20. Dezember 2013

Bester Groschenroman 2013 aus dem Sudan Schuppen, die aus Bundespräsidentenhaaren fallen

„Es darf keinen Zweifel darüber geben, wen die Öffentlichkeit hassen muss“

Höchst erstaunlich, wie oft die Geschichte wohl doch keiner Spieltheorie, sondern viel handfesteren Motiven folgt. „USA schicken kleines Truppenkontingent in den Südsudan“, vermeldeten deutsche Feigenblätter letzte Woche. Das erinnerte mich sofort an einen gewissen General namens Wesley Clark, der schon vor Jahren sagte, er habe geostrategische Langfristpläne des Pentagon zu Gesicht bekommen, denen zufolge man sich sieben Länder in fünf Jahren Untertan zu machen gedenke: Erst den Irak, dann Syrien, den Libanon, Libyen, den Iran, Somalia und – den Sudan. Ich bin mir aber hundertprozentig sicher, dass die bezüglich der Reihenfolge realiter zwar etwas anders abgearbeitete beziehungsweise -geschossene und -gebombte sowie mehr als fünf Jahre in Anspruch nehmende, in den Zielen aber erstaunlich gleich gebliebene Liste für manche besonders wachsamen Zeitinsassen wieder einmal nicht mehr sein wird als reiner Zufall und ihrwisstschonwastheoretischer Nonsens. Gut, bleiben wir dabei. Alles Quatsch, kein Problem. Warum sich noch aufregen über Leute, mit denen man ganz offensichtlich alles, aber auch alles machen kann, ohne dass sie jemals merkten, wie man sie an der Nase herumführt. Warum noch nach Hintergründen fragen, wenn man doch der wohligen Illusion anhängen kann, der galoppierende Wahnsinn würde sich schon irgendwie von ganz alleine auflösen. Ich weiß, es wird nochmal ein Wunder geschehen! In Afrika, in Afrika ist Holzauktion! Zieht euch warm an, Freunde. Und das nicht nur wegen der gerade herrschenden Jahreszeit. Der imperiale „Endkampf“ um Hoheitsgebiete, Rohstoffe und Finanzdominanz hat nicht begonnen, er ist längst im vollen Gange. Die Parallelen zu den Entwicklungen kurz vor Ausbruch beider Weltkriege, mithin zu den damaligen Überlebenskrämpfen des britischen Empire sind erschreckend.

Aber das macht nichts, solange man dank der noch die dümmlichsten Details hochauflösenden Berichtbestattung aus allen möglichen Kameraperspektiven dabei zusehen darf, wie dem Ex-Bundespräsidenten bei seinem Prozess eine Schuppe aus den Haaren fällt. Nachrichten von höchster weltpolitischer Relevanz. Jetzt, lange nach dem mediengerichtshöfischen, primitiven Dauergehetze, kommen die ersten Schlaumonster der deutschen Qualitätsminderungspresse doch tatsächlich auf richtige Ideen: Hmm, komisch dieser ganze Prozess, warum wirkt er merkwürdig forciert? Steckte hinter der ganzen Sache von Anfang an vielleicht doch mehr als nur eine „Vorteilsnahme“, während andere Vorteilsnehmer im Auftrag des Herrn Europa ausplündern, die im Ausland militärisch doch so leidenschaftlich verteidigte, hochheilige Demokratie daheim sukzessive ausgehebelt, in gewissen Ländern für die höchsten Arbeitslosenzahlen seit dem Zweiten Weltkrieg und zunehmende Armut, steigende Selbstmordraten und ähnlich minimalprozentig positive Konjunkturdaten gesorgt wird? Echt jetzt? Stellt sich eigentlich nur noch eine Frage: Wie ließen sich die geistigen Kapazitäten solcher Leute zumindest so weit vergrößern, dass sie nicht ständig auch noch den bescheuertsten politischen und/oder massenblödialen Kampagnen auf den Leim gehen? Oh Gentechnik, lass‘ bessere Gehirne vom Himmel fallen.

Erst recht aber macht es nichts, weil man die Schuld ja irgendeinem Sündenbock in die Schuhe schieben kann, der – wer weiß? – irgendwann für sämtliche heimischen Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht und mit Raketen so richtig durchgeknetet werden kann. Genau danach sieht es momentan nämlich aus, es riecht penetrant nach Schwarzpeterschiebung und vorbereitender Propaganda. Aber vielleicht auch einfach nur nach peinlicher Unkenntnis realer Machtverhältnisse oder klaffenden Lücken im Geschichtsbild. Oder nach Selbsttäuschung? Peter Sturm (der Nachname scheint für den Grundton des Artikels Programm gewesen zu sein)in einer Philippika auf der „Ersten Seite“ der „FAZ“ vom 20. Dezember: „Zwar herrscht gerade in Teilen der westlichen Wirtschaft eine Grundsympathie für das, was Herrscher wie Putin gerne ‚Stabilität‘ nennen. Aber Systeme, die in der Willkür einer Person gründen, sind nicht stabil. Und man kann auch nicht ernsthaft behaupten, dass Russland Aussicht hat, zu den Aufsteigern des 21. Jahrhunderts zu gehören. Putin sieht das anders. Die Konsequenzen seiner Politik werden irgendwann andere auszubaden haben.“ Und jetzt der Knaller: Sowas nennt sich heute „Qualitätsjournalismus“.

Ich habe selten so herzlich gelacht und ergänze:

Erstens: Auch das westliche System beruht zu nicht geringen Teilen auf Willkür, allerdings nicht nur einer Person, sondern gleich mehrerer Plutokraten. Deshalb ist es auch so irre stabil (gerade heute) und das seit nunmehr ziemlich genau 100 Jahren , deshalb musste es auch immer wieder durch kriegerische Unterwerfung anderer Länder gestützt werden, die dank der weltgeschehensanalytischen Kompetenz von Kommentatoren wie Sturm und Co. dann auch regelmäßig zu humanitären Einsätzen umgeträumt wurden. Wenn da mal nicht jemand der eigenen Propaganda auf den Leim ging.

Zweitens: Man kann leider auch nicht ernsthaft behaupten – zumindest sprechen die gegenwärtigen Entwicklungsdaten eher dagegen –, dass die Vereinigten Staaten oder die EU zu den ganz großen Abräumern des 21. Jahrhunderts gehören werden. Freilich, die übliche Zuckerwatte-PR, überraschte Experten, nobel ins System eingepreiste Ökonomen oder Brüsselanten sehen das anders. Die Konsequenzen ihrer Auftragslügen, ihres Größenwahns, ihrer Anmaßung, ihrer Verblendung und fatalen Politik werden andere auszubaden haben, zum Beispiel Millionen arbeitsloser Jugendlicher oder im Mutterbauch (noch) vergnügt quiekender Föten?

Da ist es gut, sich, so wie Herr Sturm, verbal schon mal für den realen Sturm gegen Erzfeinde zu rüsten. Der amerikanische Politikwissenschaftler und Kommunikationstheoretiker Harold Lasswell schrieb einst über die Rolle der Propaganda im Ersten Weltkrieg mit Blick auf die beliebte Methode der „Dämonisierung des Feindes“: „Die psychologischen Widerstände gegen den Krieg sind in den modernen Ländern so groß, dass jeder Krieg als Verteidigungskrieg gegen einen bedrohlichen, mörderischen Aggressor dargestellt werden muss.“ Dann der Schlüsselsatz: „Es darf keinen Zweifel darüber geben, wen die Öffentlichkeit hassen muss.“ Zwar befinden wir uns vorerst „nur“ in einem Finanz- beziehungsweise Währungs- und Informationskrieg, in dem ein luxemburgischer Demagoge aus dem Kellerloch der Volksverhetzung Deutschland schon mal für alle Übel in Europa verantwortlich macht oder der Direktor der NSA, Keith B. Alexander, ungeachtet der extremen tiefenstaatlichen Verschwörungspraxis im eigenen Land China unterstellt, es könne mit seinen hochmodernen Cyberwaffen einen verschwörerischen „Angriff auf die Weltwirtschaft“ planen, während Computermikroben im Westen nur als possierliche Haustiere gezüchtet werden und die Fed doch nur zum Zwecke der Geldwertstabilisierung gegründet wurde, klaro. Allerdings wird den bedrohlichen Worten ja schon fleißig militärisches Spielzeug hinterhergeschoben, und wer vermag schon vorauszusagen, wie schnell sich Raketen-„Abwehrschilde“ – egal auf welcher Seite der Grenze – in Lanzen verwandeln können? Gerade auch dank der demokratisch-freiheitlichen Wachsamkeit, Ausgewogenheit und Seriosität der „Ersten Seite“?


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