25. April 2014

Akif Pirinçci Tanz auf dem Fischgrätparkett

Wer mit Stuck und Fischgrätparkett wohnt, sollte sich der professionellen Heuchelei ergeben oder einfach die Klappe halten

Dossierbild

Wir freuen uns sehr, dass „Die Zeit“ in ihrer gestrigen Ausgabe einen Feuilleton-Aufmacher (sogar zweiseitig) bringt, in dem Stefan Willeke von seinen Gesprächen mit aufgebrachten Pirinçci-Anhängern berichtet („Wir Dummschwätzer?“). Sie nämlich hatten „Die Zeit“ mit Protesten gegen den Verriss des Buches „Deutschland von Sinnen“ durch Literaturchef Ijoma Mangold regelrecht bombardiert. Der Bericht über die Rundreise zu mehreren „Zeit“-Lesern ist sehr lesenswert, weil er ziemlich ungefiltert weit verbreitete Meinungen wiedergibt, die eben keineswegs alle „rechts“ sind. Offenbar hatte aber die Redaktion das Gefühl, sich bei ihrem kühnen Griff nach der Wirklichkeit etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt zu haben. Offenbar glaubte sie, diesen Schritt mit einer Untersuchung zum Verlag Manuscriptum und der „neuen Rechten“ kompensieren zu müssen, in der es einmal mehr nicht um die politische oder gesellschaftliche Lage geht, sondern um bloße Verbindungen, Allianzen, Feindschaften und Ängste, auf dass das durchgeschüttelte eigene Weltbild wieder in Ordnung komme.

„Die Zeit“ ließ also den Antisemitismusforscher Gideon Botsch über „Akif Pirinçci und die literarische Provinz der ‚neuen Rechten‘“ schreiben. Seine Herleitung der anstößigen Allianzen funktioniert so: Nachdem die Achse des Guten dank der Distanzierungen einzelner Achse-Autoren von Pirinçci knapp verschont geblieben ist, wird das breite Spektrum der „Islamfeindschaft“ in den Blick genommen. Eine Definition wird nicht geliefert. Botsch begnügt sich damit, randständige Medien und Gruppierungen aufzuzählen, die sich durch die der „Islamfeindschaft“ entsprechenden „Hauptanliegen der neuen Rechten“ auszeichnen, durch „Abgrenzung, Feindmarkierung, Sezession“. Also durch Verhaltensweisen, die es grundsätzlich und prinzipiell nur auf der Seite des politischen Gegners gibt, per Definition sozusagen, weil die Allbegriffe „Mensch“ und „Welt“, die ihm weltoffene Journalisten gewohnheitsmäßig entgegensetzen, niemals als Kampfbegriffe zum Einsatz kommen, sondern immer nur als liebevolle Einladungen an Jedermann.

Auf seinen Geländeerkundungen entfernt sich Botsch dann auch entsprechend weit vom Autor und dessen Buch. „Die Zeit“ aber landet auf diese Weise auf der sicheren Seite, und die Bilanz fällt zu Lasten des Manuscriptum Verlages aus. Die Belastung geschieht durch einfache Zuschreibung, ohne einen Blick in ein einziges Buch aus der Reihe Edition Sonderwege und ohne ein einziges Gespräch mit uns. Für’s nächste Mal: Die einfache Frage hätte lauten können: Was denkt Ihr, was wollt Ihr, worum geht es Euch? Stattdessen gibt es umständliche Herleitungen und einen gravierenden Fehler, „nur“ einen Fehler, aber einen Fehler, der ohne diese großzügige, bösartige Schlampigkeit leicht zu vermeiden gewesen wäre. Es reicht offenbar die Feststellung (darin hat sich das naserümpfende Bürgertum bis heute nicht geändert), dass im Hause Pirinçci der falsche Ton herrsche, dass der Kaffee bitter schmecke und das Porzellan nicht aus der besten aller Manufakturen stamme. Jürgen Kaube, Georg Diez und Caroline Fetcher argumentieren im Prinzip nicht anders. Fischgrätparkett steht nicht jedem zu. Der eine wird darauf geboren, der andere muß es sich leisten können. Aber zum Zwecke des Erwerbs von Fischgrätparkett ein freches Buch schreiben − das geht zu weit.

Wie war nochmal das Verlagsprogramm der Edition Sonderwege ausgerichtet? – An der „neuen Rechten“. Unsere Bücher zu Energiethemen und Lebensrechtsfragen oder zu allseits bekannten Problemen der Massendemokratie sind offenbar nie erschienen. Der Vorwurf des „Radikalnationalismus“ braucht wie bei Gideon Botsch nur irgendwo in einem Text zu stehen, in dem Manuscriptum vorkommt, dann trifft er todsicher auch die sonderbare Truppe aus Waltrop, deren Bücher zu besprechen gewöhnlich nicht für nötig erachtet zu werden braucht. Aber zurück zum Fehler im Text. Es reicht, dass der Verlag auf der Buchmesse Zwischentag vertreten gewesen sein soll, um auf dieser brüchigen Info verstaubte, antifaschistische Locken zu drehen. Bitte sehr, wen’s interessiert… Wir haben aber nie beim Zwischentag ausgestellt, tut uns leid. Mit Pirinçcis Buch und der ihm zugrunde liegenden Lebenswirklichkeit hat dieses halbfleißige, weltabgewandte Unter-den-Teppich-und-hinters-Sofa-Gucken nichts, aber auch gar nichts zu tun. Wie auch Pirinçci (das war der Name des Autors) noch viel weniger mit der „neuen Rechten“ zu tun hat (wir sagten es bereits), außer, dass er dort – wie von vielen begeisterten Frauen, Schwulen und Zuwanderern auch – offenbar mit Zustimmung gelesen wird. Die von rechts kommende Kritik an seinem Buch, die es ebenfalls gibt, wird selbstverständlich unterschlagen. Der Artikel von Gideon Botsch (O-Ton Pirinçci) „geht auf die sogenannte ‚neue Rechte‘ ein. Ich sei ihr Star und hätte ihnen quasi zum Durchbruch verholfen. Wenn das wahr sein sollte, was ich nicht glaube – tja, kann ich auch nix für. Jedenfalls habe ich mit diesen Leuten nichts am Hut, bin in keiner politischen Bewegung tätig, habe nur ein Buch geschrieben.“ (Quelle: Akif Pirinçci auf Facebook)

Einzig die Zürcher Weltwoche stellte in ihrer Ausgabe vom 16. April fest, dass Pirinçci vor allem eines ist, und zwar libertär (L-I-B-E-R-T-Ä-R): „Eigentlich müsste das Buch heißen: ‚Die irre Steuerverschwendung für den Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer‘. Damit würde auch deutlicher, dass der Mann nicht das Geringste gegen Zuwanderer hat, die ihre Rechnungen selber bezahlen wollen und zu denen er übrigens die Mehrheit der Muslime zählt.“ Warum ist es so schwer, das festzustellen und aufzuschreiben? „FAZ“, „Spiegel“, „Tagesspiegel“, „Zeit“ und wie sie alle heißen, tun es um keinen Preis und wundern sich dann, dass ihnen die protestierenden Leser die Foren vollschreiben. Ausgesprochen dankbar aber sind wir für Herrn Willekes offenes Eingeständnis seines entschiedenen Willens zur Heuchelei, über das sich sogar der Perlentaucher mokiert: „Sind wir, die Journalisten der großen Zeitungen, unehrlich? Man muss über uns keine Studien anfertigen, um zu erkennen, dass wir stärker zum rot-grünen Milieu tendieren als die meisten Wähler. Natürlich stammt kaum jemand von uns aus einer Hartz-IV-Familie. Natürlich leben wir viel zu oft in denselben bürgerlichen Stadtteilen derselben Großstädte, in Berlin-Prenzlauer Berg oder in Hamburg-Eppendorf. Altbau, hohe Decken, Fischgrätparkett. Natürlich leidet unser Blick auf die Welt unter dem Eppendorf-Syndrom. Aber nur, weil wir selber in einer Homogenitätsfalle der urbanen Mittelschicht stecken, wird nicht der Umkehrschluss zulässig, Pirinçci leiste aufrichtige Basisarbeit. Viel unheilvoller ist es, wenn der Demagoge Pirinçci von seiner Bonner Villa aus die Geräusche der Straße imitiert, um damit reich zu werden.“

Und wir dachten, für Fischgrätparkett wären wir zuständig, wegen Manufactum und so. Aber nein, auf Fischgrätparkett muss man ja geboren sein. Wer sich das teure Holz durch eigene Arbeit verdient hat, sollte wachsam sein. Da sich Gideon Botsch für jeglichen Hass zu fein ist, bleibt ihm am Ende nur die Frage, ob „man“ demnächst jenen Haß auf Pirinçci „projizieren“ werde, „den er heute noch stellvertretend für den deutschen Mann artikuliert“: „Es darf erwartet werden, dass die Begeisterung recht bald umschlägt.“ Wenn sie das täte, was würde es beweisen? Dass Pirinçci wirklich auf der falschen Seite stand? Eine solche Logik hieße: „Der Feind meines Feindes ist auch mein Feind.“ Eine Freundschaft würde in diesem Satz geleugnet werden, egal welche. Botsch hätte statt „erwartet“ allerdings auch „befürchtet“ schreiben können, das hat er aber nicht getan. Worauf will er also hinaus? Darauf, dass für „Abgrenzung“ und „Feindmarkierung“ nur die „rechten“ Feinde zuständig sind, deren Hilfe gegen einen unbotmäßigen Türken ausnahmsweise willkommen wäre? Den hilfreichen „Rechten“ könnte man im Zweifelsfall rasch Ausländerfeindlichkeit vorwerfen. Das Porzellan wäre gerettet und der Siegellack auf dem Parkettboden auch.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Internetseite Deutschland von Sinnen.


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