24. Februar 2014

SWR3 Das andere Deutschland

Alles ist in bester Ordnung

Jeder hat so seinen Lieblingsradiosender. Der erfolgreichste hierzulande ist SWR3 des südwestdeutschen Rundfunks. Ich lasse mich gern morgens davon berieseln, wenn ich von den Toten auferstanden bin und meinen Tee trinke. Eigentlich handelt es sich dabei um einen gewöhnlichen Dudel-Sender, der Hits rauf- und runterspielt, kurze komödiantische Einlagen bringt, zwischendurch Events veranstaltet, Urlaubsreisen bei Gewinnspielen spendiert und Hörern Gelegenheit gibt, sich zu diesem und jenem Thema telefonisch zu äußern. Als ein Sender des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit einem quasi staatlichen Auftrag beliefert SWR3 sein Publikum natürlich auch stündlich mit meist politischen News aus der grün-roten Ecke und gesellschaftlich relevanten Statements, aber das ist nicht von Belang.

Dennoch gelingt dem Sender wie kein zweiter in den Köpfen der Hörer ein Deutschlandgefühl zu erzeugen, das von der Realität dieses Landes nicht entfernter sein könnte. Es handelt sich sozusagen um ein Alternativ-Deutschland in einer schönen strahlenden Parallelwelt. Man könnte annehmen, dass dies durch die Auswahl der Musik und der Beiträge zufällig einfach so geschieht und es sich dabei keineswegs um eine Methode handle. Desweiteren könnte man annehmen, dass bei einem Dudel-Sender unvermeidlich ein idealisiertes Bild der Welt entstünde, welches die Leute von ihren alltäglichen Sorgen ablenken vermöge. Könnte so sein. Nichtsdestotrotz ist bei SWR3 sowohl Methode als auch das offensichtliche Propagieren eines fast nationalistisch gefakten Deutschlandbildes derart offenkundig, dass kaum Zufall dahinterstecken kann.

Wie schafft aber SWR3 diese Illusion? Durch folgende Vorgehensweise:

Musik

Kein Sender spielt so oft Hits aus den 80ern wie SWR3. Es ist ein Zugeständnis an die Forty-and-fifty-somethings hauptsächlich aus der Provinz, die damit ihre unbeschwerte Jugend und ein noch in seiner Gesamtheit homogenes Deutschland assoziieren. SWR3 spielt (außer Fanta 4) niemals Rap oder deutschen Rap, nicht einmal Adult- oder Romantic-Rap aus deutschem Lande noch eine andere angesagte moderne Musikrichtung, die man auch nur im Entferntesten mit Urbanität im Zusammenhang bringen könnte, weil dies im Kopf der Hörer Gedankenverknüpfungen und Bilder von tatsächlichen Zuständen im Lande heraufbeschwören könnte. Selbst Nummer-Eins-Hits aus diesem Bereich werden frech ignoriert. Stattdessen wird das Programm fast zu 30 Prozent von alten Kamellen von Bon Jovi und den Toten Hosen ausgefüllt.

Höreranrufe

Bei SWR3 rufen grundsätzlich niemals Hörer aus einer Großstadt an. Man kann das Programm 24 Stunden am Tag anhören, und kein einziges Mal wird man erleben, dass ein Hörer aus Berlin, Hamburg, Stuttgart oder Frankfurt anruft. Die Anrufer kommen stets aus kleinen Käffern, wo Deutschland vermeintlich noch mit seinen Schützenvereinen, Dorfdiscos, (heterosexuellen) Dorf- und Kleinstadtliebschaften und atemberaubenden Abenteuern wie einem Ausflug zum Heavy-Metal-Konzert existiert. Allesamt sind sie vorselektiert. Niemals, niemals, niemals ruft bei SWR3 ein Türke, ein Araber oder ein anderer Muslim an, selbst wenn er sich als ein Deutscher versteht und das Programm mag. Auch Ausländer südlich der Alpengrenze sind nicht gern gesehen. Stattdessen melden sich ständig Hörer aus skandinavischen Staaten, je kälter, desto besser, welche offenkundig nichts anderes zu tun haben, als millionenfach SWR3 zu verfolgen. Klar kommt zwischendurch ein Sketch von einem Bülent Ceylan oder Kaya Yanar, aber nur deshalb, weil diese nicht mehr zu ignorieren sind.

Ebenso wird mit anderen Minderheiten verfahren, die ja so minder nicht mehr sind. Sie existieren bei SWR3 einfach nicht (außer bei den aufgezwungenen Nachrichten). Obgleich der Internetauftritt des Senders mit Farbtupfern in Form von schwarzen Musikern brilliert, ist er porentief migrationshintergrund-, ausländer-, schwulen- und lesbenfrei, insbesondere jedoch Deutschland betreffend problemfrei. Der gewöhnliche Anrufer, der zumeist Horst oder Karl-Heinz heißt, meldet sich zumeist aus seinem Brummi oder Büro und beteuert, dass er sich nach Feierabend auf sein Schätzchen freut. Und die Anruferin, obgleich augenzwinkernd modern tuend, kichert, dass sie sich beeilen müsse, weil die Kinder bald aus der Schule kämen und sie das Essen auf den Tisch stellen wolle.

Alles Nicht-Deutsche kommt bei SWR3 in Gestalt von Urlaubserlebnissen oder Reiseberichten vor, und der größte Schenkelklopfer ist der, wenn der Traktor in den Graben gefahren ist oder die (deutsche) Studentin ihren Eltern WhatsApp beibringen soll. SWR3 konserviert jeden Tag ein Deutschland, das es längst nicht mehr gibt, und dessen Stimmungsbild aus längst vergangenen Tagen und aus der Provinz stammt, wo Menschen sich noch einreden, dass sie vermittels einer permanenten Zeitreise in den 80ern mit Prince, Grillen im Garten als den Höhepunkt des Jahres und doofen, gern dialektisch eingefärbten Witzchen um sechs Uhr morgens verharren. Man könnte das für perfekte Unterhaltung halten. Wenn man nicht den Verdacht hätte, dass der Hörer damit in einem Alles-ist-in-bester-Ordnung-schlaf-weiter-Zustand gehalten werden soll.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Facebook-Seite des Autors.


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