05. Mai 2014

Rezension Theopolitik und Geburtenrückgang

Über David Goldmans „How Civilisatons die (and why Islam is dying too)”

Der Publizist David Goldman gehört international zu den interessantesten konservativen Köpfen. Mit seiner analytischen Schärfe und seinen unorthodoxen und immer kontroversen Betrachtungen hat er sich unter dem Pseudonym „Spengler“ als Blogger der „Asia Times“ einen Namen gemacht. Das Pseudonym kam nicht von ungefähr. Wie Oswald Spengler in seinem Hauptwerk „Der Untergang des Abendlandes“ zeichnet Goldman kulturelle Verfallsprozesse nach und beschreibt den demographischen Umbruch in vielen Ländern dieser Welt. Seine Sichtweisen hat er in einem Buch mit dem plakativen, an Oswald Spengler angelehnten Titel „How Civilisatons die (and why Islam is dying too)“ („Warum Zivilisationen sterben und warum auch der Islam stirbt“) zusammengefasst. Dieses Buch hat in Deutschland wenig Beachtung gefunden. Das wohl, weil sich sein Standpunkt kaum in die hiesigen Denkmuster und Kontroversen einordnen lässt. Goldman vertritt einen universalistischen Konservatismus auf der Basis der jüdisch-christlichen Tradition.

Ein Konservativer kritisiert die Ideologie von Clan und Nation

Dass konservative Publizisten und Denker den demographischen Niedergang Europas beklagen, das ist nicht neu. Originell an Goldmans Buch ist, dass er den Islam nicht mehr unter dem Gesichtspunkt seiner demographischen Dynamik betrachtet, sondern den demographischen Niedergang der islamischen Welt beschreibt und voraussagt. Der Islam werde Europa nicht überrollen, sondern folge den Europäern auf dem Weg zur Vergreisung mit Siebenmeilenstiefeln. Prozesse, die in Europa hundert Jahre gedauert haben, vollziehen sich in der islamischen Welt in wenigen Jahrzehnten. Zugleich skizziert Goldman nicht nur die Ideologie des muslimischen Clans, sondern auch die Ideologie der Nation als Irrweg, der in den demographischen Niedergang führt. Goldman geht es darum, die Religion von Clan und Nation zu lösen. Der Clan zeichnet für ihn für den demographischen Niedergang in der islamischen Welt und die Nation für den demographischen Niedergang in Europa verantwortlich.

Ökonomische Ursachen des Geburtenrückgangs

Ökonomen wie Gary Becker hatten den Geburtenrückgang auf die veränderten ökonomischen Rahmenbedingungen zurückgeführt. Die Geburtenrate falle, weil die ökonomischen Anreize, die früher zu hohen Geburtenzahlen geführt hätten, nicht mehr vorhanden seien. Goldman stimmt dem im Prinzip zu. Der Mensch sei das einzige Wesen, das sich bewusst gegen Kinder entscheiden könne. Er beschreibt diesen Umstand mit dem witzigen Bild, es sei noch keine Katze gesichtet worden, die auf Kätzchen verzichtet hätte, um ihre Karriere als Mausefänger nicht zu gefährden. Wenn die ökonomischen Vorteile und Zwänge für die Aufzucht von Kindern wegfallen, dann fällt die Geburtenrate fast automatisch unter die Bestandserhaltung, wenn nicht starke ideologische Motive entgegenwirkten. Die wichtigste Motivation, warum Menschen sich für Kinder entscheiden, das ist nach Goldman die Religion.

Religiöse Ursachen des Geburtenrückgangs?

Goldman räumt ein, dass das Bildungsniveau von Frauen der wichtigste messbare Faktor ist, um den Haupttrend dieser Entwicklung zu erklären. Die Religion bestimme aber darüber, so Goldman,  wie tief die Geburtenraten fallen, ob sie knapp über der Reproduktionsrate von 2,1 bleiben oder weit unter die Reproduktionsrate fallen. Der Ansatz, die Geburtenraten unterschiedlicher Bevölkerungen mit Unterschieden in deren Religiosität zu erklären, ist nicht neu. Dieser Erklärungsansatz, der durchaus plausibel zu sein scheint, stößt aber an empirische Grenzen. Es gibt Phänomene, die sich damit schwer erklären lassen.  Zwar sind innerhalb unserer Gesellschaft die Geburtenraten von Kirchgängern höher als die von Nichtkirchgängern oder gar Atheisten. Aber im globalen Vergleich spiegelt sich das nicht wider. Das katholische Polen, Spanien und Italien gehören zu den geburtenschwächsten Ländern der Welt. Nicht einmal auf den Islam ist noch Verlass: Die Geburtenraten im Iran, in der Türkei, in Tunesien, Algerien und anderen muslimischen Staaten sind massiv eingebrochen.

Der Geburtenrückgang in der islamischen Welt

Goldman versucht das in ein Erklärungsmodell zu integrieren, das er als „Theopolitik“ in Abgrenzung zur klassischen Geopolitik bezeichnet. Das heißt, er erklärt politische und demographische Tendenzen mit der unterschiedlichen Theologie. Den Fundamentalismus im Islam interpretiert Goldman als Krise des islamischen Glaubenssystems. Es sei charakteristisch für Kulturen, die sich vor dem Kollaps befinden, sich noch ein letztes Mal aufzubäumen, bis sie in sich zusammenbrechen oder verlöschen. Der Islam als kulturelles System ist nach Goldmans Ansicht zum Untergang verurteilt. Es gibt nach Goldman für islamische Länder nur zwei Alternativen: sich komplett abzuschotten und sich damit selbst zu Rückständigkeit und Armut zu verurteilen oder sich der Moderne zu öffnen und unterzugehen. Das begründet er wie folgt: Der Islam sei mit einer bestimmten Form von Sozialgefüge untrennbar verbunden. Die ideale politische Ordnung sei das Kalifat. Die Familie und der Clan seien ein Kalifat im Kleinen. Solange das System geschlossen und abgegrenzt bleibe, seien die Reproduktionsraten ausgesprochen hoch, so wie heute noch in Pakistan. Sobald das System sich aber öffne und Frauen am Bildungssystem teilnähmen, wie in der Türkei, in Algerien und dem Iran, falle die Geburtenrate nicht nur, sondern sie stürze regelrecht ab. Die islamische Welt werde Europa in den demographischen Niedergang folgen oder es sogar überholen.

Türkische und kurdische Geburtenraten

In diesem Zusammenhang nimmt Goldman zwei Fallbeispiele genauer in den Blick, den Iran und die Türkei. Ein türkischer Sarrazin könnte im Grunde das gleiche Buch nur mit anderem Titel schreiben, „Die Türkei schafft sich ab“.  Die Differenz in den Geburtenraten zwischen Türken und Kurden in der Türkei ist inzwischen wesentlich größer als die Differenz zwischen den Geburtenraten von Deutschen und Einwanderern in der Bundesrepublik. Pro Frau liegen die Reproduktionsraten der türkischen Bevölkerung in der Türkei bei 1,5 Kindern, die Geburtenrate einer kurdischen Frau liegt im Schnitt bei vier Kindern. Goldman weist darauf hin, dass unter diesen Umständen bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts die Kurden unter den Männern im wehrfähigen Alter die Mehrheit stellen werden. Den Aufstieg der islamischen Fundamentalisten und der AKP in der Türkei beschreibt er als Panikreaktion konservativer muslimischer Schichten, die den Niedergang aber nicht aufhalten werde.

Glaube, der in „Blut und Boden“ verwurzelt ist, stirbt mit der Moderne

Was hat das nun alles mit den Geburtenraten der Europäer zu tun? So wie der Islam seine Religiosität an das Familien- und Clansystem gekoppelt habe, hätten die Europäer seit der frühen Neuzeit ihre Religiosität mit der Nation verbunden. Diese Entwicklung sei von Frankreich unter Richelieu ausgegangen, das als erstes den christlichen Universalismus verlassen und die Kirche zu einem Werkzeug der nationalen Identität gemacht habe. Auch in Irland, Québec und Polen sei der Glaube im Wesentlichen ein Instrument zur Bewahrung der nationalen Identität gewesen. Goldman fasst seine These zusammen: „Glaube, der in Blut und Boden wurzelt, wird geschwächt, wenn die Menschen den Schritt aus der traditionellen Gesellschaft in die moderne Welt unternehmen.“ Das gelte ebenso für den Islam wie für das national bestimmte Christentum in Europa und seine außereuropäischen Ableger wie die französischsprachige Minderheit in Kanada.

Québec: Katholizismus, Identität und Geburtenrückgang

Zu diesen Ablegern gehört das französischsprachige Québec in Kanada. Dessen Einwohner hatten geschafft, ihre nationale Identität trotz der britischen Vorherrschaft zu erhalten – auch dank des Einflusses der katholischen Kirche. Religion wurde zu einem Instrument zur Erhaltung der nationalen Identität. Im Jahr 1960 verzeichnete die französischsprachige Minderheit in Kanada noch den höchsten Anteil katholischer Gottesdienstbesucher in der westlichen Welt, die Geburtenrate lag bei vier Kindern pro Frau und war ebenfalls eine der höchsten der westlichen Welt. Die Geburtenrate ist inzwischen auf 1,5 Kinder pro Frau gefallen. Eine ähnliche Entwicklung ereignete sich in Spanien. In der Mitte der 70er Jahre lag die Geburtenrate bei fast drei Kindern pro Frau, heute liegt sie bei 1,4. Als im Jahr 1979 Papst Johannes Paul II. Warschau besuchte, lag die Geburtenrate in Polen noch zwischen zwei und drei Kindern und war damit eine der größten Europas. Heute ist sie mit 1,2 Kindern eine der niedrigsten der Welt. Irland werde diesem Beispiel folgen.

Evangelikale Christen und orthodoxe Juden als demographische Ausnahme

Goldmans persönliche Sympathie gehört eindeutig den evangelikalen Christen in den USA und dem orthodoxen Judentum. Beide Religionsgruppen sind mit dafür verantwortlich, dass die USA und Israel zu den geburtenstarken Ländern der westlichen Welt zählen. Dass aber ausgerechnet Judentum und evangelikaler Protestantismus Beispiele für nicht nationalisierte Religionen sein sollen, das wirkt doch sehr weit hergeholt. Vielmehr ist die starke Verbindung zwischen Protestantismus und US-Patriotismus  unübersehbar. Und im Judentum kann man nur schwer zwischen Religion und kollektiver Identität unterscheiden. Es ist schwer, überhaupt eine Religion zu finden, die völlig ohne Verbindung zur kollektiven Identität auskommt. Dass ausgerechnet Frankreich, von dem die Nationalisierung der Religion ja ausgegangen sei, eine Geburtenrate etwa auf dem Niveau der USA aufzuweisen hat,  ignoriert Goldman ebenso wie den Umstand, dass auch Lateinamerika denselben Trend zu niedrigen Geburtenraten zeigt, obwohl hier die historische Entwicklung anders verlaufen ist.

Die Theopolitik trägt nicht als Erklärungsmodell

Kurz gesagt, seine Erklärung ist zwar originell, wirkt aber zugleich reichlich konstruiert. Es spricht eigentlich alles dafür, den Rückgang der Geburtenrate als Normalität und die relativ hohen Geburtenraten bei den evangelikalen Christen und orthodoxen Juden als zwei Ausnahmen von der Regel zu untersuchen, von denen wir heute nicht sagen können, ob diese Situation so bestehen bleibt. Eine einleuchtende Erklärung für diese beiden Ausnahmen von der Regel bietet auch Goldman nicht. Das Buch ist geistreich, gut geschrieben, aber seine Kernthese, dass die demographische Entwicklung aus der Theologie heraus erklärt werden kann, kann er mit seinen – durchaus interessanten – Ausführungen nicht belegen. Eine soziologische und ökonomische Erklärung der Entwicklung ist tragfähiger. Die Perspektive, die er für die islamischen Clangesellschaften skizziert, totale Abgrenzung oder langfristige Aushöhlung im Zuge der Globalisierung, scheint hingegen plausibel. Das lässt sich mit Gary Becker allerdings ebenso gut erklären wie mit David Goldman.

Link:

David Goldman, How Civilisatons die (and why Islam is dying too) (amazon.de)


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