18. März 2014

Uli Hoeneß Du bist Steuererklärung!

Kapitalismuskritik am Rande des Wahnsinns

Dossierbild

Man kennt das von sich oder aus dem Bekannten- und Freundeskreis: Eines Morgens wacht man auf, redet wirres Zeug, reißt sich die Kleider vom Leib, rennt schreiend zum Marktplatz und uriniert in aller Öffentlichkeit, kurz: Man hat komplett den Verstand verloren. Ein solches Opfer ist auch nun in der „Spiegel“-Redaktion zu beklagen. Der Kolumnist Georg Diez, die Edelfeder mit der schönsten Nerdbrille der Welt, hat sich jetzt auch zum Hoeneß-Fall geäußert. Es ist ein Hilferuf nach psychiatrischer Behandlung. Denn so einer wie Diez krakeelt natürlich nicht wie die „Bild“ einfach „Verknackt Hoeneß!“, sondern hat das Große und Ganze im Blick, er sinniert und philosophiert darüber mit angewinkeltem kleinen Finger.

Aber es nützt alles nichts, irgendwo in der Mitte des Textes bricht der Wahnsinn aus ihm heraus und er sagt allen Ernstes: „Die Steuererklärung ist das, was den Bürger deutlich und nachvollziehbar zum Bürger macht.“ Es gibt unterschiedliche Definitionen und Interpretationen, was den Bürger zum Bürger macht, aber dass es die Steuererklärung sei, ist in der Tat der helle Wahnsinn. Im Grunde ist Diez aber noch zu milde und zurückhaltend, denn eigentlich meint er nicht Bürger, sondern Mensch beziehungsweise nur jener besitzt eine Existenzberechtigung, der auch brav seine Steuern abdrückt. Man fühlt sich an Zeiten erinnert, als die schwer bewaffneten Steuereintreiber des Königs durch die Lande zogen und von den Untertanen meist unter Folter den königlichen Tribut einforderten. Allerdings betrug dieser damals ein Zehntel des Erwirtschafteten.

Die Aussage ist sehr mutig von Diez, weil er Millionen und Abermillionen von Menschen hierzulande als Bürger disqualifiziert. Nicht vergessen: Von den zirka 50 Millionen Werktätigen in Deutschland bezahlen 25 Millionen fast überhaupt keine Steuern (5 Prozent des gesamten Steueraufkommens) – im Gegenteil: Viele von ihnen sind Aufstocker und bekommen vom Staat noch zusätzlich Geld. Damit nicht genug, etwa 13 Millionen vom Rest arbeiten selbst direkt oder indirekt für den Staat, kassieren also Staatsknete, so dass deren Steuern als eine Verrechnung anzusehen sind. Nach Diez' Definition sind also 38 Millionen Beschäftigte keine Bürger, weil sie zum Steueraufkommen gar nichts beitragen. Gar nicht überraschend auch, dass diese am lautesten nach Hoeneß Vierteilung und Schlachtung rufen, obwohl der schon 50 Millionen Euro an Steuern bezahlt hat.

Diez verpackt das Ganze in die gute alte Kapitalismuskritik und streut hier und da Verschwörungstheoretisches wie „Rating-, Troika- und Dax-Übermacht“ ein. Den Rest sollen wir uns selber denken: Die Reichen Schweine zocken uns ab! Das mag sogar durchaus so sein. Nur wie kommt er zu der Annahme, dass, wenn man Hoeneß zu 100 Prozent besteuerte und die Milliarden des verbliebenen Aldi-Bruders komplett enteignete, die Genies vom Staat uns mit der Kohle das Paradies auf Erden bescheren würden? Irgendwer hat ausgerechnet, dass wenn man Hoeneß Hinterzogenes unter den Deutschen verteilte, ein jeder 14 Cent bekäme. Bei dem Zaster des Aldi-Opas spränge vielleicht ein Euro und noch was raus.

Das ist nämlich das Geheimnis von Steuern, Georg: Irgendwelche Deppen müssen schon den sexualtriebhaften Drang besitzen, reich zu werden – damit man ihnen mehr als die Hälfte wieder abnehmen und unter denen verteilen kann, die überhaupt keine Steuern zahlen. Daß Uli jetzt einfahren muss, mag den „Bürgern“ an diesem Wochenende vielleicht einen Kettenorgasmus bescheren, aber unter steuerrelevanten Gesichtspunkten ist die ganze Angelegenheit doch recht kontraproduktiv. Außerhalb des Knastes hätte man ihn weiterhin viel effektiver schröpfen können. Das hätte ich Dir alles ganz genau erklären können, Georg, bevor du verrückt geworden bist. Aber so...

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Facebook-Seite des Autors.


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