12. März 2014

Internet Das Netz ist dumm

So sollte es auch bleiben

Dossierbild

In der „Bild am Sonntag“ forderte der Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur Alexander Dobrindt am vergangenen Wochenende das „schnellste und intelligenteste Netz der Welt“ für die heimischen Gefilde. Schnell: schön und gut. Intelligent? Besser nicht.

Denn was eine solche „Intelligenz“ bedeuten würde, zeigt ein Blick auf die Auswüchse im analogen Lebensraum. Auf der gesamten Welt laufen derzeit Bestrebungen, Großstädte „smart“ und „intelligent“ zu machen – was auf nichts anderes als auf die Überwachung der Bürger hinauslaufen wird. Staatliche Stellen erhalten Schritt für Schritt die notwendigen elektronischen Werkzeuge an die Hand, um jede nur erdenkliche Information über das Leben ihre Bürger zu sammeln, zu speichern und zu nutzen für die allumfassende Steuerung jedes sozialen Bereiches. Angefangen bei elektronischen Stromzählern und Thermostaten über per Straßensensoren geschaltete Ampeln bis hin zu in motorisierten Vehikeln vorgeschriebenen Geräten, die „nicht kooperative Fahrzeuge“ per amtlichem Knopfdruck stoppen sollen. Planer und Überwacher werden dank dieser Werkzeuge das reale Leben ihrer Bürger mehr und mehr kontrollieren können. Und „Intelligenz“ bedeutet in ihren Augen nichts anderes als die Möglichkeit zur intensiven Kontrolle – im realen Leben wie im Internet.

Dabei war gerade das weltweite Kommunikationsnetz von Anfang an auf „Dummheit“ getrimmt. Die Kupfer- und Glasfaserleitungen leiten lediglich Einsen und Nullen von Sendern zu Empfängern. Für alles andere sind die Anwender selbst zuständig. Hätte sich in den späten 70er Jahren die Internationale Fernmeldeunion, eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, durchgesetzt, sähe das Internet heute womöglich langweiliger und einförmiger aus. Doch dank der Durchsetzungskraft des Kommunikationsprotokolls TCP/IP blieb die Intelligenz bei den Nutzern. Die Netzbetreiber sind seitdem lediglich für die Übertragung binärer Zeichen zuständig.

Dies soll sich womöglich ändern. Alexander Dobrindt ist nicht der erste Politiker, der auch vor dem Hintergrund des NSA-Datenlecks nach Reformen des Internets ruft.

Seine Chefin, die Kanzlerin, beriet sich schon am 19. Februar 2014 mit dem französischen Staatspräsidenten Francois Hollande über ein „europäisches Datenschutz-Netzwerk“. Ziel scheint es zu sein, die Reichweite des Internets für europäische Nutzer deutlich zu beschneiden. Merkel sagte: „Wir werden vor allen Dingen auch darüber sprechen, welche europäischen Anbieter wir haben, die Sicherheit für die Bürgerinnen und Bürger bieten: Dass man nicht erst mit seinen E-Mails und anderem über den Atlantik muss, sondern auch innerhalb Europas Kommunikationsnetzwerke aufbauen kann.“ Erste Planungen dazu initiierte der Netzbetreiber Deutsche Telekom schon im November 2013. In dem vom rosafarbenen Riesen angepeilten Netz sollen auch Daten aus Deutschland die europäischen Schengen-Grenzen nicht verlassen können. Seit mehreren Monaten schon laufen auch entsprechende Beratungen mit dem französischen Telekommunikationsanbieter Orange.

Ein „intelligentes“ Internet wäre ebenso verhängnisvoll weil zentralisierend wie die Errichtung von digitalen Mauern zwischen Nationen und Individuen. Doch „Spiegel“-Autor Sascha Lobo hat vollkommen Recht: Welcher Politiker würde schon ein superschnelles aber superdummes Internet fordern?


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