18. März 2014

Paul Craig Roberts Kontrollfreak in Nadelstreifen

Die Gallionsfigur des Antiamerikanismus schwärmt von Wahlscheibentelefonen in Plattenbauten

Dossierbild

Paul Craig Roberts, Mitbegründer der Wirtschaftspolitik Ronald Reagans, ist genervt von den Libertären. „Ich mag ihre Verteidigung der Freiheit“, schrieb er seinem Übersetzer Johannes Maruschzik. „Doch ich habe die Geduld mit ihnen verloren.“ Mit dem Laissez faire-Kapitalismus habe er gebrochen. Aus dreierlei Gründen, die er in seinem aktuellen Buch „The Failure of Laissez Faire Capitalism and Economic Dissolution of the West“ darlegt. So schreibt er, es sei naiv zu glauben, dass Märkte sich selbst regulieren könnten. Die handelnden Marktakteure benötigten sehr wohl eine ordnende Hand. Weltweiter Freihandel bringe zudem erheblichen Schaden für die industrialisierte Welt in Form von Wohlstandsverlusten und zunehmender Armut. Und zu guter Letzt beute der Kapitalismus Mutter Natur aus. Die Schäden und Rohstoffverluste seien mit Geld nicht aufzuwiegen.

Paul Craig Roberts agiert in diesen Tagen, gerade vor dem Hintergrund des Konflikts um die Krim, als eine Art Gallionsfigur anti-westlicher, anti-amerikanischer Stimmungen in Deutschland und Europa. Er wird hofiert auf den Plattformen der alternativen Medien und ausgiebig zitiert. Auch viele freisinnige USA-Kritiker verweisen heute gern auf ihn. Grund genug also, einen etwas tiefergehenden Blick auf die Theorien und Gedankenspiele des ehemals zweithöchsten Beamten im US-Finanzministerium zu wagen.

Sein aktuelles Buch dient hier als erhellender Fundus. Paul Craig Roberts sieht die Deregulierung der Finanzmärkte als Ursache der seit Jahren anhaltenden Finanz- und Schuldenkrise: „Der wirtschaftliche und finanzielle Schlamassel, in dem sich die USA und Europa befinden, und der in einen großen Teil der restlichen Welt exportiert wurde, ist die direkte Konsequenz von zu großer wirtschaftlicher Freiheit.“ Der weltweite Freihandel sei angesichts des in Lichtgeschwindigkeit umlaufenden Kapitals eine Fehlkonstruktion. Paul Craig Roberts plädiert in „The Failure of Laissez Faire Capitalism and Economic Dissolution of the West“ folgerichtig für wirtschaftlichen Protektionismus, denn der „Kapitalismus stellt die benötigten Ressourcen nicht mehr effizient und gerecht bereit.“ Die natürlichen Gesetze des Marktes besäßen keine Gültigkeit mehr in einer „vollen Welt“, in einer Welt voller menschengemachter Produkte und Objekte. Neue Regeln des Wirtschaftens müssten gefunden werden, so Roberts, um die Gefahren der nahenden Ressourcenknappheit einzudämmen. Zum Beispiel sei die behördliche Einteilung von Wirtschaftszonen ein zu bevorzugendes Werkzeug, um dem ausufernden „Problem der externen Kosten“ Herr werden zu können.

Roberts wartet mit vielen lang bekannten Waffen der Marktwirtschaftsgegner auf, weist auf die Unmöglichkeit des unbegrenzten Wachstums in einer begrenzten Welt hin, kritisiert Fracking und den zunehmenden Energiehunger. Er sieht ein schreckliches Ende für den Kapitalismus und die westliche Lebensweise voraus. Natürliche Ressourcen würden alsbald, erschöpft von der menschlichen Gier nach Wohlstand und Wachstum, dem freien Markt die Grenzen aufzeigen.

Seine Schlussfolgerung: „Für die organisierte Gesellschaft ist Planung essentiell, um mit den Konsequenzen dieser Erschöpfung fertig zu werden. Doch Planung erscheint diskreditiert aufgrund der Fehler in der Sowjetunion.“ Das sowjetische Derivat der Planwirtschaft sei schlicht nicht gut genug gewesen, so Roberts. Eine andere Form der Planung sei heutzutage notwendig. Dabei müssten vor allem Mechanismen zum Schutze der Bürger vor wirtschaftlichen Krisen implementiert werden.

Obacht: Nein, nicht alles war schlecht in der Sowjetunion, so Roberts. Schließlich waren die Russen in der UdSSR niemals angewiesen auf private, benzinhungrige Fahrzeuge, um Lebensmittelgeschäfte und Einkaufszentren zu erreichen. Auch waren sie nie bedroht von platzenden Immobilienblasen und Zwangsvollstreckungen. Sie litten nicht unter Wegwerf-Haushaltsgeräten und nach Profit strebenden Krankenhaus-Managern. Roberts meint dies ernst. Und beweihräuchert den Lebensstandard sowjetischer Bürger, ohne auch nur zwischen den Zeilen darauf hinzuweisen, dass lediglich Schwarzmärkte das Überleben in der UdSSR und ihren Satellitenstaaten sicherten. Statt weiterhin dem freien Markt zu frönen, sollten sich nach seiner Meinung der Westen und vor allem die energiehungrige USA ein Beispiel an den Sowjets nehmen und Pläne für Energie, Transport und Lebensmittelproduktion entwerfen. „Unabhängige Experten und Wissenschaftler“ sieht Roberts als geeignete Agenten des Kollektivwillens, zu deren Fähigkeiten es gehöre, Korruption im Planungsprozess „abschwächen“ zu können.

Paul Craig Roberts nennt seine Form der Planwirtschaft „steady-state economics“, Wirtschaften auf konstantem Niveau. „Konstanz“: Vielleicht der Lieblingsbegriff der Planungscholeriker. Es sei für die Wirtschaftswissenschaftler „höchste Zeit, an die Arbeit zu gehen und eine neue Wirtschaftsform für eine volle Welt“ zu entwerfen, so Roberts enthusiastisch.

Starker Tobak. Wo liegen überhaupt noch Unterschiede zwischen den Ausführungen von Paul Craig Roberts und klassischer marxistischer Ideologie? Sie sind kaum auszumachen. Er hat die Planwirtschaftsidiotie schlicht und einfach an den Sprachjargon der ökologisch korrekt schwafelnden Kontrollfanatiker angepasst. Sozialismus wurde bislang nur nicht ganz optimal umgesetzt, so auch seine Devise. Und seine Forderungen haben bei weitem nicht nur eine wirtschaftliche Dimension. Auch geopolitisch meldet er sich gerade angesichts des ukrainischen Zankapfels auf allen Kanälen zu Wort. Diesbezüglich fordert er letzten Endes nicht nur die Loslösung Deutschlands von der NATO und der scheiternden Wirtschaftsmacht USA. Er plädiert in „The Failure of Laissez Faire Capitalism and Economic Dissolution of the West“ auch für eine intensivere Kooperation der Bundesrepublik mit Russland, in der Deutschland „seine eigene Bestimmung“ finden könne. Wie dem freien Markt kann er anscheinend auch der individuellen Freiheit nichts abgewinnen. Statt an Obamas Rockzipfel sollen sich deutsche Bürger nun an Putins Hals werfen. Die nächste Supermacht wartet schon. Diesmal die gute, die eurasische. Die Eurasische Union existiert bereits, umfasst Russland, Weißrussland, Armenien und Kasachstan und beschäftigt circa 1.000 Beamte in der Moskauer Wirtschaftskommission. Auch die Ukraine soll bald hinzustoßen. Und mit der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, in der China und Russland ihre Kooperation koordinieren, lauert schon die nächste Stufe des regulierenden Zentralstaates.

Alternative Medien laufen in diesen Tagen Gefahr, dies zu verkennen, wenn sie Paul Craig Roberts als angeblich unbedarften, weil ur-amerikanischen, Insider eine Plattform bieten. Die Worthülse „Reagonomics“ und die von Roberts mitentwickelte Steuerreform von 1981 blenden. Doch Menschen mit ökonomischem Verstand und freisinnigem Herz werden erkennen, wohin die Reise geht, wenn Roberts von einer „neuen Ökonomie für eine volle Welt“ sinniert.


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