31. Dezember 2013

Juli Zeh Ich liebe Dich!

Brief eines Finanzbeamten

Vorsicht! Dieser Brief ist fiktiv. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und realen Handlungen sind rein zufällig.

Guten Tag! Mein Name ist ... ähm, das will ich lieber nicht verraten, weil ich gern anonym bleiben möchte, schon gar in der Sache, um die es mir hier geht. Nun meine Profession muss ich wohl nennen, sonst glaubt man mir vielleicht nicht: Ich bin ein deutscher Finanzbeamter im mittleren Alter in einer deutschen Kleinstadt.

Uns Beamten, erst recht Finanzbeamten haftet ja in der öffentlichen Wahrnehmung so ein angestaubtes, emotionsbefreites Flair an, Sie wissen schon, Ärmelschoner, Kadavergehorsam gegenüber dem Dienstherren, unhöflich, die üblichen Klischees, die man halt so kennt. Doch ich kann ihnen versichern, das sind tatsächlich nichts als Klischees. Ich zum Beispiel bin ein sehr aufgeschlossener und moderner Mensch. Mein Hobby ist die deutsche Literatur, und meine absolute Lieblingsautorin ist Juli Zeh. Okay, das liegt auch ein bisschen an ihrem Aussehen. Sie ist sehr hübsch, und was soll ich sagen, ich habe mich ein bisschen verknallt in sie – aus der Ferne.

Meine Herzallerliebste machte in den letzten Wochen wieder von sich reden, als sie diesen Aufruf gegen die Abhörpraktiken des US-Geheimdienst NSA startete, den 500 bedeutende Schriftsteller unterschrieben. Was für eine Wahnsinnsfrau! So zupackend, so mutig. Sofort war sie wieder präsent für mich, vor allem präsent in meinem Herzen.

Was soll ich lange reden, ich konnte mich nicht mehr beherrschen, und „erkundigte“ mich ein bisschen nach ihr. Ja, das haben die Deutschen schon vergessen oder besser gesagt ohne zu murren abgenickt, weil die Presse damals darüber kaum berichtet hat, aber seit vier Jahren dürfen Finanzbeamte ganz bequem von ihrem Schreibtisch und ihrem Computer aus und ohne jegliche richterliche Genehmigung in das Konto eines jeden Bürgers einsehen und alle Kontobewegungen mitverfolgen. Außerdem dürfen sie sich mit anderen Ämtern, insbesondere Gerichten, kurzschließen und auch in die dort erfassten Daten einsehen. Tolle Sache, sowas! Zumal man den Leuten mehr oder weniger eingeredet hat, das beträfe nur „Reiche“.

Also die Juli, die hat zur Zeit jede Menge Termine, das habe ich anhand der Buchungszahlungen von ihrer Kreditkarte abgelesen. Außerdem hat sie, hihi, Sexspielzeug bei einem Erotikversand bestellt, das kleine, süße Luder. Im September war sie sogar in einem Swingerclub und hat mit ihrer Bankkarte bezahlt. Wegen einer Mietgeschichte hatte sie ziemlichen Trouble letztes Jahr. Und sie hat schon den zweiwöchigen Urlaub in Barcelona für August nächsten Jahres gebucht. Tüchtig, die Frau, weil sie zahlt ja auch immer noch das Auto ab. Mich würde allerdings interessieren, wer ihr Mitbewohner ist – die Daten habe ich vom Einwohnermeldeamt. Theoretisch könnte ich auch ihr Telefon abhören, aber das traue ich mich nicht. Es gibt ja noch so was wie eine Privatsphäre.

Jedenfalls finde ich ihren Kampf gegen die NSA so tapfer, so furchtlos, so, wie soll ich sagen, einfach allerliebst. Obwohl die amerikanischen Jungs nicht so weit wir deutsche Finanzbeamte sind. Gott sei Dank!

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Facebook-Seite des Autors.


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