11. Dezember 2013

Wort des Jahres „Die selbstzerstörende Prophezeiung“

Warner und Mahner en masse

Hallo? Erinnert sich noch jemand an den Hammer der vergangenen Woche? Genau – es handelte sich um Xaver, den „Monstersturm“ („Bild“ u.v.a.), der uns die Endlichkeit allen Seins vor Augen geführt hatte. Tagelang hatten Wetterdienste und Medien unablässig gemahnt und gewarnt. Norddeutschland hockte gefühlt mit Taschenlampe, Wasserflasche und Dosennahrung im Keller oder auf dem Dachboden. Ganzdeutschland blickte gebannt auf Wettervorhersagen und ARD-Brennpunkte. Manche Menschen machten mutmaßlich ein Testament. Andere fanden womöglich zu Gott dem Allmächtigen. Würde die Heimat, wie einst das legendäre Rungholt, im tosenden Sturm verwehen, in wütenden Fluten versaufen?

Oh ja, es wurde heftig! Ich wohne 30 Kilometer von der Nordseeküste entfernt und kann das bezeugen. Von manchen Bäumen auf meinem Grundstück fielen Zweige herab. Tannen tanzten im Wind. Der Sturm tobte derart mörderisch, dass sich der Deckel von einer meiner Mülltonnen löste. Vom Fähranleger Dagebüll berichteten Fernsehleute Unerhörtes: da schwappte das Wasser, wie nicht selten im Frühling, Herbst und Winter, doch glatt über die Kaimauern! Die Meldungen überschlugen sich. Aus dem Harz berichtete ein geschockter ARD-Reporter, nun habe es auch noch zu schneien begonnen. Mehrfach deutete er anklagend auf Felsbrocken, die bei seiner Ankunft im Krisengebiet noch blank gewesen, jetzt aber von Schnee bedeckt waren. Schnee im Harz, und das im Winter!

Als Xaver nach zwei Tagen abflaute, machte sich dennoch ein irgendwie schales Gefühl breit. Wie, das sollte alles gewesen sein? Keine Häuser weggeflogen, keine Deiche gebrochen, keine Krankenhäuser überfüllt? Gegen den Taifun „Haiyan“ auf den Philippinen wirkte Xavers Performance eher mau. Vor allem Klimaschützer, Windkraftanlagenbauer, Solarpanelaufsteller und andere Vertreter des ökoindustriellen Komplexes waren gefrustet. Hätte sich doch Xaver, der zweite Wintersturm in nur sechs Wochen, bestens dazu geeignet, einmal mehr die apokalyptischen Konsequenzen der Erderwärmung zu belegen. Welche man nur mit noch mehr staatlich alimentierten Klimaforschungsinstituten und noch höheren EEG-Zwangsabgaben bannen könnte. Die finale Verspargelung, Verpanelung und Verstrommastung der Republik, Xaver hätte sie ein Stück weit voranbringen können.

Aber shit! Der storm wollte nicht richtig liefern.

Hatte man es womöglich mit den Warnungen übertrieben, wie manche Zeitgenossen prompt kritisierten? „Spiegel online“, neben der Bild ein Zentralorgan der deutschen Angstmacherzunft, holte dazu ein paar Meinungen der handelsüblichen Gelehrten ein. Sie kamen selbstredend zum Ergebnis, das Gerödel um den Monsterorkan sei total angemessen gewesen. Einem Mann namens Frank Roselieb vom Kieler „Institut für Krisenforschung“ glückte dabei eine hinreißende Formulierung. Bei der vorausgesagten, aber nicht eingetretenen Katastrophe habe es sich eine „selbstzerstörender Prophezeiung“ gehandelt. Roselieb: „Die Krise war tatsächlich da, aber die Folgen sind nicht so schwer.“

Ein Kniff, der geradezu genial ist. Der Kieler Krisenquatschkopp sagt im Klartext: Der Mist, den wir in die Welt gesetzt haben, hat nur deshalb nicht gedampft, weil wir ihn in die Welt gesetzt haben. Exakt dieselbe Logik ist es, mit der die einstigen Verkünder des „Waldsterbens“ bis auf den heutigen Tag unerschütterbar ihre Fehlprognosen verteidigen: „Weil wir Alarm geschlagen haben, wurden die Schadstoffausstöße reduziert und der Wald gerettet.“ Es ist dasselbe Argument, mit der auch die Weltuntergangspropheten vom „Club of Rome“ ihre Horrorszenarien aus den 1970ern (um das Jahr 2000 würden alle wichtigen Rohstoffe verbraucht sein, Überbevölkerung, Nahrungsmangel und Umweltverschmutzung würden der Menschheit den Rest geben) bis auf den heutigen Tag in Ehren halten. Weil sie, die Doomsayers, in ihrem gleichnamigen Buch vor den „Grenzen des Wachstums“ gewarnt hatten, hätte die Menschheit ihr sündiges Treiben etwas korrigiert und somit den Weltkollaps nach vorne verschoben.

Überflüssig zu sagen, dass das erste Argument ebenso wenig punktet wie das zweite. Denn das germanische Bohei um „le waldsterben“, wie die Franzosen das Phänomen ridikülisierten, machte ja keine andere Nation mit. Trotzdem verreckte auch im Deutschland recht nahen Frankreich und in anderen industrialisierten Ländern der Wald keineswegs. Und ungeachtet der Kassandrarufe des Club of Rome wurden in den Jahrzehnten nach Erscheinen von „Die Grenzen des Wachstums“ nicht etwa weniger, sondern mehr Ressourcen verbraucht, mehr Waren hergestellt, mehr Wachstum auf fast allen Gebieten erzeugt. Trotzdem, oder deshalb, wird die Weltbevölkerung heute summa summarum besser ernährt als in den 1970ern, ist die Umwelt weithin sauberer als damals. Und, Überraschung: es gibt es immer noch fossile Ressourcen en masse!

Letzteres gilt allerdings auch für Mahner, Warner, Krisenforscher.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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