26. März 2014

Norman Borlaug Brot für die Welt

Der Mann, der Malthus entkräftete

„Wer zum Teufel ist Norman Borlaug?“, mögen sich manche Touristen fragen, die in Zukunft die National Statuary Hall in Washington besuchen werden. Im Statuenraum des Kapitols wurde am gestrigen Dienstag eine Skulptur zu Ehren des Agrarwissenschaftlers anlässlich seines 100. Geburtstags enthüllt. Ähnlich fragte schon vor einigen Jahren der Psychologe Steven Pinker und kam in einem Essay über den moralischen Instinkt zu der Erkenntnis, dass eben dieser Norman Borlaug vollkommen zu unrecht unbekannt sei. Während die Massenmörder Hitler und Stalin in jedem Schulbuch behandelt werden, ist der Mann, der Millionen von Menschenleben rettete, noch heute nur Fachleuten ein Begriff.

Norman Borlaug widerlegte zu Lebzeiten die Theorie der Malthusianischen Katastrophe, die Theorie eines britischen Pfarrers, dass ein naturgesetzlicher Zyklus für die fortschreitende Verelendung der Bevölkerung durch Krankheit und Seuchen verantwortlich sei. Borlaug bewies, dass, anders als von Robert Malthus vorhergesagt, die Marktwirtschaft sehr wohl die Versorgungslage der Menschheit verbessert. Borlaug plädierte nicht für selbstkasteiende Enthaltsamkeit und für staatliche Geburtenkontrollen, nicht für Nachhaltigkeit und ökologisches Gewissen, wie es Malthus‘ Anhänger noch heute tun. Er setzte den steigenden Geburtenraten schlicht und einfach eine wachsende Produktivität entgegen. Borlaug rettete mit seinen Forschungen Millionen von Menschen vor dem Hungertod. Ohne politische Ideologie. Ohne Pläne. Ohne Hokuspokus. Allein durch die Schaffenskraft von rationaler Wissenschaft und Ökonomie.

Der Bauernsohn aus Iowa gilt als der Vater der „grünen Revolution“. Tief erschüttert von der Armut mexikanischer Bauern, die sich und ihre Familien kaum selbst ernähren konnten, begann er in der Mitte der 1940er Jahre damit, neue Weizensorten zu züchten, die Pilzerkrankungen widerstehen konnten. Bis 1979 leitete Borlaug die Weizenabteilung des Internationalen Mais- und Weizenveredelungszentrums in Mexiko. Während seiner Arbeiten dort entwickelte  er mehrere Weizenhochleistungssorten, wobei er auch die Grundlage für die Züchtung von diesen Sorten in Pakistan und im Mittleren Osten legte. Besonders bekannt wurde der ertragsstarke Mexiko-Weizen, dem ein Gen zum „Zwergwuchs“ einer japanischen Sorte eingezüchtet wurde. Dieser „kurzbeinige Weizen“ kann aufgrund seines kurzen und kompakten Halms die schwere Ähre tragen, ohne abzuknicken. In den frühen 1960er Jahren hatten die mexikanischen Landwirte Borlaugs Züchtungen übernommen, die Weizenernte versechsfachte sich im Vergleich zu den 1940er Jahren. In Indien, wo dieser Weizen seit 1962 angebaut wird, konnten die Erträge in zehn Jahren auf fast das Dreifache gesteigert werden. Ähnliche Erfolge wurden China durch verbesserten Reis erzielt.

Für seine Verdienste im Kampf gegen den Welthunger erhielt Borlaug im Jahr 1970 den Friedensnobelpreis. „Mehr als jede andere Person unserer Epoche hat er geholfen, Brot für eine hungrige Welt herbeizuschaffen“, urteilte damals das Komitee. Am gestrigen Dienstag wäre Norman Borlaug 100 Jahre alt geworden.


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