19. Dezember 2013

Ursula von der Leyen Die eingeklemmte Verteidigungsministerin

Toi, toi, toi!

Kaum wurde Ursula von der Leyen zur Adjutantin geostrategischer Langfristpläne zur Absicherung des Amerikanischen Jahrhunderts ernannt, schon wurde in den sozialen Netzwerken zur kostengünstigen nachrichtendienstlichen Evaluierung vorherrschender Meinungsbilder kräftig gespöttelt. Egal ob auf Facebook oder Twitter: Wann kommt der nächste Kalauer? Ach, schon in zwei Minuten. Ein kleiner Teil dieses Spotts beruhte auf archaischen Vorurteilen männlicherseits, die sich in ihrer Kernaussage dadurch zusammenfassen ließen, eine Pussy gehöre nicht in eine Parade. Weibliche Weichheit und militärische Männlichkeitsbilder, wie soll denn das zusammenpassen? Dementsprechende Fotomontagen, die „die Ursi“ als bis an die Zähne bewaffnete Terminatrix im knappen S&M-Lackleder-Outfit zeigen, wurden fleißig verbreitet. Andere hingegen frotzelten, ja warum denn nicht, eigne sie sich doch schon aufgrund ihres ausgeprägten Nannytums und als Befürworterin staatlicher Vollzeitbeschulung ganz hervorragend als Ministerin zum Abkommandieren von Schäfchen.

Was den ersten Vorwurf betrifft, so lässt sich dazu wohl nur sagen – wo wir doch gerade beim Militär sind: Ihr habt wohl den zeitgeschichtlichen Schuss nicht gehört, kann das sein? Frauen: Always ultrasoft und nicht streitkräftig genug? Wie bitte? Als hätte eine stattliche Zahl von Frauen in hohen Posten, ob nun in der Politik oder der Privatwirtschaft, nicht schon längst ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber so manchen männlichen Pussys eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Gut, was Politik angeht, kann man sich gewiss streiten, ob das immer von Vorteil war, womit wir beim zweiten Vorwurf wären. Die in den letzten Jahren oft kolportierte radikalfeministisch-utopische These, mit „Frauen an der Spitze wäre das nicht passiert!“, hat sich bisher leider nicht bestätigt. Hat doch allerspätestens, um ein herausragendes Beispiel zu nennen, die werte Gattin eines ehemaligen Pressesprechers der Falschgeldinternationale, Hillary Clinton, klipp und klar gezeigt, dass weibliche Machtmenschen in puncto Durchsetzungsfähigkeit, Entschlossenheit und leider auch Skrupellosigkeit ihren männlichen Artgenossen in nichts nachstehen müssen.

Allgemein lässt sich sagen, dass Frauen mit politischen Ambitionen im internationalen Vergleich dem beschniedelten Teil der Menschheit locker das Wasser reichen können. Sie sind, was diverse Strategien der Täuschung, des Abwartens-und-die-Hände-zur-Raute-Formens, Hakenschlagens und Sandstreuens betrifft, ebenso lernfähig wie das Alpha-Männchen und können Wähler nicht weniger effizient aufs Kreuz legen. Auch in puncto politischer Gedächtnisleistung liegen Bananen und Pfirsiche gleichauf. Was sagte Andrea Nahles, SPD, noch vor wenigen Monaten? Wir werden Merkel verhindern! Mit uns nicht! Nun, im Kabinett „Merkel III“ (weckt das nur bei mir Assoziationen an Filmreihen wie Halloween oder Hellraiser?), hat sie diese widerständig-dissonanten Töne ganz schnell in Koalitionsgeklimper transponiert. Das ist eben die Macht der politischen Musik, speziell der Wiegenlieder – sie verbindet, bringt Machtmenschen zusammen und lässt sie traumwandlerisch sicher gemeinsam (!) auftreten.

Will sagen: Die Eignung für ein bestimmtes politisches Ressort lässt sich nicht am Geschlecht ablesen, sie ist – im Idealfall, über dessen reale Eintrittswahrscheinlichkeit man sicher diskutieren kann – zuvörderst eine Frage individueller Befähigung, der Kompetenz. Also bitte Schluss mit dem beknackten Gequatsche darüber, ob eine Frau sich für das Hochamt der Verteidigung eignet. Das hängt nicht davon ab, ob die Natur potentiellen Kandidaten nun einen Zäpfchenstreich gespielt hat oder nicht. Geschlechtsspezifische Körpermerkmale gehen der Macht mächtig am machtbestuhlten Allerwertesten vorbei.

Ursula Gertrud von der Leyen, Tochter des ehemaligen Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Ernst Albrecht, ist eine karrierebewusste Dame, der, davon kann man wohl ausgehen, auch die engen Grenzen der Souveränität gerade im Verteidigungssektor wohlbekannt sein dürften. Es sei denn, sie hätte überhaupt nicht mitbekommen, wie der Guido im Außenamt für einen kurzen Augenblick die Westerwelle gegen den Libyen-Einsatz machte, woraufhin deutsche NATO-Fanzines ihn sogleich zum Sexiest Anti-Posterboy erklärten und man ihm (nebst potentiellen Nachfolgern) demonstrierte, dass er dem Oberkommandeur der Bundeswehr, also dem US-Verteidigungsminister, höchstens bis zum Knöchel reicht. Oder man denke an die Folgen der ablehnenden Haltung Gerhard Schröders, des „Gasablesers Putins“ (Professor Bocker) und seines Außenjoschkas gegenüber dem zweiten Krieg der Bushmänner und ihrer öligen Freunde gegen wirtschaftliches Selberdenken Eurasiens, getarnt als irakisch-islamistische Beziehungsdramödie.

Mit steigendem Kenntnisstand über die wahren Hintergründe so mancher Kriege kann man mit deutschen VerteidigungsministerInnen mit großem Binnen-I wirklich nur Mitleid empfinden, weil man kapiert hat, dass das große Binnen-I mit demselben Zeuchs gefüllt ist wie Luftballons auf Kindergeburtstagen. Einerseits muss man in diesem Amt selbstbewusst auftreten, um den Eindruck zu erwecken, man hätte was zu melden, es gäbe eine völlig eigenständige deutsche Verteidigungspolitik. Täte man dies nicht, könnten Steuerzahler, die das ganze Affentheater ja finanzieren, die berechtigte Frage stellen, wieso Deutschland als Vasallenstaat sich überhaupt diesen teuren Ministerposten leistet, statt konsequenterweise einfach ein Kontingent von US-Truppen zu stationieren und dafür jährlich einen bestimmten Betrag vom Finanzminister ans Pentagon überweisen zu lassen. Wozu teure Illusionen pflegen? Das muss Frau von der Leyen beim Amtsantritt bedenken, will sie intelligente, gut informierte Wähler bei zukünftigen Kabbeleien nicht mit thunderstruckschen und thomasigen Phrasen wie zum Beispiel derjenigen zum Lachen bringen, wir hätten auf afghanischen Klatschmohnplantagen deutsche Sicherheit gepflückt. Durch Hindukuschen lässt sich heute kein Wähler mehr hinter der Pipeline hervorlocken. Die Zeit ist reif für mehr Ehrlichkeit.

Andererseits weiß man ja nicht, wie lange der Große Bruder seine supermächtige Fassade noch aufrechterhalten kann – möglicherweise ist ja irgendwann Schluss mit dem Dollar als unter anderem militärisch gestützter Weltreservewährung –, da kann es nicht schaden, für den Verteidigungsfall (also einen ECHTEN, bei dem es tatsächlich um VERTEIDIGUNG gegen Angreifer geht), zumindest eine kleine Truppe vorrätig zu haben. Verzwickt. Gar nicht so leicht, diesen heillosen Kuddelmuddel internationaler Politik zu entwirren. Fest steht bislang nur, dass beim Armdrücken zwischen den USA, China, Russland und Europa irgendjemand irgendwann nachgeben wird. Das war in der bisherigen Weltgeschichte immer so und wird wohl leider für geraume Zeit auch so bleiben. Die EU kann sich schon aus den bekannten Gründen – wegen der jetzt aber wirklich beendeten Krise und so – hansdampfendes Auftreten in allen geopolitischen Gassen nicht leisten. Das können momentan (noch) nur die USA, weil sie über die größte militärische und monetäre Druckmaschinerie verfügen.

In China und Russland spitzt man angesichts des starken Hustens und Keuchens im hegemonialen Löwengebrüll von Plutokratia natürlich die Ohren und wittert Morgenluft. Und in dieser hochreaktiven Pampe aus Blut, progressiv besteuertem Schweiß, Öl, Gold, Dollars, Euros, Yuan, Yen, Kriegswitwentränen und anderen explosiven Ingredienzen wie zum Beispiel Gummi arabicum schwimmt Deutschland mit seiner zentraleuropäischen Rolle als Wirtschaftslokomotive der EU und enger Verbündeter von Lockheed Martin und Monsanto, von DuPont und JPMorgan Chase, Halliburton und Goldman Sachs, ExxonMobil und Raytheon und so weiter, also kurz: Amerika. Nun steckt die ehemalige niedersächsische Ministerin für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit, danach Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, danach für Arbeit und Soziales (puh, blickt die da eigentlich selber noch durch?) also in einer Zwickmühle: Sie muss sich bei etwaigen zukünftigen Streitigkeiten um Territorien, Ressourcen oder Zwangswährungsdominanz sehr genau überlegen, ob sie ihrer Karriere dienen, also alles mitmachen soll, was da so an Wünschen durch transatlantische Telefonleitungen schnorchelt, oder ob sie – gerade als Mutter von sieben Kindern – guten Gewissens anderer Leute Keimlinge an geopolitische Kanonen verfüttern kann und falls ja, wie sie das am besten in Gemeinwohl umdichtet. Um diese Aufgabe ist sie wahrlich nicht zu beneiden, erst recht nicht in diesen turbulenten Zeiten.


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