10. September 2013

Bücher zur Freiheit Roland Baaders „Fauler Zauber“

Mut zur Freiheit

In Deutschland sind Liberale von echtem Schrot und Korn nicht weit gesät, und noch seltener kommt es vor, dass einer von ihnen zur Feder greift und gegen den Staat, das – wie Nietzsche sagte – kälteste aller kalten Monster, anschreibt. Umso dankbarer muss man für Roland Baaders neuestes Buch Fauler Zauber (Gräfelfing: Resch Verlag, 1997) sein. Baader bläst hier zu einem Generalangriff auf den Sozialstaat, und das tut er mit großer Belesenheit, mit klaren Worten und mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch. Baaders Werk macht mit den grundsätzlichen Positionen vertraut, die im Mittelpunkt der heutigen liberalen Diskussion zum Sozialstaat stehen, aber dennoch muss man kein Akademiker sein, um es zu verstehen. Jeder Leser wir das zu schätzen wissen.

Fauler Zauber steht in mehrerer Hinsicht in allerbester liberaler Tradition. Vor hundertfünzig Jahren hatte der große französische Liberale Frédéric Bastiat den Staat als die “große Illusion, durch die jeder auf Kosten aller anderen zu leben versucht” definiert, und diese Illusion entlarvt auch Baader ein ums andere Mal. Auch ein anderer großer Franzose, Charles Dunoyer, hätte für dieses Buch Pate stehen können. Dunoyer verachtete jene Liberale, die zu sehr auf unmittelbare politische Erfolge schielen und es daher an klaren Worten fehlen lassen, um Auseinandersetzungen mit einflussreichen Gruppen und vor allem mit der Bevölkerungsmehrheit zu vermeiden. Immer wieder hielt er den Bürgern vor, sie hätten keinen Grund, sich über die Herrschaft des Staates zu beklagen, da es ihnen am Willen zur Freiheit gebreche. Diesen Spiegel hält uns auch Baader hin. Auf die Frage, warum der Bürger sich die Bevormundungen des Sozialstaates gefallen lässt und die selbstbewusste Ausübung seiner Rechte verschenkt, ruft Baader ihm zu: “Weil du träge bist, Bürger, verantwortungslos, und sicherheitsgeil; weil Du ängstlich bist, staatsgläubig und obrigkeitshörig; und weil du neidbehaftet bist, missgünstig und habgierig; weil du, Mann es verlernt hast, ein Mann zu sein, und weil du, Frau, es verlernt hast, eine Frau zu sein, denn Mann und Frau sind füreinander und für ihre Kinder da und nicht für das Kollektiv.” Das sind nicht gerade populäre Auffassungen, aber das alleine beweist natürlich nichts gegen sie. Baader dürfte auch mit seiner Einschätzung richtig liegen, dass die Freiheit nicht mit ideologischen Kompromissen zu gewinnen ist. Echt liberale Positionen müssen wieder selbstbewusst vertreten werden. An die Stelle endloser Rückzugsgefechte gegen die Staatsfans müssen “endlich die liberalen Maximalforderungen zur Rückkehr zum Minimalstaat treten.”

Baader ist also ein Verfechter der Minimalstaats, d.h. der Idee, dass der Staat keine andere Aufgabe haben sollte, als für Sicherheit vor Kriminellen im In- und Ausland zu sorgen. Doch bemerkenswerterweise unternimmt Baader nicht den leisesten Versuch, den Minimalstaat zu rechtfertigen. Ganz im Gegenteil – er gibt sogar jenen Liberalen recht, die noch weitergehen als er selber und selbst diese Staatsaufgaben privatisieren wollen: “Die intellektuelle Redlichkeit gebietet es, den ‚Null-Staat‘- Vertretern zuzugestehen, dass ihr analytisches Instrumentarium einer wissenschaftstheoretischen Feuerprobe besser standhält als das der Minimalstaatler.” Und an anderer Stelle heißt es: “Wir sollten es den stringenten Denkern der ‚Anarcho-Liberalen‘ danken, dass sie uns klarer als alle anderen Denker der Freiheit vor Augen geführt haben, dass es für die menschliche Gesellschaft und ihre nationalen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen letztlich nur eine Alternative gibt: Entweder Staat (= Herrschaft über Menschen) oder Markt (= herrschaftsfreie Kooperation zwischen allen Menschen).” Klarer geht es nicht. Aber warum ist Baader selber dann Minimalstaatler? Weil “ihn sein ideologiekritisches ‚inneres Warnsystem‘ vor allen Formen ‚reiner‘ Problemlösungen noch mehr zurückschrecken lässt als vor einem – zugegebenermaßen – intellektuell recht unbefriedigenden ‚Durchwursteln‘ durch das Systemgehäuse der Gesellschaftstheorie.” Diese Position ist nun wiederum recht populär, aber mir scheint sie sehr unbefriedigend zu sein. Ist “Durchwursteln” denn nicht auch eine gewissermaßen “reine” Problemlösung? Und was bedeutet “Durchwursteln” konkret, wenn man vor die Entscheidung gestellt wird, ob man z.B. eine Privatisierung der Mainzer Polizei oder der Heidelberger Gerichte unterstützt? Muss man dann nicht Farbe bekennen – und sagen “das befürworte ich, weil …” oder “das lehne ich ab, weil …”? Wenn man nun bei dieser Entscheidung nicht der eigenen Vernunft traut, wonach soll man sich dann richten? “Durchwursteln” gibt da keine Antwort.

Dieses Problem mag vielen unwichtig erscheinen, da wir in Deutschland noch einige Lichtjahre von der Privatisierung der Polizei entfernt sind. Baaders Reformvorschläge setzen in der Tat auch ganz woanders an. Er fordert mehr direkte Demokratie und ein freies Geldwesen. Einige seiner Bemerkungen zum Geld lassen das Herz jedes Freundes der Freiheit höher schlagen. So betont er: “Nur Gold ist Geld. Alles andere, also vor allen Dingen jede Form der staatlichen Papierwährung, ist ein Medium des staatlich organisierten Mega-Betrugs.” Doch Baader schließt sich nicht jenen Liberalen an, die die sofortige Einführung der Goldwährung fordern, “weil das erfordern würde, dass alle wichtigen Handelsnationen der Erde sie gleichzeitig einführen”. Warum ist aber eine solche gleichzeitige Einführung erforderlich? Baader bleibt uns eine Antwort auf diese Frage schuldig. Er stellt an dieser entscheidenden Stelle seiner Argumentation lediglich eine Behauptung auf, ohne diese weiter zu begründen. Er wird wahrscheinlich zugeben, dass die technischen Hindernisse eines solchen Vorhabens gering sind. Welches könnten die wirtschaftlichen Hindernisse sein? Dass es zu starken Wechselkursschwankungen mit den Papierwährungen kommen könnte? Aber die gibt es auch heute, und sie haben heute bereits nur dann praktische Bedeutung, wenn die Papiergeldproduzenten (die Zentralbanken) zuviel Papier drucken, d.h. Inflation betreiben. Vor dieser Inflation – inländischer wie ausländischer – schützt die Goldwährung am besten. Außerdem verspricht sie eine verlockende Dividende für die Länder, die sie zuerst einführen. Denn in dem Maße, in dem andere Länder nachziehen, steigt der Goldpreis und die Pionierländer können sich günstig mit Waren aus dem Ausland versorgen.

Wie dem auch sei, am Ende dieses erfrischenden Buches bleibt nur der Wunsch, dass Baader etwas mehr Mut zur Freiheit hätte.

Information

Dieser Artikel entstammt der im März 1998 erschienenen Ausgabe eigentümlich frei Nr. 1 


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