24. März 2014

Rechtsextremismus? Was in der Gesellschaftsmitte ankommt!

SS reloaded: Schüßlers Salze

Bei jeder ihm passender Gelegenheit lässt das Juste Milieu eine rhetorische Figur Pirouetten drehen. Es handelt sich um die „Mitte der Gesellschaft“. Dort soll längstens „der Rechtsextremismus angekommen“ sein. Das suggerieren Studien, die regelmäßig von Think Tanks wie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung bei einschlägigen Instituten in Auftrag gegeben werden. Die selbstredend von vornherein festgetackerten Ergebnisse werden von vielen Medien nachgeplappert. In Wahrheit ist der Rechtsextremismus, wie Wahlergebnisse aufzeigen, ungefähr so gesellschaftsmittig wie Katzen grillen, mit Eigenurin anstoßen oder sich vor Nacktfotos rumänischer Knaben einen runterholen. Die politische Bedeutung von stramm rechten, rechtsradikalen oder gar neonazistischen Positionen in Deutschland verhält sich umgekehrt proportional zur Sozialdemokratisierung und Muttifizierung ehemals konservativer Kreise.

Was tatsächlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist: eine anschwellende Neigung zu Hokuspokus und Scharlatanerie; zu Aberglaube, Öko-Voodoo, Handauflegen, schamanischen Ritualen und anderen, schwerstspinnerten Heilungsversuchen.

In den aus Steuergeld alimentierten Volkshochschulen tibetert, taichit und quigongt es mächtig. Der Medienhype um den Vegetarismus ist mittlerweile auf den Veganismus ausgeweitet worden. Kaum ein größeres Blatt, das nicht eine Nachwuchskraft dazu verdonnert, drei Wochen lang vegan zu leben das auch noch total lecker zu finden.

Im Mittelstandsektor floriert eine Produkte- und Dienstleistungsindustrie unter dem Label „Alternative Medizin“. Gern wird dafür auch das Schmuseadjektiv „sanft“ eingesetzt. Von fernöstlichem good-for-body-and-soul-Geschwurbel à la Ayurveda über die aus England importierten Bach-Blüten-Zaubertropfen bis hin zum endemischem Verdünnungswahn namens Homöopathie hat sich ein irgendwelche Heilungen versprechendes Soziotop breitgemacht, das vor Jahrzehnten nur eine milde bespöttelte Randexistenz fristete, meist im Räucherkerzendunst von Esoterikbedarfsläden oder dem säuerlichen Mief der Reformhäuser.

In Deutschland, einem der medizinisch am besten versorgten Länder des Planeten, greift die frivole Vorstellung um sich, statt eines jahrelang an hervorragenden Fakultäten ausgebildeten Mediziners tauge ein Medizinmann mit Herzensbildung (beziehungsweise eine Kräutermamsell, deren Mann und Kinder aus dem Hause sind) weitaus besser zum gesund machen. Statt zu wirksamen Medikamenten, die freilich immer auch gewisse Nebenwirkungen zeitigen, greifen viele Menschen zu Mittelchen, die rein gar nichts bewirken. Außer dass sie ihre Hersteller reich machen.

Selbst manche ausgebildete Ärzte, wie der hauptberuflich als Publikumsbespaßer auftretende Eckart von Hirschhausen, sind sich nicht zu schade, der Wiederkehr des medizinischen Mittelalters einen fröhlichen Willkommensgruß zu entbieten, wie jüngst im „Stern“. Kaum ein Zeitgenosse, schon gar kein prominenter, wagt mehr auszusprechen, was wissenschaftlich zigmal bewiesen wurde: „Alternative Medizin“ ist meist bloß ein freundliches Synonym für Bullshit.

Manchmal machen sich gesellschaftliche Verrückungen im Lokalen kenntlich. Die Diaspora zeigt, wie weit die Dinge bereits fortgeschritten sind. Nehmen wir die niedersächsische Kleinstadt Hemmoor, ca. 8.700 Einwohner. Zentrum einer ländlichen Samtgemeinde, weit weg von den Verstiegenheiten der Metropolen und den Comments der grünbürgerlichen, lattesüffelnden Guttuerei. Hier weht nicht der leiseste Hauch von Prenzlauer Berg oder Freiburg im Breisgau. In Hemmoor wohnen überwiegend sturmfeste, bodenständige Menschen. Humbug ist denen schwer zu verkaufen.

Aber geht da nicht doch was? Es gibt in dem Städtchen eine Apotheke, die praktischerweise einem Seniorenheim gegenüber liegt. Sie hat zu einem „Patientenvortrag“ einer Heilpraktikerin über so genannte Schüßler-Salze geladen. Welche – O-Ton – „gegen eine Vielzahl von Beschwerden und Krankheiten eingesetzt werden können.“ Da ist keine professionelle Distanz mehr spürbar, auch nicht die Andeutung von kritischen Fragen. Nur blankes Einverständnis. Die Anhängerschaft der „kleinen Multitalente wächst und wächst“, jubelt es in der Einladung. Das nennt man einen Persilschein. Apotheker werden immer noch von vielen Menschen - besonders von älteren - als Autoritäten betrachtet.

Was sind Schüßler-Salze? Sie gehen auf den Oldenburger Arzt und Homöopathen Wilhelm Heinrich Schüßler (1821 – 1898) zurück. Ein Wünschelrutenenthusiast, dessen Promotion zu einem richtigen Doktor der Medizin bezweifelt werden darf. Seine Heilerlaubnis bezog sich ausschließlich auf Homöopathie. Nach Schüßlers bündiger Annahme gründen alle Erkrankungen in einem Mangel an 12 von ihm identifizierten Mineralsalzen, den es abzustellen gelte – Heilung garantiert.

Als Homöopath verfertigte er seine Tinkturen natürlich nach der Methode der enormen Verdünnung, die in dieser Szene ulkigerweise als „Potenzierung“ firmiert. Schüßler-Salze enthalten folgerichtig nur verschwindend geringe Dosen von Mineralsalzen, wie sie jeder Esser sowieso ausreichend mit der Nahrung aufnimmt. Der von engagierten Ärzten betriebene, auf die Entlarvung von Quacksalberei und Schlimmerem spezialisierte Blog „psiram.com“ subsumiert: „Ein wissenschaftlicher Beleg für seine (Schüßlers Verfahren, Red.) Wirksamkeit existiert nicht. Trotzdem können sie ganz legal über Apotheken oder das Internet verkauft werden. Dies begründet in ihrer deklarierten Zugehörigkeit zur Homöopathie, die als so genannte ‚besondere Therapierichtung’ keiner klinisch kontrollierten Arzneimittelprüfung außerhalb des eigenen Binnenkonsenses unterliegt.“

Schüßlers Salze mussten lange auf Anerkennung warten. Selbst die klassische Homöopathensekte, mit der Schüßler irgendwann gebrochen hatte, nahm sie nicht ernst. Erst die Nazis, die von einer „neuen deutschen Heilkunde“ träumten, verhalfen ihnen zu spätem Durchbruch. Die Salzbeibringungen wurden nun staatlich gefördert, Schüßler-Laienbehandler durften sich Heilpraktiker nennen. Braune Eminenzen wie der Reichsführer SS Heinrich Himmler hatten an Grünem, Okkultem und Esoterischem bekanntlich einen Narren gefressen. Himmler ließ für seine SS-Elite sogar einen eigenen „Bioladen“ („Süddeutsche Zeitung“) bauen. Auf dem Gelände des KZ Dachau entstand in Zwangsarbeit ein riesiger Kräutergarten auf „biologisch-dynamischer“ Grundlage. 800 Häftlinge starben hier zwischen 1939 und 1945 durch Entkräftung oder direkten Mord.

Himmler war es auch, der versuchte, die Wirksamkeit der Schüßler-Salze in furchtbaren Experimenten an Menschen belegen zu lassen. Zitat aus psiram.com: „Im KZ Dachau wurden Experimente an 40 katholischen Priestern durchgeführt, indem z.B. durch Einspritzen von Eiter Blutvergiftungen hervorgerufen wurden. Zehn Personen starben. Schüßler-Salze erwiesen sich, wie damals eigentlich schon bekannt war, als völlig wirkungslos.“

Studien über Schüßler-Salze gibt es bis heute nicht. Nicht mal die Herstellerfirma nennt welche. Der Glaube muss genügen. Der Alternativmedizin-Experte Edzard Ernst urteilte im Stern: „Schüßler-Salze sind seit Jahren ein kommerzieller Renner – sie enthalten so gut wie nichts, kosten aber ordentlich.“ Sein Fazit: „Bei meinen Recherchen fand ich keine einzige Studie zur Wirkung der Schüßler-Salze bei irgendeiner Erkrankung. Persönlich würde ich mein Geld für etwas anderes ausgeben.“

Gleichwohl gibt es Weißbekittelte, die diesen Quark wärmstens empfehlen („Mit Schüßler-Kuren gesund durch das Jahr!“). In einer Kleinstadt im Norden, sicherlich auch an vielen anderen Plätzen der Republik. So sieht’s aus, wenn gewisse Dinge in der Mitte der Gesellschaft ankommen: extrem blöde.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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