10. Januar 2014

Die Erpressung Entweder erkennst Du mich an, wie ich bin, oder Du bist mein Feind

Wo dieser Anspruch erhoben wird, herrschen totalitäre Verhältnisse

Am Anfang stand die Frage, wie ich die Weihnachtszeit verbracht hätte. Binnen 32 Sekunden förderte das Gespräch an einem der zurückliegenden Festtagsabende die überraschend kritische Haltung meines Gesprächspartners gegenüber der katholischen Kirche zutage. Diese Haltung war zwar alles andere als originell, wurde aber mit umso größerem subjektivem Nachdruck vorgetragen. Natürlich war der alleinlebende Mann in mittleren Jahren längst aus der Kirche ausgetreten. Sie gehe nicht mehr mit der Zeit, erklärte er, und entferne sich zu weit von der wirklichen Welt. Mein Hinweis, es sei auch gar nicht die Aufgabe der Kirche, sich der Welt anzupassen, sondern zu verkünden, dass es erstens außer dieser Welt noch eine andere gebe und dass zweitens diese Welt anders sein könne als sie ist, sobald die Menschen sich nur ein wenig anstrengten, anders zu werden, als sie sind – dieser Hinweis wurde nicht so recht gehört.

Es stellte sich heraus, dass der Bruder meines Gesprächspartners in einer homosexuellen Verbindung lebt. Mein Gesprächspartner vertrat die Ansicht (wiederum mit großem subjektivem Nachdruck, als ob er diese These erfunden hätte), auch das sei Familie. Damit steuerte unser kurzer Wortwechsel auf seinen Höhepunkt zu, denn ich widersprach. Familie, sagte ich, sei an die unauflösliche Verbindung von Vater und Mutter gebunden sowie an die Weitergabe des Lebens, vorzugsweise des eigenen Lebens. Alles andere komme zwar im Leben und in der Welt bekanntermaßen vor, verdiene aber nicht dieselbe begriffliche Bezeichnung und auch nicht dasselbe Ansehen. Mit diesen Differenzierungen würden keineswegs die Leute selbst missachtet oder diskriminiert, die aus weiß der Himmel was für Gründen und mit wer weiß was für Wunsch- und Sehnsuchtsvorstellungen anders lebten als die traditionelle Familie. Das Problem seien grundsätzlich nicht „die Menschen“, die frei geschaffen sind zu tun und zu lassen, was ihnen in den Sinn kommt. Nein, das Problem sei allein die Umwertung aller Werte, die neue Normierung, die uns etwas als gleich verkaufen wolle, was nicht gleich sei. Wenn etwas als gleich verkauft würde, was nicht gleich sei, so sagte ich, zahle jemand anders den Preis, in diesem Fall die Kinder. Es gebe keine neue Gleichheit ohne neue Ungleichheit.

Mein Gesprächspartner hatte natürlich auch die Adoption durch homosexuelle Paare befürwortet. Ich entgegnete, die Gleichheit beim Adoptionsrecht und mehr noch die Inanspruchnahme der künstlichen Befruchtung durch homosexuelle Paare führten zu einer dramatischen Ungleichheit bei Kindern, nämlich zwischen solchen, die noch mit ihren natürlichen (richtigen) Eltern aufwachsen, und solchen, die nur mit einem von beiden Elternteilen leben dürfen. Früher sei so etwas vorgekommen, jetzt müsse man es zum Wohle homosexueller „Eltern“ (genauer, zum Wohle des einen homosexuellen Elternteils und seines Partners) wollen. Das stelle die natürliche und sinnvolle Ordnung des Lebens schlichtweg auf den Kopf. Hier werde ein noch nie dagewesenes „Recht auf Kinder“ damit bezahlt,  dass die Kinder das Recht auf ihre eigenen Eltern verlieren. Das erkenne man daran, dass in der Berichterstattung über homosexuelle „Eltern“ nie danach gefragt werde, wo das zweite natürliche Elternteil bleibt und ob das Kind großzügigerweise in den Genuss der Anwesenheit und womöglich der Liebe beider Eltern kommen dürfe oder nicht. Meistens dürfe es das offenbar nicht, und meistens störe das offenbar auch kaum noch jemanden, während es noch bis vor kurzem als ein großes Unglück gegolten habe, wenn Kinder durch Tod oder Scheidung zu Halbweisen oder zu Scheidungshalbweisen wurden.

Meine regelmäßigen Leser werden meine Argumente kennen. Für mein Gegenüber war die Sache aber ganz einfach. Kinder brauchen ihre natürlichen Eltern gar nicht, diese Rolle könnten auch andere übernehmen. (Ich habe es kaum glauben wollen, wie schnell der öffentlich verkündete Müll zutiefst geglaubt und weitergetragen wird.) Alle anderslautenden Studien würden ja von interessierter Seite lanciert. Ich hatte keine Chance. Erstens schlug es mir zum Nachteil aus, dass ich in mehrfacher Hinsicht eine intime, erfahrungsgesättigte Kenntnis des zur Debatte stehenden Problems für mich reklamierte. Zweitens wurde meine Position, obwohl mein gegenüber mir eine argumentative Überlegenheit zugestand, als „radikal“ verworfen. „Rein emotional“ wisse er, so der Mann, dass er Recht habe. Dann wurden wir zu Tisch gebeten und kamen nicht mehr in die Verlegenheit, das Gespräch fortzusetzen. Die Aggressivität des Relativismus ist offenbar mit keinem Argument zu bremsen. Im Gegenteil, das Eingeständnis der argumentativen Unterlegenheit ging mit dem Entschluss einher, bestimmte Rücksichten aufzugeben und zwar insbesondere die auf irgendwelche „komischen Erfahrungen“ des anderen Menschen.

Was hat das nun mit meiner Überschrift zu tun? Ich muss leider noch einen Umweg machen. Die AOK Nordost wirbt seit einiger Zeit mit dem Spruch „WIR WOLLEN SIE SO, WIE SIE SIND“. Die dazugehörigen Abbildungen zeigen, dass die AOK alle möglichen Leute, seien sie dick oder dünn, Bart- oder Glatzenträger, tätowiert oder nicht tätowiert, schwul oder nicht schwul, allein oder nicht allein lebend, so will, wie sie sind, nämlich dick oder dünn, als Bart- oder Glatzenträger, tätowiert oder nicht tätowiert, schwul oder nicht schwul, allein oder nicht allein lebend. Wenn ich auf dem U-Bahnsteig vor diesen Plakaten stehe, weiß ich aber nicht, ob die AOK-Leute wie mich meint, die auf die U-Bahn warten und sich überlegen, was an diesem dämlichen Plakat nicht stimmt, oder ob sie von irgendwelchen Dritten spricht, die gerade gar nicht da sind, aber vermutlich auch noch irgendwo in Berlin leben. Kurz, man weiß nicht, ab es „sie“ („die da“ beziehunsgweise „siehe Abbildung“) heißen soll oder „Sie“ (Du). Im ersten Fall, so schließe ich, erklärt die AOK der solidarischen Sozialversicherungsgemeinschaft, dass die Leute auf den Fotos machen dürfen, was sie wollen, und dass es der AOK scheißegal ist, wie es ihnen dabei geht und welche Folgeprobleme aus dem jeweiligen Sosein entstehen. Im zweiten Fall, so schließe ich, ist es der AOK scheißegal, wie es den Leuten geht, die vor dem Plakat stehen und entweder AOK-Mitglieder sind oder es noch werden sollen. „Du bist krank? Macht nichts, wir nehmen Dich so, wie Du bist!“ Ich verstehe dieses Plakat als eine pauschale Kündigung der AOK, die mit dieser Parole aus der Solidargemeinschaft austritt und die Versicherten (die heutigen und die neu geworbenen) sich selbst überlässt: „Sie sind todkrank? Sie treiben Raubbau mit sich selbst und ihren Nächsten? Macht nichts, wir wollen, dass das so bleibt, weil uns auf diese Weise die geringsten Kosten und vor allem keinerlei mühsame Verantwortlichkeiten entstehen, denn die haben wir leider bei der Werbeagentur vergessen, die uns für viel Geld dieses schicke Kampagne geliefert hat.“ Die AOK war einmal.

In Robert Spaemanns Aufsatz „Antinomien der Liebe“ findet sich ein in diesem Zusammenhang wichtiger Hinweis: „Jemanden akzeptieren, wie er ist, ist die äußerste Form der Resignation.“ Das klingt provokant. Ist nicht gerade das Gegenteil Ausdruck von Liebe, jemanden in seinem Sosein zu akzeptieren und anzunehmen? Wird wahre Liebe nicht grundlos geschenkt? Engelbert Recktenwald, Mitglied der Priesterbruderschaft St. Petrus, löste den Widerspruch dieser Tage mit einem höchst orientierenden Begriffspaar auf. Er unterschied zwischen „Wohlwollen“ und „Wohlgefälligkeit“. Dahinter ist unschwer die augustinische Forderung zu erkennen, die Sünde zu hassen und den Sünder zu lieben. Der gute Arzt muss zugleich ein Pädagoge sein, der den Kranken eben nicht in seinem Sosein akzeptiert, weder in seinem Kranksein noch in seiner womöglich krankheitsbedingten Lethargie. Vielmehr muss er ihn während der Therapie geschickt zu unterstützen wissen, wenn die Therapie an die Grenzen des Erträglichen geht. Das Wohlwollen ist die Liebe, die Gott jedem Menschen entgegenbringt, das Wohlgefallen aber ist das Mehr, das er nur dem Gutsein entgegenbringt, und Gutsein ist anstrengend.

Der Erwerb von Wohlgefallen, sei es das Wohlgefallen Gottes oder des Banknachbarn in der U-Bahn, setzt unsere Anstrengung voraus. Menschliche Liebe, insbesondere die treue Liebe, so sagt ein kluges Wort, ist vor allem ein robuster Wille. Von dieser Anstrengung will die AOK offenkundig nichts mehr wissen. Natürlich hat die AOK nicht die Aufgabe, ihre Versicherten zu lieben. Aber noch viel weniger ist es ihr erlaubt, ihnen die kalte Schulter zu zeigen und sie aufzufordern, das auch untereinander zu tun. Natürlich ist der dumm-aggressive Spruch der AOK den vielfältigen Anerkennungsforderungen geschuldet, die von allen möglichen Seiten erhoben werden, neuerdings auch von denen (wie man hört), die das Recht auf Sex mit Tieren fordern, was im Rahmen der aktuellen Entwicklung konsequent ist und entsprechend vorhersehbar war. „Anerkennung gehört“ aber, wie der Rechtsphilosoph Gerd Roellecke einmal betont hat, „zur Selbstdarstellung der anderen“. Anerkennung einzufordern, ist übergriffig. Sie der Allgemeinheit zu verordnen, ist totalitär. Die Forderung nach Anerkennung überspringt den Abstand zwischen dem Ich und dem Du. Scheinbar folgt sie aus der Selbstbestimmung des Ichs, tatsächlich aber kostet sie, sobald sie erzwungen wird, die Selbstbestimmung des Du. Es gibt ein Menschenrecht auf Abneigung.

Nun aber wirklich zu unserer Überschrift. Es dürfte klar geworden sein, dass ich den neuerdings propagierten Verzicht auf die Unterscheidung zwischen dem Sünder und der Sünde oder zwischen der Seele eines Menschen (seiner Substanz) und seinem jeweiligen Tun und Handeln (seinen Akzidentien) für einen Akt der nackten Barbarei halte. „Du bist, was Du tust“, brüllt der Medienmob dem mehr oder weniger verirrten Individuum  ins Gesicht. Der Medienmob spielt den strengen Gefängniswärter vor der Zelle des jeweiligen aktuellen Lebenswandels. Er passt auf, dass keiner mehr auf dumme Gedanken kommen und sich womöglich bessern würde, denn das wäre ja Verrat an der jeweiligen Minderheit, die so bitter hart um ihre „Rechte“ kämpft. Die befreiende Beichte gilt schon länger als Akt der Tyrannei, und nun offenbar auch der Besuch des Arztes. „Du bist, was Du bist, friss oder stirb“, so lautet die Parole der wahren Menschenfeinde, die nicht begriffen oder vergessen haben, dass das Menschsein wesentlich von  der Anstrengung gekennzeichnet ist, mehr zu sein als nur irgendein Mensch. Dass das Menschsein erst dort beginnt, wo wir in geordneten Beziehungen zu Menschen und Dingen leben, wo jeder auf sich und sein Wohlergehen achtet und dasselbe gegenüber anderen tut. Von all dem ist keine Rede mehr.

Vielmehr wird die Ausnahme-Identität mit dem Menschsein als solchem in eins gesetzt. Und dieser Schritt ist der Trick des oben genannten Erpressers. Das akzidente Merkmal steht plötzlich für die Substanz, so dass, wer bestimmte Akzidentien höher bewertet als andere, wer etwa pädagogisch, moralisch oder medizinisch begründete Ansprüche auf Wandel oder Besserung stellt, als radikal verurteilt oder gar als Menschenfeind in die Tonne getreten werden darf. Ein Identitätskonzept, das jedes Urteil und jeden Anspruch von vornherein verbietet, vor allem jedes traditionell wertende Urteil und jeden Anspruch, der den anderen dazu aufruft, auf seinem warum auch immer abwärts gerichteten Weg der Selbstüberschreitung umzukehren, ist schlicht diabolisch. Der Erpresser hält uns seine Waffe unter die Nase und sagt: „Entweder erkennst Du mich an, wie ich bin, oder Du bist mein Feind.“ Für die Liebe seines Feindes ist er zwangsläufig blind. Wie gesagt, ich halte das für diabolisch. Aber ich halte den Erpresser nicht für den Teufel. Ich kenne eine Antwort, aber keine bessere als jene, die diese brutale Tat nicht zum Wesen des Erpressers erklärt – und ihm verzeiht.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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