25. Oktober 2013

Populismus „Hau ab, du stinkst! Wir wollen ungestört regieren!“

Über ein politpsychopharmakologisches Sedativum

Mit politischen Kampfbegriffen, auch bekannt als Wadenbeißer-Vokabeln oder Pitbull-Termini zur Diskreditierung von Positionen, die sich mit politisch erwünschten Meinungsmengen einfach nicht zur Deckung bringen lassen wollen, verhält es sich wie mit dem ungedeckten Papiergeld: Druckt man sie zu oft, entwertet man sie. Sie geraten dadurch eventuell sogar zur Lachnummer, werden dann von Legionen von Kabarettisten ausführlich und genüsslich demontiert, werden zum Objekt von Hohn und Spott.

„Populismus“ ist eine dieser verbalen Streubomben, die heuer hyperinflationär und flächendeckend über der Meinungslandschaft abgeworfen werden. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendjemand eine „populistische“ Ansicht vertrat, irgendeine Partei „populistisch“ agierte und Zeitungsleser sowie TV-Hypnoseopfer mit diesem Begriff dauerbombardiert werden.

Und das, obwohl er in den meisten Fällen eigentlich nicht viel Sinn ergibt. Er wird mittlerweile in einer Häufigkeit, oft auch Gedankenlosigkeit verwendet, dass man sich fragen muss, ob Deutschland eigentlich nur noch von Eliten bewohnt wird. Denn sowas wie ein „Volk“ scheint es nicht mehr zu geben. Alle sind plötzlich Intellektuelle – auf Facebook, Twitter, Google+ und den diversen anderen Netzwerken, in Zeitungen und deren zahlreichen Imitaten, in der Glotze, dort vor allem im unproduktiven Dauertalk, im Kulturradio, in den Parlamenten, kurz, überall ist „Populismus“ der letzte Schrei gegen Einbrüche unangenehmer Lebenswirklichkeiten in politische Wolkenkuckucksheime. Er ist immer negativ konnotiert, wird in abfälliger, abwertender Weise gebraucht.

Wer will schon „populistisch“ sein? Populismus, pfui, das riecht ja nach fettigen, übersalzenen Pommes mit Mayo, nach Currywurst mit Bier, nach eingetrocknetem Urin an der Bushaltestelle, nach verpupsten U-Bahn-Kabinen, nach Maggi-Würze und Fußballrowdy-Männerschweiß, das wird zumeist assoziiert mit Begriffen und Vorstellungen wie „niedergeistig“, „stammtischhaft“, „völkisch-dumpf“, „undifferenziert“, „kein Abschlusszeugnis in einem geistes- oder sozialwissenschaftlichen Studienfach!“, „steuersklavenaufständisch-renitent“, „primitiv“, „anti-ideologisch“, „Stimmvieh-Geblöke“, „Maul halten und gehorchen“, „Du tust gefälligst, was deine Führer sagen!“.

Das ist auch schon der ganze Trick. Wer „populistisch“ argumentiert, gehört nicht zum Club der Höhergeistigen, der Auserwählten, der ist nur Fußsoldat, geistiger Infanterist, der rangiert zwischen einem lobotomierten Schundromankäufer, einer grell überschminkten Parfümerie-Angestellten und einem Landstreicher. Der wird nie im Lustgarten der Hirnaristokratie wandeln, derjenigen, die alles besser wissen, können und machen, die nie falsch abbiegen würden, in deren Wortschatz Formulierungen wie „Ich weiß es nicht“ oder „Ich habe mich geirrt“ oder gar „Entschuldigung!“ nicht vorkommen, die hinterher immer so schlau sind wie schon vorher nicht. Die Rede ist also von Politfunktionären und Qualitätsjournalisten, oder kurz, Populismus-Experten. In ihre Ränge wird das niedere Volk nie aufsteigen. Richtig?

Nö. Völlig falsch. Denn das „Volk“ setzt sich schließlich nicht nur aus Halbidioten zusammen, wie die bezeichnenderweise gerade in Zeiten wachsenden bürgerlichen Widerwillens, womöglich gar drohenden zivilen Ungehorsams gegen realitätsabweisend-autistisches politisches Agieren in auffällig verzweifelter Häufigkeit verwendete Zeterzote „Populismus“ der Wählerschaft einzutrichtern versucht, sondern auch aus so manchen Vertretern durchaus angesehener Berufe, aus Menschen, die sehr genau wissen, was sie wollen und wovon sie reden. Volkszugehörigkeit ist noch lange kein Beweis für rein instinktgetriebenes Dasein, für eine Existenz in bodennahen Nebelschwaden aus Ressentimentismus, Dummheit und Dumpfheit, Inkompetenz, Ahnungslosigkeit, Dilettantismus und mangelndem „Differenzierungsvermögen“ – auch wenn das in noch so vielen Glossen, Kolumnen, Kommentaren und Leithammelartikeln unablässig nachgekräht wird, kikeriki.

Woher will man eigentlich wissen, ob eine bestimmte Ansicht „populistisch“ ist? Nicht nur theoretisch, sondern ganz praktisch müsste man das gesamte Land abklappern und jeden auf dem Staatsgebiet der BRD lebenden Menschen ausführlich interviewen, um auf der dadurch gewonnenen empirischen Datenbasis ein solches Urteil überhaupt fällen zu dürfen beziehungsweise in die Nähe der Berechtigung zu gelangen, behaupten zu dürfen, man wisse, was ein Großteil, vielleicht sogar die Mehrheit der Deutschen denke und von welchen Motiven sie getrieben würden.

So ein Unsinn. Du hast wohl noch nie was von repräsentativen Umfragen gehört, wie?

Moment. Meinen wir solche repräsentativen Umfragen, in denen ein ranghoher Staatsbediensteter sich an einen Bekannten/Freund in einem politisch nahestehenden Meinungsforschungsinstitut wendet mit der Bitte, mittels geschickt formulierter Suggestivfragen die möglichen Antworten auf die meist geringe Zahl der politisch erwünschten einzudampfen? Meinen wir solche objektiven, unabhängigen, neutralen, repräsentativen My-ass-Umfragen? Wie oft hat sich in der Vergangenheit bereits erwiesen, dass sich schon durch die Formulierung der Fragen das Ergebnis beeinflussen lässt? Und wie oft durfte man über „repräsentative“ politische Liebedienerei seitens mancher Meinungsforschungs- beziehungsweise -fälschungsinstitute lesen?

Ein kleines Extrembeispiel (dem man in der Realität so nie begegnen wird, es dient nur der Verdeutlichung qua Überspitzung): Statt neutral zu fragen „Was halten Sie vom Euro?“, genügt schon eine Frage wie „Sind Sie etwa der Meinung, der Euro sei schlecht für Europa!?“, um dem Befragten deutlich zu machen, er solle sich seine Antwort lieber sehr genau überlegen – oder möchten Sie etwa anecken? Vertreten Sie etwa eine nonkonforme Meinung? Müssen wir Sie etwa in die Obhut eines Euro-politischen Integrationsbeauftragten geben? Und warum zum Henker haben Sie heute morgen ihre Borg-Implantate nicht eingesteckt?

Selbstverständlich können „repräsentative“ Umfragen auch der Meinungssteuerung und manipulation dienen, vor allem bei Themen, die der Führungsriege lieb und teuer sind. Sie lassen sich missbrauchen als Appell an den Herdentrieb, ans Kollektiv- und Cliquendenken. Gerade in der Massendemokratie. Na, wenn so viele Menschen dieser Meinung sind, bin ich‘s eben auch. Das ist freilich kein ausschließlich politisches Phänomen. Man kennt es auch von vielen anderen Gebieten, zum Beispiel: „Wenn über vier Millionen Zuschauer diesen Film bereits gesehen haben, kann er ja nicht so schlecht sein.“ Doch, kann er. Quantität ist nicht immer auch Garant für Qualität. Ich bin schon wahnsinnig gespannt auf die Veröffentlichung derjenigen Studie, der zufolge jeder zweite Deutsche sich in Populismus suhlt.

Dann gibt es natürlich noch die Steigerungsform, quasi das Hollywood-Sequel zum Populismus, noch aufwendiger produziert, noch effektprotzender, noch mitreißender: „Rechtspopulismus“. Denn wenn niemand mehr „populistisch“ sein, also dem Volk angehören will, dann erst recht keinem rechten Volk.

Nun legte auch Bundespräsident Joachim Gauck die Lieblingsschallplatte, den derzeitigen Nummer-eins-Hit der Neusprech-Hitparade auf und warf der AfD vor, sie bediene „populistische“ Positionen, natürlich ohne dafür auch nur den allerkleinsten Nachweis zu erbringen. Woher weiß er denn nun so genau um den „populistischen“ Charakter der Partei? Naja, er ist halt Bundespräsident. Der kommt viel rum, der kennt sich aus. Er sei froh darüber, dass die Partei bei der letzten Bundestagswahl den Einzug nicht schaffte. Herr Lucke soll bereits über rechtliche Schritte nachdenken, da der Herr Präsident seiner Meinung nach seine Neutralitätspflicht verletzt habe. Darf ich Ihnen einen Rat geben, Herr Professor? Tun Sie das bloß nicht. Ganz egal, ob Sie damit nun recht haben oder nicht – man wird Ihnen dafür höchstwahrscheinlich Pedanterie vorwerfen, Engstirnigkeit, politische Verbissenheit, Kleinmeierei. Es wird ein gefundenes Fressen für die Meute sein, die auf solche Gelegenheiten ja fieberhaft wartet. Nehmen Sie es daher lieber mit Humor, denn der ist eigentlich immer die stärkere Waffe. Schenken Sie Herrn Gauck und jedem, der willenlos mit diesem lächerlichen abkanzelamtlichen Begriff zur polit- und pressepsychopharmakologischen Sedierung der Durchregierten um sich wirft, einfach eine CD-Single der „Ärzte“. Titelvorschlag: „Lasse reden“. Oder eine von Blümchen: „Gib mir noch Zeit“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Axel B.C. Krauss

Über Axel B.C. Krauss

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige