17. April 2014

Feminismus Bangen um das Binnen-I

Angsthasen und Angsthäsinnen?

Liebe Leser,

vermissen Sie, verehrte Leserin,  in obiger Anrede Ihre persönliche Anrede als Frau? Wenn nicht, dann gehören Sie zu den Millionen von Frauen, die damit kein Problem haben.  Und das, obwohl die Doppelnennung mit „Leserinnen“  zum politisch korrekten Sprachgebrauch gehört. Man schreibt und redet „geschlechter-gerecht“, und das nur, weil eine feministisch geprägte Minderheit das so will, eine agitatorische Meisterleistung. Tröstlich: Bei vielen Politikern tritt, anlässlich ihrer vielen täglichen Begrüßungen, ein genuschelter  „‑innen“- Schwund ein. Dabei  bleibt  ungewollt eine doppelte „Bürger“-Anrede übrig…

Im Schriftdeutsch erweist sich die Doppelnennung als sehr lästig und textverlängernd.  Das war die Geburtsstunde des  „Binnen-I“.  Dieses Konstrukt verbindet Leser und Leserin zu „LeserInnen“, das  i-Tüpfelchen ideologisch geprägter Sprachpflege. Es  hat zudem noch einen (gewollten?) Nebeneffekt: Beim normalen  (Vor-) Lesen verschmilzt das „LeserIn“ zur  „Leserin“.  Fürwahr eine ganz kommode Weise, dem feministischen Wunsch nach einem weiblichen Sprachstandard immer näher zu kommen. Mittlerweile findet das „Binnen-I“  immer mehr  Anwendung im Verwaltungsdeutsch – und das ohne großen Widerstand in den Amtsstuben.

Nicht so in unserem Nachbarland Österreich. Die Institution „Austrian Standards“ will das  Binnen-I – nebst anderen feministischen Sprachirrungen –  als Schreibnorm  verbieten. Die Feministinnen in Wien laufen Sturm, sie bangen um ihr Binnen-I. Verständlich. Wie lange haben sie dafür gekämpft, nicht immer in klassischen Anreden (generisches Maskulinum)  „nur mitgenannt“ zu werden.

Vom Widerstand gegen diese sogenannte „geschlechter-gerechte Sprache“ ist in Deutschland  allerdings wenig zu spüren. Es geht bei dieser sprachlichen Sonderform grundsätzlich um die Vermeidung vermeintlich männlicher Sprachformen. Mit unzähligen  „Sprachleitfäden“ regeln inzwischen die Gleichstellungsbüros der Bundesländer, der  Hochschulen, ja sogar der Kirchenverwaltungen bis in alle Einzelheiten ihre eigene diskriminierungsfreie Wohlfühlsprache. Sogar das Bundesverwaltungsamt sah sich gezwungen, mit einem Merkblatt die „Sprachliche Gleichbehandlung von Mann und Frau“ in den Bundesdienststellen zu regeln.  Zuwiderhandeln wird zwar nicht mit Strafen geahndet, aber man tut mittlerweile gut daran,  sich in Amtsstuben  geschlechtersensibel zu verhalten. Und die Medien? Für sie  waren die Sprachleitfäden bisher kein Thema…  

Das veränderte sich, als  die Leipziger Uni (später die Potsdamer Uni) letztes Jahr die nicht mehr zu toppende weibliche Anrede (Herr „ProfessorIn“) als Standardanrede – auch für Männer – einführte. Befragt, warum er diesen Unfug mit unterschrieben hat, antwortete ein Senatsmitglied: „Aus Angst vor den Feministinnen.“ Eine ehrliche, aber leicht verwunderliche  Aussage. Die „ProfessorIn“-Anrede hatte dann auch mediale Reaktionen zur Folge. Man  fand sie allerdings fast nur in den Feuilletons der Printmedien mit einem satirischen Zungenschlag. Ernsthafte Auseinandersetzungen mit dem ideologischen Hintergrund der Gendertheorie fanden kaum statt. Kein  Wunder bei der instinktiven Abwehr vor einer unbewiesenen Theorie, die Geschlecht („Gender“) als kulturelles Produkt definiert. Da kann Humor als adäquate  Abwehr dienen. Wirklich? Ist Durchwinken angesagt, bei einer inzwischen staatstragenden Ideologie, die  mit über 2000 Agenturen, den Gleichstellungsbüros, vermarktet wird  und mit über 200 Lehrstühlen versucht, sich einen wissenschaftlichen Anstrich zu geben ?

 Zurück zur Sprache. In der Genderwelt wird „political correct“ kommuniziert. Gender und „Political Correctness“:  eine fast geniale Gemengelage. Erklärtes Feindbild: der Mann. Bei der Linguistin Luise F. Pusch liest sich das dann so: „man müsste Männern sprachtherapeutischeMaßnahmen angedeihen lassen, um die totale Feminisierung zu erreichen.  Und, es werde ‚ihm‘ (dem Mann) guttun, sprachlich dem anderen Geschlecht zugezählt zu werden, und diesen ständigen Identitätsverlust hinzunehmen“. George Orwells  „Neusprech“ ( in „1984“ ) lässt grüßen.

Die totale Feminisierung, die Pusch anspricht, ist bereits Wirklichkeit: Die sogenannte geschlechter-„gerechte“ Sprache ist das Kommunikationsmittel für das Gesamtprogramm „Gender“. Stark vereinfacht geht es bei der erweiterten Gendertheorie um einen Rollentausch Mann – Frau. Sprache prägt unser Denken. Also fördert frauenorientierte Sprache auch  frauenorientiertes Denken. Nebenbei bemerkt: Die Gendertheorie wurde nie validiert, und das sogenannte „Gender Mainstreaming“ (oder auch  „Gleich-Stellung“)  als politisches Instrument kaum in einem öffentlichen Diskurs thematisiert.

Und noch ein Letztes: Die Gendersprache dokumentiert zusammen mit vielen Teilprogrammen (zum Beispiel Gender Diversity, Gender Studies) den totalitären Anspruch der Gendertheorie. Ein solches Gesamtprogramm, nebst seiner bundesweit angelegten Infrastruktur einschließlich der Sprachleitfäden, kann nur mit  staatlichen  Fördergeldern (in dreistelliger Millionenhöhe) installiert und aufrecht gehalten werden.

Wolf Schneider hat zum Thema auch eine passende Wortschöpfung parat: „Da hat eine Minderheit von kämpferischen Feministinnen der deutschen Sprache eine Verunstaltung aufgezwungen, die die Mehrheit gar nicht wollte. Aber es ist nicht durchzuziehen: Es gibt den Sündenbock, aber nicht die Sündenziege.“ Man schmunzelt und geht zur Tagesordnung über…? Nein, sollte man nicht.

Es gibt in unserem Lande Sprachpflegevereine, Vereinigungen von Journalisten und Schriftstellern, Lehrstühle für Linguistik und Germanistik, bibliografische Institute, eine Duden-Redaktion und so weiter.  Keiner beziehungsweise keine von den Vertreterinnen und Vertretern dieser Institutionen hatte je seine/ihre Stimme bisher gegen die Feminisierung der Sprache  erhoben… etwa  aus Angst vor den Feministinnen ? Unser Land: ein Land der Angsthasen und Angsthäsinnen?


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Eckhard Kuhla

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