07. Dezember 2013

An Sibylle Berg, zum Zweiten Ruf in die Rumpelkammer, Freistil

Deutscher Journalismus und so

Sibylle antwortet…

Aber bevor sie das getan hat, ist sie nochmal in ihre Rumpelkammer gegangen, hat den Pappkarton mit den hoffnungslos verstaubten Textbausteinen und Phrasen hervorgekramt, ein bisschen drüber gepustet und sie mit dem Pathos-Spray „Moralinsauer aus naturbelassenen Sündenstolz-Kernen“ zum Glänzen gebracht. Dieses Lego-Steinchen hier hat sich besonders gut gehalten:

„Der Sozialstaat geht unter, weil alle sich demokratisch auf eine Regierung geeinigt haben, die den nicht regulierten Kapitalismus forciert und den sozialen Gedanken der Demokratie langsam untergräbt.“

Was für ein Kapitalismus? Wenn ich es richtig verstanden habe, hat es den Sozialstaat also vorher gegeben, sagen wir mal vor 10/20 Jahren, bis man sich „demokratisch auf eine Regierung geeinigt“ hat, ihn mittels des „nicht regulierten Kapitalismus“ zu „untergraben“. Hahaha! Da ist sie wieder, die Irrlichternde, die Verirrte, bei der sämtliche Bach-Blütentherapien gescheitert sind, eine typische deutsche Intellelle, die sich über Land und Leute, insbesondere über den Sozialstaat (Gesamtbudget für Soziales: zirka 400 Milliarden Euro!) ausschließlich aus dem „Spiegel“, der „taz“ und aus der „Zeit“ informiert.

Geliebte Sibylle, das Soziale wird in diesem Land derart groß geschrieben, dass erst gestern eingetroffene, deine von dir so verehrte Asylanten in Bayern sich erdreisten, nicht mehr in einem topgepflegten Heim auf dem Lande wohnen zu wollen, sondern Minister höchstpersönlich auffordern, ihnen doch schnell mal Wohnungen in der Stadt bereitzustellen, weil man da mehr Gelegenheiten bekommt, jungen Frauen auf den Arsch zu starren. Von Kapitalismus keine Spur. Das hast du nur geträumt. Abgesehen davon bleibt die Frage, wieso eigentlich „alle sich demokratisch auf eine Regierung geeinigt haben, die den nicht regulierten Kapitalismus forciert“. Waren das alle Villenbesitzer am Sternberger See oder was?

Innerhalb einer Woche scheinst du auch viel über das Leben gelernt zu haben. Nicht zuletzt wegen meiner Erwiderung auf deine letzte Kolumne wohl, die für einige Aufregung gesorgt hat. Jetzt sagst du urplötzlich: „Heimat ist eine großartige Sache. Sie ist vertraut, sie stiftet Identität ...“

Huch! Was ist denn jetzt passiert? Letzte Woche klang das noch`n Tick anders. Da hast du dich doch über Leute, die ein Gefühl für Heimat empfinden, folgendermaßen lustig gemacht: „Die Länder Europas müssen denen gehören, die am besten über tausend Generationen da geboren wurden. Für das Land der Leitkultur heißt das: ein Deutschland der deutschen Frau, dem deutschen Herd, dem deutschen Mann, dem Herrscher und Ernährer, der deutschen im Haus erzogenen Kinderschar.“

Man wird dich doch nicht innerhalb einer Woche umgedreht und zum Nazi umgepolt haben, du so spontan Heimatliebende? Oder musstest du Kreide fressen, weil der Gegenwind mit einem Mal so stark wurde? Okay, wir hatten einen kleinen Orkan.

Liebe Sibylle, ich will dir echt nix Böses, denn du bist nicht heilbar. Du leidest unter der gleichen Krankheit, unter der fast alle „Kulturschaffende“ hierzulande leiden: Selbsthass dem eigenen Land gegenüber aus Angst, dass, wenn man diesem Liebe entgegenbringt, der Umkehrschluss bedeuten könnte, alles Fremde abzulehnen. Das ist aber Quatsch. Guck mich an, mich haben alle, und darunter gab es sehr, sehr viele Deutschlandliebende, ganz toll aufgenommen (besonders Frauen), obwohl ich einer „anderen Rasse“ angehöre und total bekloppt bin.

Naja, komm, beenden wir den Zwist. Und falls wir uns dieses Jahr nicht mehr sehen sollten: Frohes Fest und einen perfekten Rutsch ins Neue Jahr – in unserer schönen Heimat Deutschland oder wo auch immer!

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Facebook-Seite des Autors.

Erster Teil der Liebelei mit Sibylle: Journalismus: Grünes Gesülze wiedergekäut


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