09. Januar 2014

Akif Pirinçci Ich bekenne mich zu meiner Heterosexualität

Erster prominenter heterosexueller Schriftsteller outet sich

Als erster prominenter heterosexueller Schriftsteller begründet Pirinçci im „Zeit“-Interview sein langes Schweigen. Er will die Debatte in der Literatur voranbringen.

Vor einiger Zeit zog sich Akif Pirinçci aus dem öffentlichen Leben als Schriftstellerprofi zurück und tauchte nur noch sporadisch auf Facebook auf. Nun wendet er sich noch einmal an die Öffentlichkeit. Der bekloppte Türke hat sich entschieden, mit einem in der Literaturwelt bislang tabuisierten Thema in die Offensive zu gehen: „Ich äußere mich zu meiner Heterosexualität“, sagt Pirinçci im Gespräch mit der „Zeit“, die am Donnerstag erscheint, „weil ich die Diskussion über Heterosexualität unter Schriftstellern voranbringen möchte“. Er habe das Gefühl, dass jetzt ein guter Moment dafür gekommen sei.

Das Bewusstsein, heterosexuell zu sein, war „ein langwieriger und schwieriger Prozess“ im Leben des 54-jährigen ehemaligen Mittelfeldautors, der insgesamt weiß der Teufel wie viele Bücher für die Deutsche Nationalbüchermannschaft rausgehauen hat. „Erst in den letzten Jahren dämmerte mir, dass ich lieber mit einer Frau, am liebsten einer 21-jährigen Kunststudentin, zusammenleben möchte“, sagt Pirinçci. Er äußert sich so offen, wie es vor ihm noch kein anderer deutscher Schriftsteller getan hat. Heterosexualität werde in der Kunstwelt „schlicht ignoriert“. Bis heute kenne er keinen Schriftsteller persönlich, der das zu seinem Thema gemacht habe.

Der Erfolgsautor weiter: „Wissen sie, wir Künstler gelten ja im Bewusstsein der Öffentlichkeit als stockschwul und als Weichei. So will man uns sehen, etwas anderes wird nicht akzeptiert. Wenn sie einen Verlagsvertrag bekommen möchten, können Sie ja nicht sagen, ich komm gerade aus dem Bett mit Susanne. Man sagt es dir nicht direkt ins Gesicht, sondern der Verleger drückt dir in seinem Büro ganz subtil ein Tütü und Stöckelschuhe in die Hand. Am schlimmsten war es auf der Frankfurter Buchmesse, wo wir Schriftsteller anlässlich öffentlicher Auftritte uns rote Lippen schminken, Limonade mit gespreiztem kleinem Finger trinken und in diesem affektierten hohen Schwulenton sprechen mussten. Und auch im Alltag steht man unter öffentlicher Kontrolle. Ich konnte nie ohne die alten Kleider von meiner Mutter aus dem Haus, sonst wurde ich gemobbt.“

Er habe sich immer wieder über die Widersprüche geärgert, die in der Literaturwelt im Umgang mit Heterosexualität aufgebaut würden. Das professionelle Schreiben sei ein absolut verschwulter Beruf: „Sensibilität bis zu zehnfachen Heulkrämpfen am Tag, nur weil man versehentlich eine Ameise zertreten hat, Schuhtick, stundenlanges Gequatsche über Parfüms usw.“ Das passe nicht zu dem Klischee, das sich viele Leute von einem Heterosexuellen machten, nämlich: „Heteros stehen auf Weibertitten.“

Pirinçci sagt: „Ich habe mich nie dafür geschämt, dass ich nun mal so bin.“ Trotzdem seien die Sprüche der Kollegen nicht immer einfach zu ertragen gewesen. „Überlegen Sie doch mal: Da stehen Sie im kleinen Schwarzen und in Pumps mit 20-Zentimeter-Absätzen auf einer Verlagsparty und müssen sich die Witze über Heteros anhören, von wegen, die hätten doch tatsächlich Sex mit ulkigen Kreaturen. Da lässt man die Mehrheit gewähren, solange die Witze halbwegs witzig sind und das Gequatsche über Heterosexuelle nicht massiv beleidigend wird.“

Im „Zeit“-Interview berichtet Pirinçci unter anderem über die Lebensphase, in der seine Heterosexualität für ihn selbst zum Thema wurde und über die Reaktionen von Günther Grass und Jorge Gonzalez, nachdem er sie darüber informiert hatte, mit dem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen. Am Ende des Gesprächs hat der große Autor Tränen in den Augen: „Da war ja auch die Sache mit meinem Sohn, dessen Existenz natürlich geheim gehalten werden musste. Wenn man uns beide auf der Straße sah und mich fragte, wer das denn sei, gab ich stets ‚Stricher vom Bahnhof’ zur Antwort. Aber als der Kleine dann etwas größer wurde, fragte er mich, was ein Stricher sei. Da musste ich ihm weinend gestehen: ‚Leute, die für Geld Bücher schreiben.’ Klingt irgendwie total homo.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Facebook-Seite des Autors.


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