22. Januar 2014

Schummelei Casablanca in München

Der Fall des ADAC

Wie, der ADAC hat geschummelt? Hat seine 19 Millionen Mitglieder dreist belogen? Bei einer Wahl der angeblichen Lieblingsautos der Deutschen? Eine Wahl, die keine denkende Sau interessiert, außer Profilneurotiker der Autoindustrie und ein paar ADAC-Vorstandsärsche selber? Leute, die keiner kennt, mit denen niemand ein Wochenende in Ruhpolding verbringen möchte? Gibt es etwa einen Irren, der mit dem stinkstiefeligen VW-Chef Martin Winterkorn auch nur ein halbes Bier trinken will? Bitte melden! Der „Gelbe Engel“ ist einer dieser Preise wie „Bambi“. Jeder weiß, dass da gemauschelt wird, und zwar derart, dass die A-Säule wackelt und die B-Säule gleich mit. Von allen Aufregern der letzten Wochen ist der „ADAC-Skandal“ der nichtigste, der blödeste.

Es verhält sich so: Die Mitgliedschaft im ADAC ist eine relativ günstige Versicherungspolice. Sie rentiert sich vor allem für Leute, die alte oder ältere Schüsseln fahren und mit denen oft weiträumig unterwegs sind. Zum Beispiel Leute, die schwache Batterien an Bord haben (Haupteinsatzgrund für die „Gelben Engel“ im Winter) oder die ihre Tanks ständig leer fahren, auf der Suche nach einer günstigen Tanke und im falschen Vertrauen auf eine korrekte Kraftstoffstandanzeige (zweithäufigster Grund, den ADAC zu rufen). Wer ein halbwegs neues, einigermaßen gewartetes Auto besitzt und nicht chronisch knickerig ist, der braucht den ADAC nicht. Das erzählt einem off the record übrigens jeder Pannenhelfer.

Der Club selber ist hauptsächlich ein Wirtschaftsunternehmen, das alle möglichen Produkte rund ums Auto vertickt. Als solches ist es natürlich weitmöglichst davon entfernt, seinen Mitgliedern objektive Tipps zu geben. Das Unternehmen ist Lichtjahre von den Standards der „Stiftung Warentest“ entfernt (auch wenn Warentest jetzt mal in der Causa Ritter Sport einen übergebraten bekommen hat).

Der ADAC ist aber auch schon lange kein Verein mehr, der die Interessen bleifußgeiler Raseridioten vertritt. Das glauben höchstens noch ein paar Grünzausel. Wenn sich der ADAC in seiner Mitgliederzeitschrift „Motorwelt“ für mehr Radarfallen stark macht, heißt das nichts anderes als: Der Club ist in der Mitte der Auto-kritischen Gesellschaft angekommen. Sein - noch - anhaltender Widerstand gegen flächendeckende Tempolimits wird von den meisten Verkehrswissenschaftlern geteilt, sofern diese nicht völlig ideologisiert sind. Und die Argumente des ADAC gegen eine Autobahnmaut teilen auch viele unabhängige Experten. Außer sie fahren auf dem populistischen Ticket von Seehofer.

Der ADAC hatte immer nur ein einziges Interesse: das des ADAC. Diese Nachricht ist so alt wie der ADAC. Wer ernstlich glaubt, die erschröcklichen Enthüllungen aus München über die „angekratzte Glaubwürdigkeit“ des Clubs seien irgendwie diskussionswürdig, der möge sich bitte noch mal „Casablanca“ reinziehen. Eine der wunderbaren Szenen des Films geht so: Der korrupte Polizeichef Capitaine Renault, dem gerade sein Schweigegeld zugeschoben wird, lässt das Club-Casino von Rick, dem Betreiber, schließen.

Rick: „Mit welcher Begründung?“

Renault: „Ich bin entsetzt. Ich musste feststellen, dass hier im Lokal Glücksspiele stattfinden.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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