13. Dezember 2013

Sotschi-Boykott Der alte Trott

Soll die Einwegflasche flutschen, musst du kräftig Sotschi lutschen!

Neues vom Bundespräsidenten. Wegen menschenrechtlicher Bedenken wolle Joachim Gauck nicht zur Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Sotschi reisen, hieß es, außerdem wegen der mangelnden Presse- und Meinungsfreiheit unter Putins Herrschaft. Die Absage Gaucks sei vor allem als politisches Signal an den Kreml-Chef zu verstehen, war in diversen Scherzartikeln zu lesen. Zum Beispiel in der „Zeit“: „Bravo, Gauck! Big Business und Champagner-Klasse statt Menschenrechte – Gaucks Sotschi-Boykott ist ein Signal gegen Ignoranz und Gigantismus. Der deutsche Sport sollte es ernstnehmen.“ Auch andere Massenlobotomedien spendeten Beifall.

Jetzt stecke ich in einer Zwickmühle. Soll ich mich schon wieder als Party-Pooper outen, als Spaßbremse, Spieltheorieverderber, als Schiefsänger im Schmetterchor der aufrechten Menschenrechtsaktivisten hierzulande, der anständig Aufständischen? Soll ich sie schon wieder für ihren zyklopenhaften Blick aufs weltpolitische Geschehen tadeln? Warum eigentlich nicht. Hier stehe ich vor multifokaler Optik, ich kann nicht anders.

Liebe Kollegen – womit ich natürlich nicht sämtliche Mainstreamjournalisten des Landes meine, sondern diejenigen, die auf der „Gehaltsliste“ stehen (ihr wisst, wer ihr seid) – ergibt es für euch irgendeinen Sinn, immer nur die Verfehlungen von Staatschefs zu geißeln, die keine Clubkarte der NATO ihr Eigen nennen? Ihr habt ja recht: Putin ist ein „kühler Machtmensch“ („Welt“). Die Frage ist nur: Glaubt ihr ernsthaft, Macht wäre nur in östlichen Gefilden frostig – vielleicht wegen der harscheren Winter –, während sie im Westen stets nur wohltemperiert auftritt? Meint ihr vielleicht, Macht mache an den Westgrenzen Russlands Halt, weil es ihr dahinter zu warm ist? Macht macht also nur im Osten krank? Lasst mich euch bitte ein paar Beispiele geben.

Ich habe nicht das Geringste gegen Kritik an menschenrechtswidriger Politik. Verstehe dann aber umso weniger, warum einerseits sehr lautstark die Kungelei der „Business- und Champagnerklasse“ mit Menschenrechtsverletzern im Osten kritisiert wird, während ein ganz ähnliches Verhalten im Westen als „Solidarität für Europa“ vertickt wird. Darf ich bitte nochmal daran erinnern, dass es derselbe Gauck war, der nach dem politisch gewollten Abschuss Wulffs, der wegen einer „Vorteilsnahme“ gehen musste (beachten Sie in diesem Zusammenhang bitte, dass sächsische Goldmänner und andere Realwirtschaftsblues-Brothers, die bekanntlich im „Auftrag des Herrn“ unterwegs sind, sich in Europa durch geschickte Positionierung in mehreren Landesregierungen sowie bei den Europäischen Zentralbanditen, EZB, gleich dutzendweise fette Vorteile verschafft haben und dabei völlig straffrei ausgingen), sogleich lieferte wie bestellt und den „Europäischen Subversionsmechanismus“ (ESM) zur Aushöhlung freiheitlicher Gesellschaftsordnungen unterschrieb? Mit dessen Hilfe sich eine Handvoll krimineller Kobolde rechtliche Immunität verschaffte und selbstverständlich auch luxuriöse, von realen Erfolgen abgekoppelte Gehälter genehmigt, während viele Untertanen in so manchen Ländern der EU, die sich über die stetig dahinschmelzende Substanz in ihren Portemonnaies wundern, sich mit Benzin übergießen und anzünden oder ihre Kinder in SOS-Kinderdörfern abgeben, weil's für Babybrei leider nicht mehr reicht, unter Umständen unangenehme Begegnung mit einem Wasserwerfer machen. So kann das ja nicht weitergehen in Russland, jaja, fand übrigens auch die Viviane, Mitglied des Brüsseler Fördervereins für Bürgerdrangsalierung und bescheuerte Duschkopfinitiativen, „Weg in die Knechtschaft e.V.“. Frage: Kann es eigentlich noch dümmer kommen? Wollen wir jetzt gemeinsam (auf jeden Fall gemeinsam!) auf das intellektuelle Niveau von Miesmuscheln regredieren?

Wollen wir weiter Beschneidungen der Pressefreiheit in Russland geißeln, die es bei uns nicht gibt, stimmt schon, aber doch nur deshalb, weil wir so frei sind, uns die Schere gleich selber in den Kopf zu hauen und wie gute, brave Deutsche in Reih und Glied durch die Schlagzeilen des Einheitsmeinungs-Kollektivs zu marschieren? Gut, greifen wir Putin also für seine Homophobie an. Aber lasst uns eines bitte nicht tun: Das asoziale Gesindel, das gleich mehrere Länder zu Klump bombte, ins Elend stürzte und dabei auch fleißig und völkerrechtswidrig Uranmunition verschoss, höflich darum zu bitten, das strahlende Material höchstpersönlich Teilchen für Teilchen wieder aufzusammeln – und zwar mit bloßen Händen und ohne Strahlenschutzanzug! Falls euch das jetzt genervt haben sollte: Ja, ich reite darauf herum und werde das auch weiter tun. Sehr gerne sogar. Weil es sich um allerschwerste Menschenrechtsverletzungen handelte, Verbrechen wider die Menschlichkeit, zu deren Aufklärung sich eure vom Sekt beim Presseempfang des Bundespräsidenten vernebelten Hirne wohl nicht durchringen können.

Lasst uns die Bastionen der Oligarchen oder Plutokraten im Osten stürmen, aber bloß nicht derjenigen im Westen, die herzlich gerne Aufstände in allerlei Ländern finanzieren und manipulieren und dabei für Mord und Totschlag sorgen, wenn mal nicht nach ihrer Pfeife getanzt wird – so wie zum Beispiel beim „Anglo-Amerikanischen Herbst“ (Neusprech: „Arabischer Frühling“) oder wie derzeit in der Ukraine. Ach? Habt ihr etwa gedacht, das sei wirklich nur ein „Volksaufstand“? Tut mir leid, euch da enttäuschen zu müssen. Es geht um viel mehr. Hat was mit Geopolitik zu tun, glaub‘ ich. Kann man sogar nachlesen. Ihr könnt doch (vor allem zwischen den tagespolitischen Zeilen) lesen, oder? Die Ukrainer sind wirklich nicht zu beneiden – sie müssen sich entscheiden zwischen östlichen und westlichen Oligarchen, zwischen Putin und Brüssel, zwischen einem Ex-KGB-Mann und dem Gigantismus  der EUdSSR. Es bleibt schwierig.

Zeigen wir also dem Wladi den Stinkefinger und kotzen uns kräftig aus über die unter seiner Herrschaft begangenen Menschenrechtsverletzungen, aber schweigen wir bitte tunlichst über die Folgen der von uns in feinster deutscher Propagandatradition untertänigst zu humanitären Missionen hochgelogenen Angriffs- und Blitzkriege im  Nahen Osten sowie auf dem afrikanischen Kontinent. Fragen wir bloß nicht den messianischen Pressesprecher der Mordsbusiness- und Champagnerphilanthropen-Klasse westlicher Provenienz, warum er wichtige Informationen über den Giftgaseinsatz in Syrien zurückhielt (also die Weltöffentlichkeit belog) oder – noch viel interessanter – überall dort, wo geostrategische Interessen vorliegen, Störche vorbeischickt, die Bündel mit Al-Qaida-Keimlingen fallen lassen, weil die so schöne tiefrote Blüten treiben. Plustern wir unser Gefieder über dem Ausbeuter Putin auf, aber weigern wir uns beharrlich, zwickende Fragen über historische Hintergründe und Funktionalitäten des Geldsystems unserer Gefilde durch unsere gleichgeschalteten Hohlköpfe pfeifen zu lassen. Der Überraschungsschock wäre sogar für Experten zu groß!

Ekeln wir uns vor der russischen Meinungs-Unfreiheit, aber lassen wir die deutlich zunehmenden Angriffe auf die Pressefreiheit der funktionierenden Scheindemokratie des Großen Freundes und Bruders links liegen. Echauffieren wir uns über die Korruption, den Filz und die staatlichen Eingriffe Moskaus in die Presselandschaft, verurteilen wir die Zwangspropaganda in den Staatsmedien Chinas (zu Recht übrigens), aber veröffentlichen wir bloß keine sensiblen Informationen über merkwürdige personelle Verbindungen diverser deutscher, leidmedialer Feigenblätter zur Atlantikbrücke – wir könnten sonst verstehen, warum so mancher Leser bei ihrer Lektüre das Gefühl hat, sie schrieben Chinesisch.

Setzen wir ein deutliches Signal gegen Ignoranz, indem wir bei jedem tätlichen Angriff auf ausländische Mitbürger das Dritte Reich wiederaufbauen, während wir im umgekehrten Fall – also, wenn‘s Scheißdeutsche trifft – schnell ungünstige sozioökonomische Rahmenbedingungen herbeizaubern. Beten wir einfach jeden in elitären „Think Tanks“ gegen gute, tradierte Werte ausgeheckten Bockmist zur seelischen Entwurzelung und Umformung der Menschen in politisch beliebig knetbare Verfügungsmassen aus Elter X und geschlechtslosem Kind Y distanzlos nach, während wir Konferenzen für die Familie als „rechtspopulistische Treffen“ anfurzen und mit anderem diffamierendem Denkdung aus der eigenen Kopftoilette beschmeißen. Verhüllen wir Denkmäler für Trümmerfrauen, weil die waren ja alle Nazis, während wir Auftragslügen für Dauerkrieg führenden Faschismus abliefern. Fragen wir nicht nach den Ursachen der Flüchtlingsströme aus Syrien und stellen die humanitären Folgen endlich den Urhebern in Rechnung, sondern fragen wir jeden, der darob die Stirn in Falten legt, ob er „was gegen Asyl für arme Ausländer“ habe oder wohl von „xenophoben Ressentiments“ getrieben sei gegen Flüchtlinge, die von demjenigen Pack aus ihrer Heimat vertrieben wurden, in deren Auftrag man regelmäßig blendet und täuscht, lügt und verschweigt. Lassen wir ...

... nee, jetzt hab‘ ich keine Lust mehr. Also, sprühen wir uns einfach weiter eine hauchdünne Hochglanz-Lackschicht über die Augen im Glauben, das sei dann die ganze Geschichte. Wie gesagt: Das richtet sich selbstverständlich nicht gegen Euch alle. Ich weiß, dass es eine Menge sehr guter Leute unter Euch gibt, die hochanständige Arbeit leisten, aber manchmal eben nicht so können, wie sie durchaus gerne wollen, weil‘s dann womöglich berufliche Konsequenzen hagelt, besonders wenn es um „politisch sensible Themen“ geht. Diejenigen Berufsempörer und verlogenen Schwätzer aber, die sich jetzt wieder so richtig ins Zeug legen und sabbernd Sotschi lutschen – vielleicht gerade wegen ihres schlechten Gewissens, regelmäßig schwere Kriegsverbrechen und internationalen politischen Schweinkram en masse gedeckt zu haben –, Ihr könnt Euch Eure einäugigen „Menschenrechte“ mal sonstwohin stecken, ihr Pfeifenreiniger.


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