und was unterrichtet wird und vor allem, wer unterrichtet.

Wenn bei dem Wie und Was dem Hochleistungspädagogen noch gewisse Freiheiten gegeben sind, wie er die perfekt durchgeplanten Curricula in seine Schüler trichtern muss, hat die Frage, wer überhaupt unterrichten darf, wenig mit Freiheit zu tun.

Damit sind wir bei des Pudels Kern des deutschen Schulwesens – der Lehrerausbildung. Der Lehrer gilt als Eichmaß für die Qualität des Unterrichts und somit als Indikator für den angestrebten Bildungsgrad. Als Repräsentant der Bildung sollte er in der Lage sein, dieses Ideal zu verkörpern. Demnach sollte der Ausbildung der Lehrkräfte die höchste Priorität eingeräumt werden.

Doch was passiert nun in den angesprochenen Studienseminaren, die die staatliche Hoheit zur Lehrerausbildung haben? Kritischer Umgang mit Schulgeschichte, Reflexion über die aktuelle bildungspolitische Situation, offene Diskussion über die Schulpflicht selber? Weit gefehlt. Sehr weit! Die heutige Lehrerausbildung spiegelt letztlich das wider, was die (meisten) Lehrer tagtäglich mit ihren Schülern machen. Eintrichtern, wiederkäuen und das ganze nochmal von vorn. Bis man funktioniert. Und das sollen die heutigen Lehrer auch. Funktionieren. Funktionieren als kleines Rädchen in einem System, das nur auf Selbsterhalt ausgelegt ist.

Sowohl im betreuten Schulalltag wie auch in den begleitenden Seminaren und natürlich der Königsdisziplin, dem Unterrichtsbesuch (eine vollkommen sinnfreie Veranstaltung, die so viel Wert hat wie eine Politikerrede im Wahlkampf), wird auf das Ziel eines funktionierenden Lehrers hingearbeitet. Wird dabei Rücksicht auf das Individuum (ein eher verpöntes Wort im Kultusministerium) und die Persönlichkeit des jungen Lehrers genommen? Die Antwort wird nicht überraschen. Nein. Es wird geformt, gefeilt, gebogen, bis man dem vorgegebenen Ideal eines 08/15-Lehrers entspricht, der kaum mehr als die Worte „demokratisch“, „sozial“ und „gleich“ herausgewürgt bekommt. Und wenn das noch nicht reicht, dann wird die Person eben gebrochen! Jawohl, gebrochen! Natürlich ganz subtil. Es haben ja alle Chancengleichheit in der Lehrerausbildung.

Diese Subtilität haben sich die 68er (falls es bis zu diesem Punkt noch nicht klar ist: Diese Generation besetzt immer noch die Schlüsselpositionen in unseren Bildungsinstituten) mehr oder weniger mühsam erarbeitet. Da sie die Deutungshoheit in den deutschen Medien und in unser aller Alltag errungen haben, brauchen sie nicht mehr aggressiv oder kämpferisch auftreten. Und so handhaben es auch die Ausbilder der Studienseminare. Es braucht keine Aggression oder physische Gewalt, um einem Menschen deutlich zu machen, dass er nicht willkommen ist. Es sind die Kleinigkeiten, die zählen. Das Missachten von individuellen „anderen“ Ideen, wieder eine bessere Note für den Konformisten, den „Querdenker“ immer wieder mit den vermeintlich „richtigen“ Idealen konfrontieren. Diese Reihe ließe sich unendlich fortsetzen. Es klingt erstmal nicht schlimm, kann aber in der richtigen Dosis giftig wirken. Die schlimmsten Gifte sind die, die langsam wirken. Das Gift verändert den Körper, die Gedanken, die Seele. Und selber weiß man gar nicht, was vorgeht. Deine Persönlichkeit wird gebrochen, ohne dass du es merkst.

Es gibt zwei Wege, wie der junge Lehrer damit umgeht. Entweder Anpassung, oder wie die Borg in weit entfernten Galaxien sagen würden: „Du wirst assimiliert, Widerstand ist zwecklos.“ Oder Ausscheiden aus dem Referendariat, Karriereende. Jahrelange Lebensplanung wird über den Haufen geworfen. Beide Fälle habe ich zur Genüge erlebt, und ich weiß immer noch nicht, welchen Fall ich schlimmer finde. Damit keine Missverständnisse aufkommen, es geht hier nicht um Einzelfälle. Die meisten Referendare lehnen dieses Ausbildungssystem ab, wissen allerdings nicht, warum. Wie auch, wenn man zwei Jahrzehnte staatliche Indoktrination durchlaufen hat? Und so spielen die meisten einfach mit, hoffen auf die Zeit danach, auf die Verbeamtung auf Lebenszeit, die am ehesten mit Dr. Fausts Deal mit Mephistopheles gleichzusetzen ist. Sie funktionieren, sie funktionieren für den Systemerhalt. Sie funktionieren, in ihrer zugedachten Aufgabe, neue Generationen anzupassen, die wieder Zahnrädchen im großen Staatsgetriebe werden müssen. Das ist doch die Volonté générale, oder nicht?


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Autor

Linus Heinrich

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige