10. Dezember 2013

Papst Franziskus Evangelii Begriffskaugummi

Heiliger Vater, ich möchte widersprechen

In seiner apostolischen Schrift „Evangelii Gaudium“ geißelte Papst Franziskus Kapitalismus und Marktwirtschaft. Nicht alle seiner Vorwürfe sind falsch, allerdings hantierte er in der sehr allgemein gehaltenen Kritik mit zahlreichen diffusen Begriffen und warf Fehlentwicklungen, die jedoch nicht nur „der“ Wirtschaft, sondern vor allem auch verfehlter Politik anzulasten sind, einfach in einen großen Dampfkessel, dem dann das etwas neblige Destillat einer Wirtschaftskritik entstieg, das man zur Genüge aus den Tiraden anti-marktwirtschaftlicher Rain Men in Politik und Sozialinstituts-Papageienfeuilletons („Ich bin ein ganz ausgezeichneter Sprachrohrkrepierer“) kennt.

Mithin ist es schon öfter vorgekommen, dass wenn Männer (oder Frauen) Gottes sich in Sachen Ökonomie zu Wort melden, man manchmal nicht weiß, ob man die jeweiligen Elaborate unter „Sachliteratur“ oder „Lustige Taschenbücher“ einordnen soll. Ich will damit nicht die angesichts der derzeit über der Weltwirtschaft heraufziehenden düsteren Wolken überaus berechtigten und verständlichen Sorgen des Oberhauptes der katholischen Kirche ins Lächerliche ziehen. Nur glaube ich, dass seine Ausführungen einiger Korrekturen bedürfen, die dem mit fehlzielender Wut über den Status quo gesättigten Begriffsschwamm-Weitwurf eine etwas genauere, klarere Darstellung der herrschenden Verhältnisse entgegensetzen.

Geehrter, Heiliger Vater, sollten Sie mit „Wirtschaft“ diejenigen freimarktwirtschaftlichen Produktivkräfte gemeint haben, die der Menschheit einen historisch beispiellosen Aufstieg aus Armut und Not, aus einer „Hand-in-den-Mund“-Existenz beschert und durch massive Anhebung des durchschnittlichen Wohlstands- und Lebensniveaus für vorher nie gekannte individuelle wirtschaftliche, soziale, technologische und kulturelle Entfaltungsmöglichkeiten gesorgt haben, müsste ich Ihnen leidenschaftlich widersprechen. DIESE Wirtschaft tötet nicht, im Gegenteil, sie hat sogar eine äußerst belebende Wirkung; sie ist gerade nicht „gesichtslos“, sondern gibt Menschen durch Ermöglichung des Aufstiegs aus grauer, gesichtsloser Massenarmut erst ein Gesicht.

Falls das ein bisschen zu abstrakt gewesen sein sollte: Ohne eine gewisse materielle „Grundsicherung“ und so ganz ohne Kohle kauft man sich normalerweise keine Theater- und Konzertkarten, investiert nicht in schweineteure Forschungen für innovative Hochtechnologien, findet keine Muße, umfangreiche soziologische Studien anzufertigen, lesenswerte Romane zu schreiben, einen Kurzfilm per Crowdfunding zu finanzieren oder in der Innenstadt einen Blumenladen, eine Bücherei, eine Boutique oder einen Supermarkt zu eröffnen. Natürlich – das ist doch eigentlich eine banale Erkenntnis – lässt sich das menschliche Dasein nicht nur auf die materielle Ebene reduzieren, d‘accord, allerdings ist sie nun mal eine unabdingbare Grundlage für alle höheren Stufen zivilisatorischer Entfaltung. Wer ständig Hunger hat oder gar Not leidet, denkt verständlicherweise eher mit dem Magen als mit dem Kopf. Werfen Sie bitte einmal einen Blick zum Beispiel auf das kommunistische Nordkorea, in dem ein dicklicher, wohlgenährter Jüngling mit rosaroten Babybäckchen, bei dessen Anblick ich – vergeben Sie mir die unchristliche Anwandlung – regelmäßig allergrößte Lust auf großzügiges Austeilen schallender Backpfeifen verspüre, einer breiten Masse unter diktatorischem Ausschluss „totalitärer“ marktwirtschaftlicher Prinzipien und bei Nichtanbetung des Staats- und Parteifetischs gerne auch in unmenschlichen Straflagern das Gesicht raubt. Es ist mir völlig schleierhaft, wie Sie behaupten können, die Errungenschaften der sozialen Marktwirtschaft (und genau das ist sie, im besten Wortsinn sozial, da gesellschaftlich zuträglich, nicht „sozial“ im Sinne der politischen Um- beziehungsweise Unfairteiler und ihrer Kumpel im Schattenbankenwesen) würden von der geschichtlichen Entwicklung „nicht gedeckt“.

Ich kann auch Ihre Meinung nicht teilen (falls ich Sie richtig verstanden habe), Geld sei etwas per se „Schlechtes“. Wenn ich Ihnen auch hierzu ein kleines Beispiel zur Verdeutlichung geben darf: Stellen Sie sich einfach vor, sie wollten Papst werden. Das geht aber nicht, weil Sie von morgens bis abends auf einem Acker bescheidener Größe stehen und Kartoffeln ernten müssen, um abends was zwischen die Kiemen zu kriegen. Ihr Nachbar, nennen wir ihn mal „B“, baut ein paar wenige Tomaten an. Nachbar C wiederum pflanzt ein paar Köpfe Salat. Nun müsst Ihr drei tagaus, tagein Eurer unmittelbaren Umgebung in harter, erschöpfender, knochenzermürbender Arbeit gerade das Nötigste abtrotzen, um überleben zu können. Sorry, es wird also nichts mit dem Heiligen Stuhl. Den übrigens Nachbar D sehr gerne für Sie herstellen würde, denn es gibt in seiner Nähe einen Wald, der mehr als genug Holz bereitstellt. Allerdings könnten Sie ihn nur mit Kartoffeln bezahlen, die D aber nicht braucht, denn er baut selber schon welche an. So‘n Mist. Nun kommen Sie aber auf die Idee, Kartoffeln bei B gegen Tomaten und bei C gegen Salat zu tauschen, mit denen Sie bei D wiederum für den Heiligen Stuhl bezahlen, denn D ist Vegetarier und steht auf Salat. Gute Idee! Klappt auch. Jetzt haben Sie das lang ersehnte Sitzmöbel. Dennoch: Die Handelsmöglichkeiten bleiben recht eingeschränkt, gerade auch deshalb, weil Sie ja nur selten Zeit finden, den langen Weg zum Dutzende von Kilometern entfernten D anzutreten, um Reparaturen am Stuhl vornehmen zu lassen, damit er nicht zu stark wackelt. Sonst würden Sie Ihre Erdfrüchte vernachlässigen und hätten abends nix zu tauschen oder futtern.

Bis ein genialer Gedanke Sie durchzuckt: Könnte man nicht ein universelles Tauschmittel erfinden, eine Art „universeller ökonomischer Energie“, einen Wertspeicher für die Erträge ganz unterschiedlicher Arbeiten, und dadurch möglicherweise die Handels- und Handlungsspielräume der einzelnen Nachbarn drastisch erhöhen? Sie bezahlen also nicht mehr mit Kartoffeln, sondern, sagen wir mal, mit drei Dukaten Fuffzich für die Tomaten oder den Blumenkohl ihres benachbarten Landwirtes. Der guckt Sie schräg an und fragt: „Was soll ich‘n damit, hä?“ Sie antworten: „Du kannst dich jetzt entscheiden, ob du damit Nahrungsmittel, Klopapier – wurde gestern von Nachbar F erfunden! –, so ein komisches, neuartiges Ding namens Traktor, das vorvorgestern von E entwickelt wurde und den Ertrag deines Ackers steigern würde, oder vielleicht neues Saatgut kaufen willst!“ – „Hey cool, das is‘ ja klasse, da fühl‘ ich mich doch gleich viel freier!“, antwortet B und nimmt das Geld. Er geht zu Nachbar K und kauft neues Saatgut für Tomaten, das er in einer Dose aufbewahrt, die von Nachbar T hergestellt wurde. T wiederum kauft Q mit dem Geld eine Zahnbürste ab, die Q aber nur deshalb anfertigen konnte, weil er nicht mehr rund um die Uhr auf einem Feld stehen musste, sondern für seine Tomatensuppe bei B statt mit mühselig erledigten Frettchen einfach mit Geld bezahlen konnte. Außerdem kennt sich Nachbar X mit Frettchen besser aus, Q ist als Jäger eher tolpatschig. Den Rest des Geldes – die Zahnbürste war spottbillig – spart er an, um zum Beispiel für schlechtere Zeiten vorzusorgen. Toll, was? Kurz und wirtschaftsgeschichtlich gut, die Einführung des Geldes als universelles Tauschmittel ermöglichte eine effizientere Form der „Arbeitsteilung“ und den einzelnen Teilnehmern am System eine größere Ausdifferenzierung ihrer individuellen Fähigkeiten und Talente. Nachbar J konnte ja nur deshalb Zahnarzt werden und schmerzhafte Fälle fortgeschrittener Karies behandeln, weil er – dank des Geldes – nicht mehr pausenlos die Brombeeren vom Strauch hinter der Lehmhütte sammeln musste, um leben zu können, sondern sich ganz einem dentalmedizinischen Studium widmen konnte. Ich habe die Beispiele möglichst einfach gehalten, um das Grundprinzip leichter vermitteln zu können; tatsächlich lief es natürlich etwas komplizierter ab.

Vielleicht hilft ein anderer Vergleich: Dieselben Vorteile, die die Elektrizität hinsichtlich leichterer Speicherbarkeit, Transportierbarkeit selbst über große Strecken und größerer Anwendungsvielfalt gegenüber dem Feuer hatte, hatte die geldbasierte Wirtschaft gegenüber einer reinen Naturalien- beziehungsweise Subsistenzwirtschaft. Mit der Erhöhung der pro Kopf verfügbaren Energiemenge (sei‘s physikalische oder „ökonomische Energie“) ging eine Vergrößerung der „zivilisatorischen Bewegungsfreiheit“, der schöpferischen Potentiale, einher.

Sie sehen also, Geld ist keineswegs eine „böse“ Erfindung. Allerdings ist es – wie die meisten anderen menschlichen Erfindungen auch – leider anfällig für menschliche Schwächen, zum Beispiel Machtgier. Und so kamen dann auch eines schlechten Tages ein paar außerordentlich clevere Kriminelle auf die grandiose Idee, sich das Geldsystem ihres Landes unter den Nagel zu reißen und unter den größten und mächtigsten Banken aufzuteilen, damit sie keine Rücksicht mehr darauf nehmen müssen, wer in der jeweiligen Regierung gerade kreucht und fleucht und irgendwelche Gesetze ausfertigt. Daran hat sich bis zum heutigen Tage leider noch nicht viel geändert. Deshalb versucht dieselbe Rasselbande derzeit auch in der EU, zentrale Aufsicht über die Banken des Euro-Raumes zu erlangen.

Sollten Sie allerdings genau das gemeint haben, also die Schatten- oder Parallelwirtschaft einer frei nach US-Präsident Andrew Jackson kleinen Grube sektiererischer Giftschlangen und Diebe mit enormer krimineller Phantasiebegabung und hoher Affinität zur Monopolbildung sowie alberner Big-Brother-Symbolik, die vom blasphemischen Glauben beseelt sind, sie verrichteten „Gottes Werk“ und die schon seit geraumer Zeit von einem korporatistischen Einheitsparadies unter Leitung und Aufsicht moderner hochfinanzieller Pharaonen und ihrer staatlichen Eunuchenpriester träumen, müsste ich Ihnen allerdings vollauf zustimmen: Ja, DIESE Kreditbetrugs-, Nepper-, Schlepper-, Bauernfänger- und hinsichtlich ihrer Methoden der Konkurrenzbeseitigung großen Mafia-Familien in nichts nachstehende inzestuöse Planwirtschaft tötet tatsächlich. Und zwar nicht nur physisch durch Anzetteln von Endloskriegen sowie durch politischen Mord und Totschlag internationalen Flairs und sogar in den eigenen Reihen, sondern auch wirtschaftlich und zivilisatorisch durch rücksichtsloses Auspressen derjenigen marktwirtschaftlichen Kräfte, die dann als kleines Dankeschön für ihre großartigen Leistungen paradoxer- und irrsinnigerweise von schimmerlosen Schlafschafen, überraschten Experten, politischen Faschingsfiguren und anderen ganz normalen Menschen in einen Topf mit diesem elenden Kungel- und Gruselkabinett geworfen werden und ein vermeintlich „vollständiges Versagen“ an die Mütze getackert bekommen. Das hat doch aber mit freien Märkten nix mehr zu tun. Sondern mit Zwang, Nötigung, Erpressung und Geldfälscherei (die doch angeblich schwer bestraft wird? Wieso hocken die dann noch immer nicht im Knast?).

Das  Lug- und Betrugsmonopol aus Staat und Hochfinanz konnte doch nur deshalb so lange überleben, weil es von einem äußerst fruchtbaren Nährboden zehren konnte und leider immer noch weitestgehend ungehindert kann: der marktwirtschaftlich erarbeiteten Substanz, in der Sie fälschlicherweise die alleinige Ursache des Ungemachs suchen. Nicht „die Märkte“ haben versagt, nicht „die Wirtschaft“ ist das Übel unserer Zeit, wie immer wieder gerne von Leuten kolportiert wird, die sich irgendwann mal auf Amazon den Kopf an Kundenrezensionen wirtschaftskritischer Bücher gestoßen haben („Folle Sterntsahl! Echd geiles Buch! Gan ich nur embfählen!“); nicht diejenigen zahllosen Marktteilnehmer, die Tag für Tag mit ihrer harten Arbeit, ihren Gütern und Dienstleistungen unser aller Leben bereichern und angenehmer machen, sondern die von dieser Realwirtschaft längst abgehobene, weit über ihr thronende Scheinwert- und Casino-„Wirtschaft“, die keine realen Werte mehr produziert, sondern auf einem monetären Holodeck nur noch an sich selbst herumspielt und im Fall der Fälle ganz entspannt davon ausgehen kann, von ihren Buddies in der Regierung mit Renten, Sparvermögen, untertänigen Kaufkräften und auf Kosten frisch befruchteter Eizellen, die von ihrem Glück als gerupfte Weihnachtsgänse der Zukunft noch gar nichts ahnen, fettgerettet zu werden.

Damit wir uns nicht missverstehen, Eure Exzellenz: Ich behaupte nicht, das marktwirtschaftliche oder kapitalistische System sei völlig fehlerfrei. Natürlich ist es das nicht. Es geht mir nicht darum, es zur „Ultima ratio“, zur bestmöglichen wirtschaftlichen Organisationsform, zu überhöhen, an der es überhaupt nichts zu verbessern gäbe. Wer weiß schon, welche wissenschaftlichen, technologischen und kulturellen Umwälzungen unser Zusammenleben in Zukunft vielleicht sogar dahingehend verändern werden, dass wir womöglich kein Geld mehr als Zahlungsmittel benötigen, sondern wie in Gene Roddenberrys „Star Trek“-Gesellschaftsutopie unser täglich Brot oder Socken und Unterhosen aus einem Replikator fischen. Möglicherweise ist die „3D-Drucktechnologie“ ja ein erster, aus weit zukünftiger Sicht „antiker“ oder „primitiver“ Schritt in diese Richtung? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es nicht sonderlich klug wäre, eine zweifellos nicht „perfekte“, aber anderen bisher erprobten Systemen deutlich überlegene Wirtschaftsordnung leichtfertig aufzugeben und damit die tragende Säule des bislang Erreichten umzustoßen.


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