19. November 2013

Kritischer Rationalismus und Österreichische Schule Die Welt als Illusion

Die alten Wiener dachten anders

Der Begriff des Kritischen Rationalismus wurde von Karl Popper geprägt, fand 1944 in seinem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ seine sozialphilosophische Taufe und mündete bald in eine über Jahre anhaltende Auseinandersetzung zur wissenschaftlichen Methodik und zur Erkenntnistheorie.

Im Staube des verendeten nationalsozialistischen Deutschlands, dessen Wurzeln auch in das Nachkriegsdeutschland trieben, fand der Kritische Rationalismus seine Anwendung vor allem im Gesellschaftlichen – in der Soziologie – über die Sozialpädagogik seine bedeutungsvolle und nachhaltige Wirkung.

Aus dem vorgedachten kritischen Realismus, demzufolge die Welt durch eine individuelle menschliche Wahrnehmung durch die Sinnesorgane in Verbindung mit Gehirnprozessen jedem Menschen anders erscheinen mag (zum Beispiel auch selektive Wahrnehmung) und aus Poppers Regressionsthese – das gesellschaftliche Trauma der Menschheit durch den Übergang der Stammes- oder geschlossenen Gesellschaft (Sippe) in die moderne offene Gesellschaft – bildete die allgemein anerkannte „Erkenntnis“, dass wir in einer totalitären Tradition leben, den Startschuss für ein Betätigungsfeld im Gemenge der 68er-Bewegung.
Der neue Befehl für die Sozialpädagogen hieß: Erkennen und analysieren wir die Strukturen dieser barbarischen, totalitären menschlichen und gesellschaftlichen Überbleibsel und lösen sie auf. Der Marsch durch die Institutionen, Rudi Dutschkes Parole, war vielleicht schon durch die Wortwahl („Marsch“) ein Anzeichen dafür, wie durchschlagend dieses verabscheute totalitäre Menschenbild doch auch trotz dieser hehren Absicht sich behaupten sollte.
Wir spüren das in Unmengen teils widersinniger Gesetze, Vorschriften und Erlässe, heutzutage vor allem durch die Brüsseler Politik.

Vielleicht hätte man zunächst, ein jeder für sich, durch die Psychoanalyse Sigmund Freuds marschieren sollen. Der übrigens fand einen inspirierenden Ansatz für sein Werk durch einen geistigen Freund Poppers: Arthur Schopenhauer mit seinem Lebenswerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“.

Gleich war den beiden Philosophen Popper und Schopenhauer die Erkenntnis, dass man der Wahrheit nie gewiss sein könne.

Schopenhauer fand, dass jeder wissenschaftlichen Arbeit und Forschung ihre Grenze in der Messbarkeit und Berechenbarkeit der wahrgenommenen (vorgestellten) Realität (Objekte) gegeben ist, da die Erschaffung der Dinge durch ein Bewusstsein, besser durch eine Bewusstheit (geistiger oder energetischer Natur) geschah. Dieser geistige oder religiöse Ansatz kann wissenschaftlich nicht bearbeitet werden. Popper begnügte sich dagegen mit der bescheidenen Erkenntnis, dass dem wohl so sei. Ihm ging es um den wissenschaftlichen methodischen Ansatz.

Karl Poppers Kritischer Rationalismus setzt auf den gesunden Menschenverstand und geht davon aus, dass jeder Mensch irren kann, also auch ein Wissenschaftler. Jede wissenschaftliche Theorie und Behauptung muss sich deshalb stets der kritischen Hinterfragung stellen, im Hinblick auf eine Problemlösung, die sich im methodischen Sinne auch durch Versuch und Irrtum der Wahrheit annähert. Wissenschaft darf nicht dogmatisch sein.

Einsteins Relativitätstheorie wird gerne als Beispiel angeführt, da er eine gegen das Newtonsche Weltbild erdachte Theorie aufstellte und Newton teilweise widerlegte. Nichts Ungewöhnliches eigentlich; lange Zeit dachten Menschen, die Erde sei eine Scheibe mit unten und oben – Pech für die da unten.

Soziologisch betrachtet blieb Poppers Erkenntnis in den Anfängen der 68er-Entwicklungsphase hängen. Die oben genannten menschlichen und gesellschaftlichen totalitären Muster wurden wohl schlecht analysiert und eine ständige Überprüfung hinsichtlich der Problemlösung scheint nicht gereift, vielleicht auch überhaupt nur schwer möglich. Gereift ist wahrscheinlich lediglich die Vorstellung der Schaffung eines neuen Menschen und einer neuen Gesellschaft. Nach der Überzeugung weniger soll ein menschliches Konstrukt nach ihrer Vorstellung entstehen. Zwar können sie durch Gesetze und Bestimmungen (Zwang) und natürlich auch durch gezielte erzieherische Maßnahmen (Manipulation) das Verhalten von Menschen beeinflussen, gar befehlen, aber damit noch lange nicht ihr Sein.

Die Menschen handeln zwar danach, wenn sie meinen, es zu müssen, aber sie sind das nicht. Sie denken oder fühlen doch nicht so.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek sprach in Anlehnung an den Glauben, gewisse gesellschaftliche, hauptsächlich wirtschaftliche Verhaltens- und Denkweisen planen und vernünftig konstruieren zu können, von einer verhängnisvollen Anmaßung!

Die Ethnologin Ellen Kattner meint dazu, Veränderung vollziehe sich durch einen ewig fortwährenden, täglich neu auszuhandelnden Prozess innerhalb der Gesellschaft. Mir fällt dazu auch der so genannte Generationskonflikt ein. Es ist wohl eine kultur-evolutionäre Weise zwischen Tradition und Innovation und weniger ein planwirtschaftlich gestaltbarer Vorgang von oben herunter.

Wie auch immer, die Vorstellung eines konstruierbaren Menschen sowie ganzer Gesellschaften, nach immer enger gestaltetem Denken und Verhalten, mittlerweile zur sozialistischen Idee mutiert, passt nicht mehr zu Poppers Kritischem Rationalismus, setzt dieser doch die Gedankenfreiheit voraus. Und natürlich hätte er – gerade hier – aufklärend zu wirken.

Während auf der pädagogischen Ebene eine ungünstige Entwicklung entstand, waren auf einer anderen Ebene, im gesellschaftlichen Teilbereich des wirtschaftlichen Handelns – der Volkswirtschaft – von vornherein die Weichen gestellt.

Eine moderne Auffassung von Liberalismus, über die Historie der Industrialisierung und der Entwicklung des Bürgertums heraus entstanden, fand die dritte Entwicklungsstufe der Aufklärung ihren wirtschaftswissenschaftlichen Niederschlag im Nachkriegsdeutschland im sogenannten Ordoliberalismus (Hero Moeller) der Freiburger Schule der Nationalökonomie (Walter Eucken). Ein staatlicher Ordnungsrahmen sollte sowohl wirtschaftlichen Wettbewerb als auch die Freiheit von Bürgern in einem weitestgehend freien Markt garantieren. Das nennt man auch „soziale Marktwirtschaft“. Man darf darüber nachdenken, ob aus einer sozialen Marktwirtschaft irgendwann einmal eine sozialistische Planwirtschaft werden könnte oder vielleicht sogar müsste, falls nicht bereits geschehen – die Richtung passt jedenfalls.

In Freiburg verbrachte übrigens erwähnter F. A. von Hayek seinen lehramtlichen Lebensabend als Wirtschaftsprofessor und gestattete einem interessierten und begabten Schüler die seltene Gelegenheit, seine Diplomarbeit bei ihm zu schreiben. Dieser Schüler kritisierte später aus klassisch-liberaler Tradition heraus, auch im kritischen Sinne Poppers, wenngleich auf der grundsätzlichen Annahme immer geltender Gesetze der Ökonomie, den Wohlfahrtsstaat auf das Heftigste – Roland Baader aus Kirrlach.

Die Weichen für die wirtschaftliche Entwicklung waren aber nicht nur durch den Ordoliberalismus an sich gestellt, sondern vor allem auch durch ein Finanzwesen, im Wesentlichen durch ein monetäres Geldsystem, das kurz vor Kriegsende 1944 im Bretton-Woods-Abkommen bestimmt wurde. Die Siegermächte entschieden zwar, dass Deutschland ein freiheitliches Land werden sollte mit einer (freien) Marktwirtschaft – stand doch immerhin die Frage eines sozialistischen, leninistischen Staatsgebildes zur Debatte –, aber geflissentlich übergeht der Zeitgeist die Entscheidungen und Meinungen großer, bedeutender Männer still und heimlich. Vergessen wir auch nicht, dass der Sozialismus gerade in Deutschland, in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, fast apokalyptische Züge annahm und leider auch seinen Beitrag zu Hitlerdeutschland stellte.

Und so sehr eine sozialistische Gesinnung in öffentlicher Diskussion allgemein auch verneint werden mag – ich erinnere mich an meine Schulzeit, als ich den Ausspruch hörte: „Lieber tot als rot“ –, so sehr schlich dieser Sozialismus zunächst scheinbar ganz unbemerkt in unser aller Leben ein. Und zwar mit Hilfe eben dieses Geldsystems. Ein Geldwesen, das mit (moderner) wirtschaftswissenschaftlicher Bestätigung und akademischen Ehren die Illusion der Machbarkeit fast aller politischen Versprechungen anpreist, durch eine scheinbar unendlich mögliche Geldvermehrung; ein jährlich ein bis zweiprozentiges stetes Geldmengenwachstum soll ein finanz- und fiskalpolitisch gelenktes Wirtschaftswachstum garantieren und uns alle so in ein biblisch anmutendes Paradies führen.

Wir nennen die dahinter stehende wirtschaftstheoretische Position auch „Keynesianismus“.
Im Geiste von Sir John Maynard Keynes lehren noch heute Professoren an unseren Universitäten Volkswirtschaftslehre. Dies auch an einer deutschen Universität, die Karl Poppers Kritischen Rationalismus zur gedanklichen Maxime erklärt hat. Und das, obwohl durch Milton Friedman, aber vor allem auch durch die Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, allen voran durch Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek diese Lehre als widerlegt gilt! Hayek erhielt 1974 für sein Lebenswerk, hauptsächlich für „Preise und Produktion“, den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.

Gregor Hochreiter beschreibt in seinem Buch „Krankes Geld, kranke Welt“ die Auswirkungen eines unvernünftigen Geldwesens auf den Menschen und auf die Gesellschaft durch den moralischen Verfall unseres kulturellen, christlichen und humanistischen Erbes (Moral Hazard). Und er beschreibt auch volkswirtschaftlich die Wirkungsweise dieses Geldsystems nach der Keynesschen Theorie der staatlich induzierten Nachfragepolitik.
Etwas ausführlicher erklärt Ludwig von Mises bereits 1912 in seinem Standardwerk „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ ab Seite 415 seine Konjunkturtheorie zum Zirkulationskredit. Damit meint er den Bankkredit, der die Erschaffung von Geld aus dem Nichts (Fiat Money) per Knopfdruck bedeutet, der neues Geld also durch einen Buchungssatz (Kreditkonto an Girokonto) schöpft.

Die maßgeblichen Systemschrauben dieses Finanzwesens sind die Manipulation des Zinses und das Teil-, inzwischen Mindestreservesystem der Banken (Fractional Reserve System bei der amerikanischen Fed). Alles in allem führt diese volkwirtschaftliche Theorie zu einer Fehlleitung von Ressourcen und verführt zu unnützer Arbeit sowie dem Kaufkraftverlust unserer Ersparnisse. Überschuldung führt schließlich in die Pleitefalle mit den entsprechenden Folgen für Staat und Gesellschaft.

Die wirtschaftstheoretischen Ausführungen von Mises sind selbstverständlich noch heute korrekt und aktuell. Mag auch beispielsweise der Begriff des „Zirkulationskredits“ nicht mehr benutzt werden – wir sprechen heute schlicht von einem „Bankkredit“ –, so ändert das an der Sache und Bedeutung nichts. „Zirkulationskredit“ bedeutet, dass das Geld wieder zur Bank zurück fließt und damit aus der Umlaufmenge auch wieder ausscheidet, sollte aber von anderen Geldarten als nicht gedecktes Geld unterschieden werden. Genau darin liegt nämlich seine spezifische konjunkturelle Bedeutung.

Überhaupt waren Sprache und theoretische Ausführungen in der Österreichischen Schule der Nationalökonomie (Wiener Schule) detaillierter und genauer und gerade durch diese dezidierte Betrachtung und Untersuchung letztlich exakter als heute, was für den Erkenntnisgewinn selbst entscheidend sein kann; dies gilt jedenfalls für die volkswirtschaftlichen Grundlagen. Und insgesamt betrachtet bietet die wirtschaftwissenschaftliche Abhandlung der Wiener Schule ein in sich vollständiges und schlüssiges Gebilde, das sich gesamtgesellschaftlich, vor allem eben auch in Bezug auf unsere allgemeinen ethischen Maßstäbe hin, homogen einfügt.
Das bietet keine der anderen Schulen dieser Welt.

Zuletzt:
Noch gravierender als die vergessene Auseinandersetzung auf wirtschaftswissenschaftlicher Basis über unsere Finanzwelt und als die Hinweise von Hochreiter auf den sittlichen Verfall ist die Tatsache, die mir wieder und wieder keynesianisch ausgebildete Volkswirte erklären: Das System kann wahrscheinlich ewig beibehalten werden, sofern die Menschheit sich nicht dagegen wehrt. Aber: Es muss logischerweise immer wieder irgendeine Form von Währungsreform durchgeführt werden (Inflationspolitik), und wir haben letztendlich ein gewaltiges Problem auf dieser Welt: Wir sind einfach zu viele Menschen, wir kriegen nicht alle satt – wir brauchen deshalb immer wieder einen Krieg!
Das ist das schäbige Geheimnis der Keynesianer.

Die Vorstellung, dass sich diese akademische Denkweise mit einer entsprechenden beruflichen Machtposition paart, lässt den Nebel der Verwunderung über so viel menschliches Elend, Ungerechtigkeit und Krieg in dieser Welt schwinden und öffnet dem Verstehen aus einer ganz bestimmten Denke heraus einen neuen, klärenden Blick.
Die USA vor allem führen uns dies seit nahezu 100 Jahren stets vor Augen.
Vor genau 100 Jahren, im Dezember 1913, erschlich eine kleine Gruppe von Gleichgesinnten das Geldmonopol aus den Händen des amerikanischen Präsidenten. Eine private Notenbank, die Fed, entstand und schuf bei Bretton Woods 1944 mit dem Gold-Devisen-Standard (US-Dollar-Standard) dieses inflationäre Geldwesen mit dem einen Zweck, sich selbst größtmöglichen Gewinn und Macht weltweit zu schaffen. Sir Keynes stand in Bretton Woods monetär Pate.

Mit der Gründung der Fed entwickelte sich in den USA eine Branche sehr schnell zur neuen Hoheit des Landes – die Rüstungsindustrie. Geld war durch das Teilreservesystem (Federal Reserve System) nie mehr ein Problem. Wirtschaftlicher Aufschwung und nachlassende Arbeitslosenzahlen schürten ihren ruhmvollen Beitrag zur gesamtwirtschaftlichen Wohlstandsmehrung!
Aber was macht eine Firma, wenn ihre Lager durch Völle platzen? Und wenn der Unternehmer unbedingt Unmengen an weiteren Zukäufen oder an weiterer Produktion wünscht? Da bleibt nur, die Lager zu vergrößern, oder die Bestände abzubauen.
Aber wie baut man ein Lager, gefüllt mit Panzern und sonstigem Kriegsmaterial, eigentlich ab?
Solche betriebs- und volkswirtschaftlichen Probleme verlangen nach vielen Helfern, die nicht alleine nur im Kanon der Wirtschaftswissenschaften singen – da muss jeder mitmachen. Ob Journalist, Pädagoge, Politiker; jede Hilfe ist willkommen – wir zahlen gut.

Die Funktionen des Geldes sind positiv, das Wesen des Geldes ist neutral, die Möglichkeiten von Geld in den falschen Händen aber sind verheerend.

Vielleicht liegt ein Grund für das Niederreißen der Österreichischen Schule der Nationalökonomie auch hier. Die alten Wiener dachten eben anders.

Pädagogen und sonstige Wirtschaftswissenschaftler lenken auch heute unsere gesellschaftlichen Weichen (und all unsere Weichteile) in eine „Schöne, neue Welt“. Und der Zug, der rollt endlos weiter.

In Ehren Sir Karl.


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Autor

Jürgen Dicker

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