02. Mai 2014

Deutschland von Sinnen Besser spät als nie

Eine Einschätzung

In konservativen Kreisen, auch unter Libertären und Christen, wird Akif Pirinçcis Buch „Deutschland von Sinnen - Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“ aktuell hoch gehandelt. Endlich mal einer, der sagt was er denkt, der den Gender- und Sozialingenieuren mit ihrem pseudointellektuellen Argumentationen den Spiegel des gesunden Menschenverstands vor die Nase hält. Und ich gebe zu, auch ich freue mich diebisch, wenn ich die schnappatmenden Reaktionen in deutschen Feuilleton-Redaktionen sehe, die sich krampfhaft bemühen, die Contenance zu wahren und ihre Leserschaft, die den Worten Pirinçcis teilweise begeistert zujubelt, in die Schranken zu weisen.

Mit dieser Rezension bin ich daher auch – das Buch ist bereits Ende März erschienen – ein bisschen spät dran, aber wenigsten wollte ich es vorher vollständig gelesen haben, bevor ich einen Text dazu verfasse. Dass das so lange gedauert hat, lag an meinen anderen Leseprojekten und ist dem Buch nicht anzulasten. Es liest sich locker weg, man merkt, dass Pirinçci in der Lage ist, so zu schreiben, dass er auch verstanden wird – was viele andere, egal wie auch immer gelagerte, politische Autoren oft nicht zustande bringen. Das fast zeitgleich erschienene neue Buch Thilo Sarrazins („Der neue Tugendterror: Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland“) ist so ein Vertreter: gut fundiert aber sterbenslangweilig.

Pirinçci dagegen ist ein Meister des – ich bitte die Wortwahl zu entschuldigen, wer sich an ihr stört, wird aber mit dem hier besprochenen Buch sicher nicht glücklich – „Auf die Kacke hauen“. Politische Korrektheit schert ihn nicht, derbe Wortwahl ist bei ihm Stilmittel, seinen Punkt zu machen. Das eine oder andere mal hätte man den Eindruck, dass es den jeweiligen Kraftausdruck nicht gebraucht hätte, aber das ganze Buch ist ein Wutgebrüll – da ist kein Platz für feine Differenzierungen.

Und so schlägt er los, wie der Titel richtig verspricht, gegen… nein, nicht gegen Frauen, sondern gegen das, was heute unter Emanzipation verstanden wird, gegen…nein, nicht gegen Homosexuelle, auch wenn ihm das vorgeworfen wird, sondern gegen die Idealisierung eines Lebensstils, der für sich als Minderheit Sonderrechte beansprucht, legitimiert alleine aus dieser Minderheitenrolle heraus, und gegen… nein, nicht gegen Zuwanderer, seine Eltern waren selbst welche, sondern gegen den Hype der in Deutschland um jeden gemacht wird, der, ob benötigt oder nicht, ob politisch verfolgt oder nicht, in unser Land will.

Diese drei im Buchtitel bereits benannten Gruppen trifft es aber nur – das macht Pirinçci deutlich – stellvertretend. Denn weder Frauen, noch Homosexuelle noch Zuwanderer sind das Objekt seiner Kritik. Es ist der Staat selbst, besser dessen Organe, wobei er dabei wenig zwischen bundesdeutschen und EU-Institutionen differenziert. Die tun nämlich alles, um Freiheiten zu beschränken, die Bevölkerung zu erziehen zu einem neuen Menschen, der die Vernunft als reaktionär ablehnt und so tut, als sei es eines der größten Fortschritte der Menschheit, normale Glühbirnen durch hochgiftige aber angeblich klimaschonende Funzeln zu ersetzen. Und es sind die Menschen, die dieses Spiel wie die Lemminge mit machen, und sich von der Angst, die eigene wirtschaftliche und soziale Existenz in die eigenen Hände nehmen zu müssen, wie an einem Nasenring durch die Arena eines außer Kontrolle geratenen Sozial- und Nanny-Staates führen lassen.

Dabei hat Pirinçci einen Idealstaat – oder besser eine Idealnation – vor Augen, die er auch in den blumigen Formulierungen im ersten Kapitel seines Buches mit dem poetischen Titel „Deutschland, meine Mutter“ beschreibt, angereichert allerdings um seine persönlichen Vorstellungen, wie eine ideale Gesellschaft heute aussehen sollte. Und an dieser Stelle, nach der berechtigt harten Kritik an den vorgefundenen Zuständen, beginnt die Schwäche des Buches. Wobei: Vielleicht ist es gar keine Schwäche des Buches, sondern nur eine Schwäche derjenigen, die das Bauch als beste Erfindung seit geschnittenem Brot preisen. Denn man kann Pirinçci nicht vorwerfen, sein persönliches ideales Gesellschaftsmodell darzulegen – man muss aber schon genau hinschauen, wenn man sich als Libertärer oder als Christ vor seinen Karren spannen lässt.

Denn Pirinçcis Idealgesellschaft ist in aller erster Linie mal säkular. Dass er gegen Frauen in Kopftüchern und bärtige Muslime wettert, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Pirinçci Religion an sich als ein überholtes, nicht gesellschaftskonformes Modell bewertet. Das Christentum wird von ihm, da hier historisch gewachsen, toleriert. Eine innere Verbundenheit liegt dem aber nicht zugrunde. Pirinçcis Welt ist eine Welt des Hedonismus, eine Welt ohne wirkliche Transzendenz, eine Welt deren Werte aus demokratischen Mehrheiten erwachsen korrigiert um das, was Pirinçci eben für vernünftig hält. Das alles ist nicht direkt antichristlich, es ist aber auch kein Grund, sich als Christ hinter dieses Buch zu stellen. Christen und die Botschaft des Buches eint die Kritik an Genderideologien, an der politischen Bevorzugung des Islam und ein paar weiteren übereinstimmenden Punkten, das aber ist zu wenig um es für ein christliches Buch zu halten. Und noch mal in aller Klarheit: Ich nehme auch nicht an, dass Pirinçci sein Buch als solches verstanden wissen will.

Bleibt die Frage nach den libertären Wurzeln des Buches. Da wird man schon eher fündig, denn Pirinçcis Kritik am Staat ist umfangreich und begründet sich exakt in dem Punkt, an dem auch Libertäre ansetzen: Die Möglichkeit der Selbstverantwortung der Menschen. Was heute einen Sozial- und Nannystaat legitimiert ist die Angst der Menschen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Dieser Analyse des Autors mag ich nicht widersprechen, und sie erweitert die „libertäre“ Diskussion um einen wichtigen, oft auch von mir übersehenen Punkt: Es ist nämlich nicht nur der Staat, der Kompetenzen wie ein Magnet an sich zieht, es sind auch die Menschen, die ihre Eigenverantwortung nur zu gerne abgeben, um ja nicht ein existentielles Risiko einzugehen. Eine, wenn man so will, unselige Allianz zwischen Staat und staatsorientierten Menschen festigt ein System, dass wirtschaftlich so nicht auf ewig existenzfähig ist.

Das Zurückdrängen des Staates kann man also durchaus als Zielrichtung des Buches begreifen. Pirinçci listet minutiös und prägnant Punkte auf, in die der Staat zu unser aller (vermeintlichem) Wohl eingreift, und die letztlich nur dazu führen, uns in eine weitere Abhängigkeit vom Staat zu führen, und in Wirklichkeit nicht unseren Wohlstand sichern sondern möglichen, flächendeckenden Wohlstand reduzieren. Insoweit ist „Deutschland von Sinnen“ eine möglichst weite Verbreitung zu gönnen, setzt es doch sicher bei vielen einen Gedanken in Bewegung, der bislang ziemlich eingerostet im Hirn sein Dasein fristete: Den Gedanken, frei zu sein, den Gedanken, dass der Staat ihm und dem Land und nicht er dem Staat zu dienen habe.

Für Profiteure des bestehenden Systems macht genau das dieses Buch so gefährlich: Sozialingenieure, Genderideologen, Zwangsbildungsprotagonisten, jede steuerfinanzierte Einrichtungen, die aus sich heraus keine Existenzberechtigung herleiten kann – herrlich, das Kapitel über das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen – sie alle profitieren davon, dass nur noch rund ein Viertel der Deutschen tatsächlich das Vermögen erzeugen, von dem die restlichen Dreiviertel nicht schlecht leben. Und sie alle, und nicht die im Buchtitel genannten, sind die Feinde einer freien Gesellschaft, der Pirinçci als Gegenmittel zum Beispiel die konzertierte Steuerhinterziehung vorschlägt.

Wer das Buch aber mit wachem Verstand liest, der muss spätestens an einer Stelle stutzen, über die ich aus meiner persönlichen Sicht gestolpert bin. Es geht in Pirinçcis Beschreibung seiner Idealgesellschaft dabei um die Trennung von Staat und Religion. Und was dort steht muss nicht nur Christen sondern auch Libertären in den Ohren klingeln:

„Staat und Religion werden streng voneinander getrennt, die Kirchensteuer wird abgeschafft. Es ist verboten, weitere Sakralbauten zu erreichten, konkret Moscheen. Kein klar denkender Mensch wird ja wohl im heutigen Deutschland auf die Idee kommen, noch eine Kirche hinzustellen, nicht einmal die katholische Kirche selbst. Wir sind eine durch und durch säkularisierte Gesellschaft, und derjenige, der mit Religionsfreiheit und in deren Folge mit dringend benötigten Bethäusern argumentiert, tut es in Wahrheit nur, weil er eine religiöse, also gegen unsere Lebensform gerichtete Gesellschaft anstrebt. Brauchen wir nicht, Pech gehabt!“ (Seite 115)

Bei einem Gesellschaftsanteil von rund 35 Prozent Konfessionslosen, damit 65 Prozent in irgendeiner Form einer Religion verbundenen Menschen, und sei es noch so locker, ist das mit den „klar denkenden Menschen“ und der „gegen unsere Lebensform gerichteten Gesellschaft“ schon eine steile These. Aber selbst wenn sich der Anteil auf eine verschwindende Minderheit reduzieren sollte – wer sollte denn Sakralbauten verbieten, und seien es Moscheen? Ein Bauamt? Das Innenministerium? – Vulgo: Der Staat?

Es sind Formulierungen wie diese, die mich daran zweifeln lassen, dass Akif Pirinçci ein Libertärer ist, der den Staat wirklich in seine Schranken weisen möchte. Er ist sicher ein freiheitsliebender Mensch, und man kann seiner Analyse der faktischen Freiheitsberaubung durch den Staat wiederum, wie seiner Kritik an antichristlichen Tendenzen, nur anschließen. Die Gesellschaftsform, die er propagiert ist aber dabei genau so wenig libertär, wie sie christlich ist. Und auch in diesem Fall: Den Begriff des Libertarismus benutzt Pirinçci an keiner Stelle, man kann ihm also nicht vorwerfen, von sich zu behaupten, ein Libertärer zu sein, auch nicht, dass er selbst sein Buch als libertäres Manifest, wie es einige verstehen wollen, bezeichnet hätte.

Was bleibt? Der Stil des Buches ist gewöhnungsbedürftig, das Schielen unter die Gürtellinie wirkt für meinen Geschmack oft orientiert am Willen zur Provokation. Darüber mag der eine oder andere Leser den Inhalt geringschätzen, was in der Tat schade wäre, denn in der Analyse liegt Pirinçci richtig, und liefert mit der These der irrationalen aber eben vorhandenen Angst der Menschen vor der Selbstverantwortung einen wichtigen Beitrag zur Diskussion um die Freiheit in der Gesellschaft. An seinem Ideal der freien und säkularen Gesellschaft kann man noch arbeiten, aber es wäre für mich auch nicht der Anspruch, bei einem Autor jeden Satz richtig zu finden, den er schreibt. Bestimmte Thesen finden meine Zustimmung, viele sind bedenkenswert, manche würde ich so nicht unterschreiben. Ich gehöre aber auch nicht zu denen, die glauben, ein Autor müsse mir aus der Seele schreiben – Pirinçci schreibt aus seiner Seele und behauptet auch gar nichts anderes, und wenn ich ein Buch lesen möchte (abgesehen von der Bibel) hinter dem ich hundertprozentig stehe, dann müsste ich selbst eins schreiben (und umgehend lesen, denn hoffentlich werde ich auch noch mal schlauer).

Aber alleine die Show, wie sich Medienschaffende heute winden, um aus dem Buch die Fortsetzung von Hitlers „Mein Kampf“ zu machen, um den Autor so zu diskreditieren, oder so tun, als sei er lediglich der „nützliche Idiot“ einer imaginären Neuen Rechten, alleine der pointierte Hinweis auf dramatische Fehlentwicklungen, die gerne als gesellschaftlicher Gewinn verkauft werden – alleine das macht das Buch schon lesenswert und wir dürfen so lange darauf bauen, dass in Deutschland noch nicht alles verloren ist, wie ein solches Buch Leser findet und veröffentlicht wird. Läge „Deutschland von Sinnen“ wie Blei in den Buchhandlungsregalen, müsste man mit Blick auf unsere deutsche Zukunft weitaus skeptischer sein.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.


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