25. September 2013

Bericht „Marsch für das Leben“ 2013

Christliche Abtreibungskritik und linker Vernichtungswille

Für Martin Lohmann sind die massenhaften Abtreibungen in Deutschland und Europa nicht nur eine ethische Randfrage, als die sie in den meisten Medien behandelt werden. Der Chefredakteur des katholischen Fernsehsenders K-TV sieht die ethischen Fundamente einer zivilisierten Gesellschaft schwinden. „Es gibt nichts Kostbareres, als Ja zum Leben zu sagen“, findet der überzeugte Katholik daher beim diesjährigen „Marsch für das Leben“ in Berlin, der nur einen Tag vor der Bundestagswahl stattfand. Lohmanns Bewegung wächst: Nach den Schätzungen der Polizei versammelten sich dieses Jahr rund 4.500 Abtreibungskritiker vor dem Kanzleramt, um mit christlichen Holzkreuzen für die Bejahung des eigenen Kindes zu werben. Das menschliche Leben beginne mit der Verschmelzung von Ei und Samenzelle, argumentieren die meisten Demonstranten.

Doch wer solche Thesen in Deutschland öffentlich vertritt, muss von einem riesigen Polizeiaufgebot vor gewalttätigen Attacken geschützt werden. Denn die zumeist äußerst konservativen Demonstranten sind das Hassobjekt von fanatischen Linksextremisten und Radikalfeministen, die sich in der sogenannten „Antifa“ zusammenrotten. Alljährlich entwenden und zerstören sie die christlichen Holzkreuze, greifen Demonstranten physisch an und stören die Demonstration mit Geschrei und Wurfgeschossen. Einmal schreckten die aufgehetzten „Antifaschisten“ selbst vor der Verbrennung einer Bibel nicht zurück. Mit hassverzerrter Miene und vom Geschrei heiserer Stimme brüllen sie auch diesmal die Demonstranten mitsamt zahlreicher Kinder an: „Hätt Maria abgetrieben, wärt ihr uns erspart geblieben“, „Gebt den Christen ihren Messias zurück – Stück für Stück“ oder „Die Deutschen sterben aus, wir klatschen laut Applaus“ – das gehört zum alljährlichen rhetorischen Standardrepertoire. Doch die Polizei greift selten ein, wenn der Marsch durch die Gegendemonstranten gestört wird. Ist es ihr egal – oder wird ihr durch die Vorgesetzten ein Einschreiten unmöglich gemacht? Als ein linker Fanatiker ein Demonstrationsschild kaputt tritt, sagt ein Berliner Polizist nur mit müdem Sarkasmus: „Oh, du bist `n janz Toller!“ Immerhin: Nachdem manche Religionshasser es zu weit trieben und das grundgesetzlich gegebene Recht auf Versammlungsfreiheit mit Sitzblockaden zerstören wollten, trägt die Polizei ein paar Randalierer zur Seite. Die Journalisten blicken angeekelt auf das Geschehen – doch angeekelt sind die meisten Vertreter der schreibenden und sendenden Zunft nicht etwa von den gewaltbereiten Linksextremisten, sondern von den friedlichen Demonstranten.

Auf einer eigens von den Initiatoren aufgebauten Bühne steht der Kinderarzt Holger Schneider, der in Bezug auf Kinder mit Down-Syndrom fragt: „Was ist so schrecklich an ihnen, dass man ihnen das Recht auf Leben verweigert?“ Vage Befürchtungen der Eltern, so Schneider, würden „dem Lebensrecht eines Menschen übergeordnet“. Zur Untermauerung der Sichtweise, dass diese Krankheit keineswegs ein überzeugender Grund für eine Abtreibung ist, äußert sich ein vom Down-Syndrom betroffenes Mädchen selbst auf der Bühne: „Das Leben ist schön – auch mit Down-Syndrom. Ich bin total froh, auf der Welt zu sein. Das wollte ich euch sagen.“

Ähnlich scheinen es durchaus viele hochrangige CDU-Politiker zu sehen, doch wagen diese es offenbar mit Blick auf den Zeitgeist und auf die Medien nicht, sich durch ihre Anwesenheit beim Marsch offen zu Lohmanns Anliegen zu bekennen. So schicken etwa der Bundesvorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder, und der Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Union, Volker Kauder, bisher nur schriftliche Grußworte an den Marsch. Inzwischen fühlt sich Lohmann von seiner Partei allein gelassen: Nach über 40 Jahren CDU-Mitgliedschaft trat Lohmann aus der Union aus – drei Tage vor der Wahl. Die CDU-Oberen hätten die „für mich als überzeugten Katholiken besonders relevanten Themenfelder aufgegeben“, kritisierte Lohmann. „Hier kann ich entsprechende Wortmeldungen, wie zum Beispiel des ehemaligen CDU- Mitglieds und Vorsitzenden der Partei Alternative für Deutschland (AfD), sehr gut nachvollziehen“, provozierte der frühere Sprecher des CDU-internen Arbeitskreises Engagierter Katholiken (AEK).

Zurück vor dem Kanzleramt. Nachdem Lohmann und seine Unterstützer ihre Argumente und Appelle vorgetragen haben, setzt sich der Marsch in Bewegung, der mehr ein Spießrutenlauf als eine Demonstration ist. Während die Abtreibungskritiker sich ruhig verhalten und ihre Kreuze in die Höhe halten, zeugen Parolen und Aggressivität der Gegendemonstranten von purem Vernichtungswillen und Lust am Sadismus. „Wir sind die Perversen, wir sind euch auf den Fersen“ und „Wir sind unserem Motto treu – queer, pervers und arbeitsscheu“, brüllen die jungen Männer und Frauen immer wieder.

Die meisten zufällig anwesenden Passanten scheinen den abtreibungskritischen Marsch und seine Positionen eher kritisch zu sehen, doch die linken Gegendemonstranten werden als noch schlimmer empfunden. „Ob Hölle, ob Himmel – Hauptsache, zwei Pimmel!“, brüllt ein offenbar verwirrter Basecap-Träger. „Na, beweis doch mal – zieh Hose runter!“, repliziert ein Currybudenbetreiber mit gekonnter Ironie. „Von euch will doch eh niemand Kinder!“, ruft nun auch ein Mann in mittlerem Alter zu den linken Extremisten. Zwischen den Schildern und erhobenen Mittelfingern der Linksextremisten mischen sich Flaggen der Linkspartei und des „Humanistischen Verbands Deutschland“. Der Landesvorstand der Berliner Linkspartei unterstützte im Vorfeld des Marsches offiziell den Aufruf des „Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung“, der die Demonstranten pauschal als „christliche Fundamentalisten“ verunglimpft, obwohl dort auch Agnostiker mitlaufen. Über den alljährlichen Terror der linksextremen Gewalttäter verliert der Aufruf indessen kein Wort.

Inzwischen machte das ebenfalls linksradikale Bündnis „What the fuck“ unmittelbar vor dem Marsch keinen Hehl aus seinen Absichten. Eine Bündnis-Unterstützerin äußerte sich gegenüber der linken „taz“ unmissverständlich: „Wir sagen den Leuten, die an den Gegenprotesten teilnehmen, immer: Passt auf, mit diesen Kreuzen kann man auch ganz schön ausholen!“ Für die „taz“ war das offenbar kein Grund zu einer kritischen Nachfrage – das Interview endet an dieser Stelle. Mehr noch: Die Überschrift des Artikels macht deutlich, wem die Sympathien jenes Blattes gehören, das Andersdenkende auch schon mal als „zuckende Menschenkarikaturen“ bezeichnet: „Abtreibungsgegner wegglitzern“, heißt es dort. Andere Medien wie die „Evangelische Presse-Agentur“ oder die „BILD Berlin“ beziehen Stellung, indem sie nur von 1.000 beziehungsweise 1.800 Abtreibungskritikern sprechen, obwohl selbst die Polizei von rund 4.500 sprach.

Schließlich sind die Abtreibungskritiker am Ziel ihres Marsches angekommen – direkt vor dem Berliner Dom, der es den Demonstranten verweigerte, sich nach dem Marsch zu einem ökumenischen Gottesdienst zu treffen. Die goldenen beiden Giebelinschriften, die auf dem Dom neben der Heilandsfigur zu sehen sind, passen zum Tage und lassen die Gegendemonstranten an diesem Samstag plötzlich so klein und erbärmlich erscheinen: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matthäus 28, 20) und „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat“ (1. Johannesbrief 5, 4).

Link:

Video vom Marsch


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