10. April 2014

An „Die Zeit“ Lieber Ijoma!

Offener Brief von Verlagsleiter Andreas Lombard in Sachen Akif Pirinçcis

Dossierbild

Dein famoser Verriss von Deutschland von Sinnen in der neuen „Zeit“ beschäftigt uns immer noch recht intensiv. Einleitend erlaube ich mir, Dir André F. Lichtschlags hübsche Epithetasammlung im Volltext vorzustellen, denn wir wollen uns einen Überblick über Deine Bewertungen verschaffen. Danach ist Pirinçcis Buch zynisch, überspannt, roh, brutal, enthemmt, rauhbeinig, pamphletisch, rauschhaft, rausgekotzt, vulgär, verletzend, beleidigend, volksverhetzend, symptomatisch, beispiellos, obszön, verhasst, schlagend, verschärft, bizarr, grölend, menschenverachtend, brutalorechts, rechts, xenophob, wildgeworden, triumphalistisch, brutal, heulend, adolfhitleristisch, bärendienlich, gefährlich, rechtsrandig, wüst und komisch. Komisch!

Du hast es bestimmt auch gemerkt, die Hälfte dieser Kanonade ist großes Lob, von Deiner gelungenen Einleitung ganz zu schweigen, in der Du uns als Verlag die höchste Ehre erweist. Und der Rest? Ich frage mich, ob Du wohl auch die beklemmenden Stellen gelesen hast, an denen das Thema Abtreibung so eindrücklich vorkommt. Ich begnüge mich hier mit einem einzigen teddymäßigen Kommentar: Nicht die millionenfache Abtreibung gilt als menschenverachtend, sondern die seltene Klage über sie. Sechs Millionen zerfetzte Föten in den vergangenen 40 Jahren allein in Deutschland, und das ist nur die offizielle Statistik. Manfred Spieker schätzt die tatsächliche Zahl mit guten Gründen auf elf bis zwölf Millionen. Das, lieber Ijoma, ist der neue Völkermord (oder soll ich sagen, „Volksmord“?), der uns eines Tages vielleicht noch mehr auf die Füße fallen wird als der alte. Es dauert nicht mehr lange, auch wenn es in diesem Land immer noch einflussreiche Leute zu geben scheint, die einen Holocaust am liebsten mit einem Holocaust bestrafen würden oder wenigstens mit einem Volkstod. Ich habe an anderer Stelle schon etwas dazu gesagt…

Zurück zum Thema. Deine Rezension zeichnet sich durch eine schwebende Ambivalenz aus. Ihre werbende Seite fasst Leserkommentar Nr. 25 sehr schön zusammen: „selten eine so überzeugende Buchempfehlung gelesen. Werde mir das Buch kaufen“. Du schreibst, Pirinçci mache aus seinem Herzen keine Mördergrube, obwohl doch im Sinne Deiner Intention das Gegenteil logischer gewesen wäre, nämlich, dass er aus seinem orientalischen Herzen eine deutsche Mördergrube mache. An vielen Stellen fühlt man sich während der Lektüre wie auf einer Zugfahrt, wo man ja auch manchmal den Eindruck hat, ich jedenfalls, der Zug führe eben noch in die eine Richtung und im nächsten Augenblick in die andere, in die entgegengesetzte. Ich zitiere eine weitere dieser doppeldeutigen Stellen, denn auf die Richtung kommt es im Leben nun einmal an (so viel Spaemann muss sein): „Deutschland von Sinnen – das meint: Ihr habt sie doch nicht mehr alle! Und: Mit euch stimmt was nicht!“ Völlig richtig, lieber Ijoma, und nun gib doch bitte nur noch zu, wie oft Du das mit Blick auf Deine RedaktionskollegInnen, in Deine eigene Zeitung oder in den Fernseher auch schon vor Dich hingemurmelt hast.

Und dann ist da noch die aufschlussreiche Stelle gegen Ende, in der es darum geht, dass Du offenbar lieber ins Lager der Gleichstellungs-Beauftragten überlaufen würdest, als dem von Akif Pirinçci zugerechnet zu werden. Abgesehen davon, dass wir Dir das einfach nicht glauben – um Himmels willen, tu’s nicht, lieber Ijoma! Nicht einmal der Stuhl Deines Chefredakteurs wäre eine angemessene Kompensation, sondern nur der von Helmut Schmidt. Im Grunde hast Du doch das Zeug, sogar den zugegebenermaßen schwierigen, kleinen Akif in Deine Arme zu schließen. Kollege Serrao von der „Süddeutschen Zeitung“ hat doch uns allen gezeigt, wie leicht das geht. Denn, wie ein anderer Kollege namens Martin Lichtmesz (einer von den bösen Buben, die man nie, nie, nie zitieren darf) jetzt herausgefunden hat, hast Du eigentlich gar nichts gegen Vulgarität und enthemmte Affekte, sie müssen nur von den richtigen Leuten kommen. Lichtmesz schreibt: „Dabei ist es durchaus nicht so, dass man als Literatur-Redakteur der ‚Zeit’ nun jeden Fäkalsprachen-Exzess mit spitzen Fingern anfassen müsste. Roches Schoßgebete etwa waren für Mangold ‚ein furios übersteuerter Hilfeschrei nach Verwurzelung, Geborgenheit, Verlässlichkeit und Treue’, ‚eine fast schon pathetische Suchbewegung nach Verbindlichkeit ohne Spießigkeit’, ‚Roches Stil ist extrem nah an der Mündlichkeit – allerdings nicht irgendeiner Mündlichkeit, sondern ihrer sehr eigenen, nicht mehr und nicht weniger als entwaffnenden Mündlichkeit.’“ Ist das nicht rührend? Warum soll das, was für die schmuddelige Charlotte gilt, nicht ebenso für den garstigen Akif gelten? Hat der denn keine Sehnsucht nach Verbindlichkeit und Verwurzelung, etwa in einem Deutschland, das kein sich selbst aufätzendes Irrenhaus ist? Kann seine Gewalt nicht auch ein (nicht so) stummer Schrei nach Liebe sein? Und kann es denn vielleicht gar sein, dass er einen verdammt guten Grund für seinen „Hass“ hat, der wohl vor allem Zorn ist?

Ich verrate Dir noch etwas. Den kleinen Akif hat es am allermeisten enttäuscht, dass Du die vielen schlagfertigen und gewitzten Seite seines Buches überhaupt nicht gewürdigt hast. Und was er über Deinen Hitler-Vergleich denkt, sage ich Dir lieber nicht. Was wir darüber denken, haben wir heute einer großen Tageszeitung mitgeteilt, die uns um einen O-Ton gebeten hatte. Wir schrieben ihr: „Natürlich darf man Akif Pirinçci mit Adolf Hitler und Deutschland von Sinnen mit Mein Kampf vergleichen, wenn einem sonst nichts einfällt. Das hat jetzt ‚Die Zeit’ getan. Zurecht: Beide Männer haben eine Nase im Gesicht, und beide Bücher sind aus Papier. In Deutschland von Sinnen geht es aber nicht um den Anschluss Österreichs und auch nicht um eine jüdische Weltverschwörung. Pirinçci liebt nicht nur Deutschland, sondern auch die USA. Vor allem ist er im Unterschied zu Hitler kein Politiker. Er plant keinen Weltkrieg, und er malt auch keine Aquarelle. Dafür ist sein Buch viel lustiger als Mein Kampf.“

Und was die Schwulen betrifft: Da geht es Pirinçci bloß um ein Nicht, das kein Nein ist. Aber dazu ein andermal mehr – falls es Dich interessiert. Kurz gesagt, wir bleiben dabei: Dein Text wirkt nach genauer Lektüre ambivalent, und wir sind einmal mehr gespannt, wie es weitergeht. Mit Dir, mit Akif, mit den Gleichstellungs-BeauftragtInnen aller Länder und mit dem Rest der Republik, der nichts anderes mehr tut als Pirinçci lesen, lesen, lesen und sich ab und zu einen Ast lachen.

Schöne Grüße nach Hamburg!

Herzlich

Dein Andreas

Der vorstehende Artikel erschien zuerst auf der Seite „Deutschland von Sinnen“.


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