06. Dezember 2013

Unter Männern Katholischer Libertarismus?

Über christlichen Glauben und Freiheit

Am vergangenen Wochenende hatte ich die Freude und Ehre, als Gast an einem Einkehrwochenende des OMCT Tempelritterordens in Maria Laach teilnehmen zu dürfen. Ein Freund, der Journalist Klaus Kelle, hatte mich eingeladen und gleichzeitig gebeten, ob ich nicht einen Vortrag halten könnte. Natürlich habe ich gerne angenommen (nachdem ich diverse Einladungen bislang aufgrund des Zeit- und Reiseaufwands ablehnen musste) und auch gleich ein Thema parat gehabt: Christlicher Glaube und Libertarismus – oder „Christlicher Libertarismus“, wie ich die Themenstellung für mich interpretiert habe.

Leider konnte ich auch diesmal nicht am gesamten Wochenende teilnehmen, bin erst am Freitag Nachmittag angereist, sodass mir Vorträge zum „Geistigen Geleit in moderner Zeit“, zum Thema Sterbehilfe und einen historischen Beitrag unter dem Titel „Karl Martell – der Feldherr, der das Abendland rettete“ entgangen sind. Insbesondere um den letzteren Vortrag tut es mir leid, da ich in der Schule zur Riege derjenigen gehörte, die Geschichte langweilig fanden und heute unter meiner historischen Unkenntnis leide. Munter war aber in jedem Fall die Diskussionsrunde in einem Vortrag von Klaus Kelle zur Macht der Medien, den er mit der These einleitete, die Macht der Medien bestünde nicht darin, Themen zu setzen sondern bestehende Stimmungen im Land zu verstärken oder zu dämpfen. In Anbetracht der daraus resultierenden Diskussionsbeiträge wurde mir schnell deutlich, dass ich meinen auf 45 Minuten für den Samstag geplanten Vortrag in der vorgesehenen Form sicher nicht würde durchziehen können. Während es aber durchaus widersprüchliche Meinungen zum Thema Medienmacht (wie auch am kommenden Tag zum Thema Libertarismus) gab, wurde mir eines auch schnell klar: Hier bin ich richtig! Unterschiedlichste Charaktere unterschiedlichen Alters und Hintergrunds – aber eine Grundeinstellung: Gott ist eine Realität in unserem Leben! Und eine Sendung: Diese Gesellschaft braucht „geistlichen Geleitschutz“, wie die Pilger des Mittelalters den militärischen Geleitschutz der damaligen Tempelritter benötigten. Sind diese Grundlagen erst mal geklärt, stellt man fest, dass die Menschen um einen herum neben der horizontalen auch eine vertikale Dimension in ihr Leben integrieren, dann ist man sich auch unter mehr oder weniger konservativen oder progressiven Katholiken, Protestanten und Freikirchlern (der OMCT ist ein ökumenischer Orden) mit unterschiedlichen Ansichten nicht mehr feind und kann sich auf die Suche nach Einsichten des anderen begeben, die einen selbst bereichern. Was ich damit sagen will: Eine solche Versammlung von Männern, die ganz offen über tiefe und persönliche Glaubenserlebnisse sprechen, den Gottesdienst besuchen, die lateinische Vesper und Komplet mit den Patres der Benediktiner beten und gleichzeitig dem abendlichen verlängerten Dämmerschoppen sowenig abgeneigt sind wie – bei Einzelnen – dem Zigarrengenuss, trifft man selten. Umso mehr freue ich mich im Nachgang darüber, dass ich dabei sein durfte!

Mein Vortrag, nach langem Abend und frühem Frühstück und Adventsmesse, verlief dann auch in etwa so, wie ich mir das nach dem Erlebnis des Vortages gedacht habe: Eine muntere Diskussion darüber, ob denn eine libertäre Gesellschaft funktionieren könne, ob Libertarismus nicht eine Utopie, in diesem Sinne nicht unähnlich dem Sozialismus, sei, welche gesetzlichen Rahmenbedingungen notwendig seien, um einen Rechtsstaat aufrecht zu erhalten … Der geschulte Libertäre wird auf die Fragen sicher Antworten haben, aber ob diese Antworten auch ankommen oder nicht eher den Eindruck des universitären Konstrukts bestätigen würden? Und ob es nicht besser ist, die anstehenden Fragen erst mal sacken zu lassen, statt auf die Schnelle eine Antwort zu geben. Mein Plädoyer, dass ich christlicher Glaube und Libertarismus ergänzen, wurde durchaus wohlwollend aufgenommen – allein, es fehlt der Glaube an die Umsetzbarkeit!

Interessant war aber der Bewusstseinswandel und die Bereitwilligkeit dazu, sich mit einem Gedankenmodell auseinanderzusetzen: Angesichts eines Nanny-Staates nicht die Frage zu stellen, welche Einzelregelungen unnötig oder gar schädlich sein könnten, sondern zu fragen, welche Aufgaben ein Staat, ausgehend von Null, zwingend erfüllen sollte. Möglicherweise hat auch das, diese Bereitwilligkeit, sich auf den Gedanken eines Minimalstaates, wenn schon nicht einer Privatrechtsgesellschaft, einzulassen, den Staat und seine Einflussmöglichkeiten skeptisch bis kritisch zu sehen und sich auf den eigenen Kopf und Gott zu verlassen, seinen tieferen Grund im Glauben an Gott. Der Gedanke, dass Christen die besseren Menschen seien, wurde ebenso abgelehnt wie der Gedanke, dass ein Nichtglaubender ein Egoist sein müsse – dennoch erschien der „ideale libertäre Staat“ noch am ehesten mit dem „idealen Christen“ umsetzbar, der bei Wegfall staatlicher Kontrolle und Sozialengagements nicht zum Egomanen wird. Die christliche Prägung, die auch ein Nichtglaubender in unseren Breiten in sich trägt, wurde insofern als konstituierend für die Möglichkeit größerer Freiheit gesehen, als es sich dabei um eine einheitliche Kultur handelte. Andersherum: Ob eine Gesellschaft ohne staatliches Reglement und gleichzeitig ohne einheitlichen kulturellen Hintergrund funktionieren könnte, wurde heftig bezweifelt – Multikulti letztlich als Hinderungsgrund der wirklichen Freiheit!

Ein libertäres Experiment würde man, so viel war klar, aus diesem Grund auch eher mit gebührendem Abstand beobachten wollen, sind doch Zweifel angebracht, ob ein rascher Übergang vom Nanny-Staat zur libertären Gesellschaftsform wirklich zu einem Hort des Friedens und der Freiheit führen könnte oder nicht eher Mord und Totschlag provozierte. Man bedenke: Da saßen christliche Männer, sicher gesegnet mit einem Glauben an das Gute im Menschen, denen aber doch das Vertrauen daran abgeht, das eine Freiheit ohne jeden staatlichen Einfluss zu einer gerechten Gesellschaft führen würde. Vielleicht, und man muss eben nicht auf jede Frage und Infragestellung direkt eine Antwort haben, sind Zweifel in der Tat angebracht. Andererseits hoffe ich, mit dem Vortrag doch ein kleines Samenkorn in die Köpfe der Teilnehmer – wenn noch nicht vorhanden – gesetzt zu haben: den Staat nicht von oben her runter zu denken (Welche staatliche Aktivität ist überflüssig?) sondern von unten her zu definieren (Welche Aufgabe sollte sinnvollerweise von einer staatlichen Gewalt ausgeführt oder gesteuert werden?)

Zu einer Betrachtung aktueller kirchlicher Themen, wie dem apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium, in dem man durchaus gelinde gesagt kapitalismuskritische Aussagen findet, bin ich aus Zeitgründen leider ebenso wenig gekommen wie zu meiner These, dass es nach der Glaubensvergewisserung unter Benedikt XVI. und dem Evangelisierungsschwerpunkt unter Franziskus eines Tages zu einem Pontifikat des Glaubens und der Freiheit unter einem Papst Thomas (vom Heiligen Thomas von Aquin soll der Satz stammen, Steuern seien legalisierter Raub) kommen wird. Die Kernaussagen sind aber hoffentlich angekommen und die Rückmeldungen bestärken mich in der Einschätzung, dass der eine oder andere nachdenklich geworden ist.

Als Christ ist man, was die persönliche Freiheit angeht und den Einfluss des Staates auf die Gesellschaft in Themen, aus denen er sich abseits seiner Kernaufgaben raushalten sollte, hoffentlich ohnehin mit einem kritischen Blick ausgestattet. Unter den anwesenden Männern konnte ich – nicht nur bei meinem Thema sondern auch in anderen Gesprächen – diesen gesunden kritischen Blick auch durchgängig erleben. So bin ich weiterhin davon überzeugt: Ein utopischer idealer Libertarismus ist des Christen Sache nicht, die sinnvolle Beschränkung des Verantwortungsfelds des Staats, „von unten her gedacht“ passt dagegen wunderbar zu unserem Glauben!

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.


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